Manuskripte und Vorträge



I. ....und bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge." Vorüberlegungen zum Sich-Bewegen in pädagogischer Absicht (Aufsatz)

II.  Eigenbewegung – Urbanität – Gesundheit (Kurzvortrag)
III.  Der Tod des Autos wäre das Ende vieler Krankheiten (aus Iley)
IV.  Du kannst viel mehr, als Du denkst! (unveröffentlichtes Buchmanuskript)




I. ".....und bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge." Einige Vorüberlegungen zum Sich-Bewegen in pädagogischer Absicht

Wenn im Folgenden von Bewegung  gesprochen wird, ist die Eigenbewegung, das Sich-Bewegen gemeint. Wenn  in dieser Arbeit von Körper gesprochen wird, ist der Leib, also der  beseelte Körper gemeint.  Mit dieser zugegebenerweise etwas prosaischen Ausdrucksweise  soll ausgesagt werden, dass der Körper dann Leib ist, wenn Subjekt und Objekt, wenn Geist und Körper identisch sind. Also nur aus der Binnenperspektive entstehen Aussagen von und über den Leib, während die Fremdperspektive nur über Körper zu reden vermag. Die äußerst schwierige und immer noch nicht entschiedene erkenntnistheoretische Frage, was  diese Binnenperspektive ausmache und wie sie sich konstituiert, ob das Subjekt plural oder einheitlich konstituiert,  was das Bewusstsein überhaupt sei, wie sich beide zueinander verhalten, lasse ich hier offen. Der „beseelte“ Körper ist immer ein sich bewegender: Bewegung und  Leib bzw. Körper bilden eine unauflösbare Einheit.

Johann Gottfried Seume (1763 – 1810), der berühmte Spaziergänger nach Syrakus, von dem dieses im Titel aufgeführte Zitat stammt, war kein Naturschwärmer und auch nicht ein von romantisch-ziellosem Fernweh Ergriffener, sondern beschrieb in seinen Reiseberichten die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse der jeweiligen Länder in durchgehender aufklärerisch-kritischer Perspektive. Er wanderte nicht, sondern er ging. Gehen war für Seume die intensivste Form von Wirklichkeitserfahrung (vgl. Kesting, 2001).
Dieses gewichtige Zitat gewinnt an Plausibilität, wenn man es im Kontext liest. Die entscheidende Passage aus dem Reisebuch „Mein Sommer“ lautet:
 
„Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch (von Menschen und der Welt, wäre meine Interpretation; BM) mehr, als wer fährt. Überfeine und unfeine Leute mögen ihre Glossen darüber machen nach Belieben; es ist mir  ziemlich gleichgültig. Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Mann (und natürlich auch in der Frau. Nach einigen römischen Autoren  wird übrigens im Gang  (bestimmter) Frauen das Göttliche offenbar, BM)   und bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge ....Wo alles zuviel fährt, geht alles sehr schlecht, man sehe sich nur um! Sowie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich um einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt.“

Die Gedanken Seumes sind aktueller denn je, da das Gehen, das ausschließlich auf Eigenenergie beruhende Sich-Fortbewegen, immer häufiger durch Formen des passiven Transports ersetzt wird. Körperliche Betätigungen und Bewegungsaktivitäten in der alltäglichen Lebenswelt sind signifikant geringer geworden. Dass dieser  in der Regel von Wirtschaft und Konsumenten unisono als Fortschritt und Gewinn interpretierte und gelebte Prozess Verluste impliziert, die weit über die gerade noch wahrgenommenen Rückenschmerzen und Gewichtszunahmen hinausgehen, die, wie Seume meinte, die Humanität und damit zentral Pädagogik tangieren, versucht  vorliegender Aufsatz bewusst zu machen.  Es wird dabei  kein Anspruch auf  Systematik oder gar Vollständigkeit erhoben, sondern  auf einige wenige Dimensionen  in Tiefenstrukturen hingewiesen  und für die Pädagogik diskutierbar gemacht - Dimensionen, die meiner Ansicht nach  in der einschlägigen Literatur einschließlich der  von Hans Günther Homfeldt herausgegebenen, nur am Rande oder gar nicht thematisiert werden.  
Inwieweit man  im bereits erreichten Stadium der Entkörperlichung und tendenziellen Bewegungslosigkeit  überhaupt  in der Lage ist, diese Frage angemessen zu begreifen und  umzusetzen, ist  offen. Denn es geht nicht primär um  Sport, Fitnesstraining, Brain-Gym usw.,  sondern um die   Stärkung des sich bewegenden Körpers im Alltag, in alltäglichen Lebenszusammenhängen und auch in und als Lernsituationen. Es geht um den Leib, mit dessen Hilfe man etwas realisiert, über sich selbst und die Welt etwas erfährt und sich aneignet, mit anderen interagiert und kommuniziert.  Hier könnte man sicherlich auch von Kindern lernen. Wenn wir dafür  Möglichkeitsräume  öffnen wollen, dann müssen wir diesen Entkörperungsprozess (ein Stück) aufheben und in neue, fruchtbare Bahnen lenken.

Vielleicht haben  Sie als Leserin oder Leser inzwischen gedacht, dass die Rede  über das Verschwinden des   menschlichen Leibes  (von den Körpern in der Welt ist hier nicht die Rede) und die  drastische Reduzierung seiner Eigenbewegung  in der gegenwärtigen Informationsgesellschaft sattsam bekannt und von daher gegenstandslos sei. Handelt es sich  hier nicht wieder um  eine  kulturkritische Position, die über Rousseau, Reformpädagogik bis hin zur Erlebnispädagogik auch in Theorie und Praxis der Erziehung  eine immer wiederkehrende Konstante darstellt? Ein solcher Einwand ist bedenkenswert: Skepsis und Einspruch sind  notwendig, wenn Ideologiebildung bis hin zu Mystifizierungen im Spiele sind. In diesem Zusammenhang muss zumindest Folgendes  klar sein:
a) Der Blick in die Vergangenheit, zumindest in die geschichtliche, bringt mehr Problematisches  (Foucault, Elias, Rutschky mögen hierfür stehen) als Wünschenswertes zum  Vorschein.
b) Die Wiedereinsetzung des Körpers und der Bewegung sind  keine Garantie für die Entfaltung von mehr Humanität (so z. B. im Faschismus). Der Körper ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Humanität.
c) Wie integriert das System "beseelter Körper" auch gedacht wird, zwischen den einzelnen Elementen besteht keine Kausalität.
d) Auch der Körper ist nicht die letzte Grundlage, der Archimedische Punkt für Erkenntnis, Moral und Glück. Denn er ist  fragil, störanfällig, von  Sorge durchdrungen.

Dass aber der Körper überhöht, mit seinem Konzept Missbrauch getrieben wurde, ist  kein  Grund, auf eine rationale Analyse seiner Bedeutung zu verzichten. Vielmehr gilt es,  genau hinzusehen, was da  eigentlich verschwindet und denkend einzuhalten, um eventuell andere Wege einzuschlagen.
Es wäre technologisch-kausales   Denken, umstandslos auf  Zukunft schließen zu wollen.  Hölderlins vielzitiertes Wort "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" trifft zu, weil der Mensch als conditio sine qua non über Freiheit verfügt, die aus ihm unkontrollierbar immer wieder hervorbrechen kann. Auch der gefesselte  Körper kann  ein Speicher und ein  Generator für Möglichkeiten sein, gesetzte Grenzen zu überwinden. Wissend, dass eine solche Emanzipationsbewegung immer auch  auf Geist angewiesen ist,  gilt es,  neue Perspektiven kennen zu lernen, sich mit ihnen auseinander zu setzen und so seinen eigenen körperlichen Stand- und Entwicklungspunkt zu gewinnen. Die folgenden Abschnitte habe ich bewusst "Perspektiven" genannt, um ihre prinzipielle Unabgeschlossenheit,   Subjektivität und das Faktum der unvermeidbaren Überschneidungen  einzufangen. Auch versteht sich, dass  die jeweilige Perspektive nur in Teilbereichen ausgeleuchtet wird.

Im Folgenden werden  sechs   Perspektiven   thematisiert: die der künstlichen Intelligenzforschung (1), die systematisch-erkenntnistheoretische (2), die kognitionswissenschaftliche (3), die anthropologische (4), die kinästhetische  (5)  und schließlich die gesellschaftliche (6).

1. Die Perspektive der künstlichen Intelligenzforschung: Der Leib als Wertelieferant
Um deutlich zu machen, dass der Körper eine  condition humaine  ist, folgender erster, wenn auch indirekter  Beleg: Nach der Theorie der sogenannten verkörperten und situierten Künstlichen Intelligenz scheiterten bisher alle Versuche,  autonome künstliche Intelligenzsysteme zu realisieren auch daran, dass diese Systeme über keinen Körper verfügen (Brooks 1991, S. 139 – 160), Dennett 1990, S. 147- 171),  Gold/Engel 1998).  Warum ist das ein Problem? Nur über den Körper  kommen die notwendigen und unverzichtbaren Werte in das kognitive  System hinein. Diese Werte entscheiden über Setzungen, Selektionen, Präferenzen aus der unendlichen Zahl aller kombinatorischen Möglichkeiten. So ist selbst die Setzung, die Logik zur Richtschnur von wahren und falschen Verknüpfungen zu machen, eine wertende.   Ginge man nicht von einem Leib aus, müsste man auf idealistische Konzepte zurückgreifen -  was ja im  kognitivistischen  Wissenschaftsverständnis nicht zulässig wäre - oder  emergenzphilosophische Konstrukte  heranziehen. Als reale Quelle und als Erklärung bleibt dann nur der sich bewegende Körper übrig. 
Das Paradoxon besteht also darin, dass eine der avanciertesten und abstraktesten Wissenschaften wie die Kognitionswissenschaften  händeringend nach einem Körper sucht. Hier ist aber  nicht der "theoretische", isolierte Körper, sondern der in  Gesellschaft und Natur, in die jeweiligen Lebenswelten  eingebettete gemeint.  Verzichten wir auf den Körper, so verzichten wir  auf  rationale Bejahung,  Kritik, Modifikation, Weiterbildung oder Negation. Es bliebe  ein  einziger Wert bestehen:  die einmal überkommene und übernommene Aufgabe, alle intern-geistigen  und äußerlich-materiellen Hindernisse, die die technologisch eingeschlagene  Entwicklungsrichtung  behindern, zu beseitigen.

Haupteinsicht aus der künstlichen Intelligenzforschung:
Es gibt keine leib-losen Werte

2. Die systematisch-erkenntnistheoretische Perspektive:  Der Leib im Erkenntnisprozess
Hier geht es im Wesentlichen um eine (a) systematische und  b) zeitliche Dimension.

a) Erkenntnistheoretische Systeme, die aus der Aufklärung kommen oder ihr verpflichtet sind, haben große Schwierigkeiten, den  Körper systematisch-konstitutiv zu verorten. In der Einleitung  zur transzendentalen Logik schreibt Kant: "Wollen wir die Rezeptivität unseres Gemüts, Vorstellungen zu empfangen, so fern es auf irgend eine Weise affiziert  wird, Sinnlichkeit nennen; so ist dagegen das Vermögen,  Vorstellungen selbst hervorzubringen, oder die Spontaneität des Erkenntnisses, der Verstand"(Kant 1966, S. 120).  Sinnlichkeit und Verstand  sind also die zwei Quellen der Erkenntnis. Natürlich ist auch hier die Sinnlichkeit  an Sinnesorgane, insbesondere an die Augen  (und damit auch an den Körper) gebunden, aber es ist eine  reduzierte Sinnlichkeit, die,  vom Verstande geleitet, dessen Vorgaben in der Außenwelt lediglich bestätigt. Das erkennende Subjekt wird zu einem punktförmigen, fast  körperlosen  Selbst. Der Körper wird aus erkenntnistheoretischer Perspektive überflüssig.

                 Sinnlichkeit                  Verstand





                                    Erkenntnis

Die radikalste Kritik dieser Auffassung kulminiert sicherlich  in Nietzsches Leib- und Sprachphilosophie. Um die große  Bedeutung des  Körpers  im Erkenntnisprozess  möglichst tief  zu fundieren, halte ich es für sinnvoll,    auf das Modell des Gestaltkreises   (V. von Weizsäcker) bzw.  des  Funktionskreises  (J. v. Uexküll) zurückzugreifen. Nach diesen Autoren bilden Muskelsystem und  Nervensystem  die physiologische  Basis der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen.

Erweitert man Wahrnehmen um die  höheren psychischen Funktionen wie Fühlen, Behalten und Denken, dann kann man diese Einheit als verschiedene Stufen von  Erkenntnismöglichkeiten  interpretieren. Die psychischen Funktionen sind im Nervensystem, die  Bewegungen im Muskelsystem lokalisiert. Beide Systeme müssen intern und wechselseitig interagieren, wenn  Erkenntnis entstehen soll.


Nerven                                                     Muskeln

Vernunft

Verstand

Gefühl                                                        Bewegung 

Wahrnehmung
  
vegetative Prozesse


An dieser Graphik ist  deutlich erkennbar, dass das Modell der Aufklärung (Sinnlichkeit und Verstand) zumindest begrifflich ausschließlich im Nervensystem ruht, dass es gewissermaßen einen Sonderfall darstellt.  Aber man kann auch erkennen, dass  das hier vorgestellte Modell nicht ganzheitlich ist. So wird z. B. das Knochensystem nicht berücksichtigt, obwohl es sicherlich auch eine funktionale Bedeutung im Erkenntnisprozess hat ("der aufrechte Gang" als Metapher für charaktervolles  Denken und Handeln). Den Körper gibt es isoliert nur dann, wenn es sich um einen toten handelt. Bewegung macht das Wesen des Körpers aus. Es gibt aber  keine  vollkommen isolierte Körperbewegung: Bewegung findet immer in Räumen statt. Von daher müssen Bewegung und Raum  systemisch gesehen werden, wobei der Raum  auch den gesellschaftlichen Raum umfasst, der über Rollen und Habitus wiederum den Körper modelliert: Eine Rolle wird verkörpert.

b) Im vorgestellten  Modell wird allerdings  die zeitliche Beziehung zwischen gehirnphysiologischen  und Bewusstseinsprozessen nicht thematisiert. Empirisch geleitetes Denken lässt fast keinen anderen Schluss zu , als vom zeitlichen Primat des Gehirns, also letztlich vom Körper, auszugehen und das Bewusstsein  als  sekundär einzustufen.  Dazu unübertrefflich ein  Gedicht von Robert Gerhardt "Noch einmal: Mein Körper" (FAZ, 24. 11. 01):

Mein Körper rät mir:
Ruh dich aus!
Ich sage: Mach ich
altes Haus!

Denk aber: Ach, der
sieht`s ja nicht!
Und schreibe heimlich
dies Gedicht.

Da sagt mein Körper:
Na, na, na!
Mein guter Freund,
was tun wir da?

Ach gar nichts! sag ich
aufgeschreckt,
und denk: Wie hat er
das entdeckt?

Die Frage scheint recht
schlicht zu sein,
doch ihre Schlichtheit
ist nur Schein.

Sie läßt mir seither
keine Ruh:
Wie weiß mein Körper,
was ich tu?

Die  Peripatetiker im antiken Athen wussten es, wenn sie diskutierend in den Säulengängen wandelten. Der in der Abenddämmerung beginnende Flug der Eule der Minerva ist die Metapher Hegels für das Verhältnis von Praxis und Theorie.  Der Mensch ist  nicht  Herr  des Bewusstseins.
Das Ich-Denke ist dem Es-Denkt nachgeordnet, das wiederum von gehirnphysiologischen und körperlichen Prozessen beeinflusst bzw. bestimmt wird, die ihrerseits  materiell-gesellschaftlich bedingt sind. Zu fragen und zu problematisieren bleibt aus der Perspektive unseres Themas, welche Qualität Erfahrungen und Erkenntnisse annehmen, wenn der Körper marginalisiert wird.

Haupteinsichten aus der systematisch-erkenntnistheoretischen  Perspektive:
a) Den isolierten  Körper gibt es  in der Realität nicht. Er ist immer ein in materiellen und gesellschaftlichen Räumen sich bewegender, wobei Raum und Gesellschaft  formend auf ihn einwirken und umgekehrt. 
b) Durch die Leugnung des  Primats des Bewusstseins wird die theoretische Stellung des Körpers gestärkt. 

3. Die kognitionstheoretische Perspektive: Die Bedeutung des enaktiven Repräsentationsmodus im  Prozess der Bedeutungsbildung
Nach Jerome S. Bruner repräsentieren wir auf Bewusstseinsebene  Welt in drei Systemen: im symbolischen, im ikonischen und  im enaktiven Repräsentationssystem. Vom  Körperthema aus gesehen  ist  das Verhältnis zwischen diesen Systemen besonders interessant. Es gibt gute Gründe, das  Symbolsystem als das dominierende zu bewerten. Analysiert man den  (allgemeinen) Begriff, d. h.  keine Eigennamen, dann stellt man fest, dass dieser Begriff  zwar ein Gebiet begrenzt, d. h. de-finiert, dieses Gebiet selbst aber inhaltlich leer ist. "Bevölkert" wird es erst durch Aktivitäten,  die ikonische und  enaktive  Repräsentationen zur Folge haben . Dazu gehören auch anschließende  symbolische Repräsentationen, die aber nur dann bedeutungsvoll sind, wenn sie bereits ikonisch und enaktiv "gefüllt" sind. Daraus ergeben sich  zumindest vier Aspekte:
 
a) Der Prozess der „Füllung“ kann minimal (ein einziges Foto vom Eifelturm) oder optimal (vielfältige ikonische, enaktive und symbolische Repräsentationen), jedoch  nie vollkommen sein.

b) Die Befunde in den einzelnen Systemen sind unterschiedlich: Die   symbolischen und  enaktiven Anteile haben  abgenommen. Im ikonischen Bereich fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus: Der über Bildmedien vermittelte Anteil  hat  stark zugenommen, während der über Eigenwahrnehmungen erworbene  zurückgegangen ist. Beeinträchtigend kommt hinzu, dass die medialen  Wahrnehmungen  zunehmend kürzer und flüchtiger werden. Realität wird mehr und mehr aus der Distanz , im  Auto-, Zug-  oder Flugzeugsessel  auf vorgeschriebenen Wegen,  panoramisch  (Schievelbusch) visuell wahrgenommen. Zu hören  sind nur die Motoren des Fortbewegungsmittels, aber nicht das   Lachen der Kinder aus dem Vorgarten. Andere Sinnesqualitäten werden ausgeblendet.

c)  Ein  Minimum an Enaktivität ist   unaufhebbar, weil ein „Restkörper“ immer noch mit der Welt in Verbindung stehen muss. Die  Finger müssen noch kleinste Bewegungen auf der Tastatur machen, und auch der Wagen mit Vollautomatik verlangt ein Geringes an Veränderung der materiellen Welt mit Hilfe meines Körpers wie das Öffnen der Tür oder das Umdrehen des Zündschlüssels. Geht man von einem ganzheitlichen Menschenbild aus, das ein Anrecht  auf die Entfaltung aller Fähigkeiten hat, ist dieser Sachverhalt nicht akzeptabel. Aus der Sicht  kognitivistischer Entwicklungstheorien, in denen   Denken als internalisiertes Tun beschrieben wird, Welt erst im handelnden Umgang  im Subjekt entsteht, ist dieser Zustand weder  für Kinder  noch für Jugendliche akzeptabel. Auch für Erwachsene gilt, dass  dieser Prozess prinzipiell unabgeschlossen ist und deshalb ständig  bei jedem kognitiven Neuerwerb fundierend stattfinden könnte und sollte. Sehr viel spricht  dafür,  dass  zwischen  äußeren und inneren Bewegungen starke Wechselbeziehungen bestehen.

d) Die Bedeutung (Begriff, Gedanken, Idee,  Wesen, Natur, Information u.s.w.) eines Gegenstandes bzw. Sachverhaltes entsteht nach meinen Überlegungen durch die Synthese aller drei Repräsentationssysteme und durch die Integration zusätzlicher Bedeutungen. Diese
(Gesamt-)Bedeutung ist im Gegensatz zu den einzelnen Repräsentationen  der Introspektion nicht zugänglich. Denn welche direkt erkennbaren  Qualitäten sollte die Synthese aus enaktiven, ikonischen und symbolischen Anteilen  annehmen? Schon Karl Bühler stellte fest, dass ein Gedanke etwas wäre, das einen hohen  Klarheits-, Sicherheits- und Lebhaftigkeitsgrad hätte, aber keine sinnliche Qualität aufweise. Platon spricht davon, dass Ideen gestalt- und farblos seien.
Zu vermuten ist, dass ein  geringer Anteil von Handlungserfahrungen und Eigenwahrnehmungen von Wirklichkeit  Bedeutungen erzeugen, die hochgradig anfällig für Heteronomien sind, wobei zu fragen bleibt, welchen innerpsychischen Status solche wenig eigenfundierten Bedeutungen einnehmen.

Haupteinsicht aus  der kognitiven Perspektive:
Die körperliche Aneignung  und sinnliche Primärerfahrungen sind im Erkenntnisprozess unverzichtbar. Selbst für einen so kognitiv-geistigen Begriff wie Bedeutung sind Körper und Sinne konstitutiv. Ihr Anteil wird aber in der dominanten Weltaneignung immer kleiner.

4. Die anthropologische Perspektive: Weltbezogenheit und Körper
Hier werden zwei Aspekte thematisiert: a) das existentielle Verhältnis des Menschen zur Welt und b) die Bedeutung des Augen-blicks.

a)Wir sind in der Welt. Die Welt ist mit Sicherheit auch  materiell. Sie ist voller Gegen-stände, mit denen wir umzugehen haben. Wir sind zu materiellen Beziehungen verurteilt. Mit Hilfe von Symbolen oder Maschinen vermögen  wir, einen Teil dieser Beziehungen zu indirekten zu machen - aber nicht alle. Selbst wenn ich lese, ist immer noch Materielles unaufhebbar im Spiel, nämlich die materiellen Zeichen und das Medium Buch – von meiner eigenen Körperlichkeit ganz abgesehen.  Die  inzwischen berühmt gewordene Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace von Perry Barlow "Endlich gewinnen die Kräfte des Geistes die Oberhand über die rohe Macht der Dinge. Unsere Welt (des Cyberspace, BM) ist überall  und nirgends; und sie ist nicht dort, wo Körper leben. Es gibt im Cyberspace keine Materie"(nach Münker 1997, S. 111)  stimmt nicht und wird nicht stimmen, zumindest solange Menschen einen Körper haben.

Der Mensch ist ein Wesen des Dazwischen:  Einssein mit der materiellen Welt ist für ihn schon deswegen existentiell unmöglich, weil   Erfahrungen, die prinzipiell auf Unterscheidungen beruhen, dann nicht gemacht werden können. Aber auch die absolute körperliche Trennung von Welt ist  unmöglich, weil wir existentiell auf Welt verwiesen sind - ob wir es wollen oder nicht,  es gut finden oder nicht.  Das prekäre  Dazwischen ist  unsere eigentliche Lebenswelt, wir haben keine absolute Heimat, sind aber auch nie absolut in der Ferne.

Auch wenn man die   Einwände gegen eine  absolut geistige Welt des Menschen teilt, könnte man trotzdem dieses  Manifest als orientierendes Ideal für die Überwindung des Körpers nehmen. Es gibt dafür einige Argumente:  Ohne Zweifel hat sich die große Mehrzahl der Bevölkerung noch vor fünfzig Jahren körperlich geschunden. Ein Bauer, der mit sechzig Jahren nicht körperlich verschlissen war, galt als faul. Befreiung von körperlicher Fron ist zweifelsfrei ein  humanes Ziel. Abzulehnen ist aber das  explizit oder implizit bestehende  dominierende  Ziel der "Befreiung" von jeglicher körperlicher Betätigung im Alltag und die Verweisung der Bewegung in Reservate (Stichwort Fitnesszentrum), eine Auffassung, in der körperliche Tätigkeiten im Alltag obsolet, folgenlos und den Charakter des  Sich-Lächerlich-Machens annehmen. Der Kern der  inneren Logik der Bequemlichkeit ist der Tod, d. h. die absolute Bewegungslosigkeit.  

b)Die phänomenologisch deutlichste Einheit von Geist und Körper ist vielleicht der Augenblick, der, wenn es einer ist, immer der wechselseitige Blick zweier lebendiger Menschen ist:  Meine Augen sehen in die Augen eines anderen Menschen, und der Andere und ich nehmen diese Wechselseitigkeit  wahr. Der Blick auf den  Nachrichtensprecher oder auf den hinter getönten Autoscheiben Sitzenden ist kein Augenblick, sondern eine Wahrnehmung. Augenblicke, die an Häufigkeit abnehmen, sind von höchster anthropologischer Bedeutsamkeit. Menschen als   Elementarteilchen (Houellebecq) sind in der  Produktions- und Konsumsphäre funktional nicht mehr auf Augenblicke  angewiesen.  Hier liegen übrigens Wert, Chance und  Stärke der Schule, denn man kann Schule auch als einen Ort der Augenblicke interpretieren.

Haupteinsichten aus der anthropologischen  Perspektive:
a)Es gibt ein jeweiliges Optimum von  Kontakten zwischen menschlichem Körper und den ihn umgebenden belebten und unbelebten Dingen und Körpern.
b) Der Augenblick ist immer einer zwischen zwei lebendigen Menschen. Seine Bedeutung in der seelischen Entwicklung und für die sozialen Beziehungen wird oft unterschätzt.

5. Die kinästhetische  Perspektive: Die Eigenenergie in Lern- und Bildungsprozessen
Aus der Lern- und Bildungsperspektive ist die Thematisierung der  Eigenbewegung bzw. des Sich-Bewegens mit metabolischer Energie (I. Illich) im Gegensatz zur Fremdenergie, externer Energie oder zum Transportiert-Werden deswegen so wichtig, weil hier auch die physiologische Fundierung von Selbständigkeit und Weltabbildung stattfindet. Wie das? Die den   Menschen zur Verfügung stehende Energie kommt  entweder aus ihm selbst oder aus anderen lebenden Organismen  oder wird künstlich ge- bzw. entfesselt  (von Wind über Brennmaterialien bis zum Atom). Wenn der Mensch seine eigene Energie in innere  oder äußere Sinn-Formen gießt, schafft er selbst  Voraussetzungen für Fertigkeiten und Fähigkeiten, für effektives Handeln und für Bildung. Fremdenergie und Fremdformung leisten das nicht. Aneignung ist immer ein aktiv-subjektiver Vorgang des Suchens, der Unsicherheit, des Zweifels, des Scheiterns, aber auch des Findens und Gelingens. Erst in dieser ganzheitlichen und riskanten Auseinandersetzung mit Welt und mit sich selbst entsteht Vertrauen zu sich  und damit selbstsicheres, weil ausgewiesenes Können und Wissen. Auch Mühe scheint ein integraler Bestandteil dieses Wachstums zu sein. Darin liegt sicherlich auch der Reichtum und Intensität kindlicher Welten  begründet. Die  Welt muss  noch  mit Eigenenergie erkundet  werden, nass und  vollkommen erschöpft wird doch noch  das rettende Versteck erreicht.  Ins Grundsätzliche gewendet: Woher kommt bzw. wie entsteht Selbstsicherheit? Sicherlich aus  Zuschreibungen, Glauben oder Reflexionen, aber auch aus  Beobachtungen und vor allem aus dem eigenen Tun. Dieses Tun erzeugt eine Qualität von Sicherheit, über die die anderen  Erkenntnissysteme nicht verfügen: Denn nur im Tun  wird Welt direkt, wenn Unmittelbarkeit überhaupt möglich ist, abgebildet. Im Medium der Eigenenergie als  Eigenbewegung findet eine gestalthafte Abbildung der jeweiligen Realität statt. Mit eigenen Händen bauen, zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren, all das sind Tätigkeiten, die mit Eigenenergie realisiert werden. Es macht einen Unterschied, ob der Schüler das Arbeitsmittel selbst aus dem Regal holt oder es  auf dem "Stationstisch" vorfindet. Wenn ich mit dem  Fahrrad über den Berg fahre, also auf das Auto verzichte, werden bestimmte Muskeln aktiviert, die genau die Struktur des  eingeschlagenen Weges speichern.  Zwischen erfahrener Welt und aktiviertem Muskelsystem  besteht ein Verhältnis der genauen Entsprechung (der Isomorphie). Eine solche „muskuläre Abbildung“ ist die physiologische Aneignung von Welt, wobei viele Wiederholungen diese Aneignung differenzieren und stärken. In der Literatur wird diese Fähigkeit dem Bewegungs- und Stellungssinn zugeordnet. Das kinästhetische System hat "kein eindeutig lokalisierbares Sinnesorgan, über das die entsprechenden Reize aufgenommen werden können. Die für die Tiefensensibilität zuständigen Rezeptoren liegen vielmehr über den ganzen Körper verstreut in den Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenkkapseln" (Zimmer 1995, S. 115). Diese   breite Sensibilität ermöglicht eine relativ differenzierte körperliche Abbildung. Übrigens liegt in diesem Modell die Fruchtbarkeit der von mir oben vorgestellten fundamentalen Dualität von Muskeln und Nerven: Die  sinnliche Wahrnehmung des eigenen Muskelsystems, nicht der Welt,  ist die Quelle des  kinästhetischen Systems. Weltaneignung über das kinästhetische System ist tiefer fundiert, weil drei Systeme beteiligt sind: Muskel-, Nerven- und Weltsystem. Während bei der Beobachtung nur zwei Systeme, Nerven und Welt, und bei der logischen Analyse nur eins, nämlich das Nervensystem allein beteiligt ist.


Wichtig  in diesem Zusammenhang, weil oft ausgeblendet, ist auch folgender Aspekt: Das  kinästhetische System ist unverzichtbar für die  Weltaneignung nicht nur in der Kindheitsphase (wie es die Entwicklungspsychologie mit Recht lehrt), sondern   in allen Lebensphasen. Mit der   Reduzierung kinästhetischer Aktivitäten werden   gleichzeitig  Ding- und Raumerfahrungen  reduziert und damit auch Sinn und Bedeutungen (bekanntlich besteht eine enge Beziehung zwischen Sinne und Sinn). 

Haupteinsicht aus der kinästhetischenPerspektive:
Die kinästhetische Fundierung schafft, neben Welterkenntnis,  Selbstvertrauen und Selbstsicherheit. Eigenschaften, die für Lern- und Bildungsprozesse von größter Bedeutung sind.
Handlungs- und schülerorientierte  Unterrichtskonzepte weisen in diese Richtung.

6. Die gesellschaftliche Perspektive: Der vermittelte  Körper im Alltag

„Da es  dem König aber wenig gefiel,
dass sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend,
sich querfeldein  herumtrieb,
um sich selbst ein Urteil über die
Welt zu bilden,
schenkte er ihm Wagen und Pferd.
"Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen",
waren seine Worte.
"Nun darfst du es nicht mehr",
war sein Sinn.
"Nun  kannst du es nicht mehr",
deren Wirkung.“

        Aus "Kindergeschichten" (Anders 1980,   S. 97)

In der bisherigen Behandlung  der fünf  Perspektiven hat sich immer wieder implizit gezeigt, dass grundsätzlich  von der  gesellschaftlichen Modellierung des Körpers nicht  abstrahiert werden kann und darf.  Heute  haben  viele  Körpernormierungen  ihren Ursprung  in Jugendkulturen. An dem Beispiel erkennt man gut, dass  Normierungen heute nicht  mehr primär durch äußere Regeln (wie die Militarisierung in der Wilhelminischen Gesellschaft) oder durch äußere Bedingungen (wie das Fließband) durchgesetzt werden, sondern die Formierung und Reduzierung der Möglichkeiten des Körpers und seiner Bewegungen  aus einem Wechselspiel sich gegenseitig stärkender  Subkulturen und Wirtschaft entstanden sind.
Die Frage nach den gesellschaftlichen Bestimmungsfaktoren der Körper- und Bewegungsmodellierungen ist sicherlich nur plural und systemisch zu beantworten. Ich meine aber, dass die  von Peter Sloterdijk in Anschluss an Heidegger entwickelte anthropotechnische Perspektive als eine Antwort  besonders fruchtbar und geeignet ist: Der Mensch war und ist zum Bauen von Behausungen und deren Weiterentwicklung gezwungen. Da er heute ausschließlich auf durch Technik Gemachtes (Vico) stößt, werden  Anthropologie und die Rede von der  Natur zu  Ideologien, weil es die reine Natur und den Menschen an sich nicht mehr gibt (wenn es ihn überhaupt jemals gab). Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt (Welt) wird obsolet. Die ursprünglich vermittelnde Technik wird zur  unabhängigen Variablen des Gesamtprozesses. Der Mensch wird zu einer Funktion der Technik. Nur im Scheine, als Täuschung meint er, Subjekt zu sein. Er kann sich  offensichtlich den jeweiligen technischen Ausformungen und Anforderungen   über einen längeren Zeitraum hinweg nicht entziehen. Ihre Auswirkungen  auf den Körper und  seine  Bewegung sind – wie bereits gesagt – ambivalent: Entlastung und Belastung. Um dies zu bewerten, bedarf es des genauen analytischen und ideologiekritischen Blicks verbunden mit großer Selbstkompetenz, Ich-Stärke und Eigenverantwortung. Ein wesentliches  Problem hierbei besteht darin, dass fast jede Entkörperlichung aus evolutionären Gründen als Wohlbefinden verarbeitet wird. Lediglich die sexuelle Praxis scheint  dieser Auffassung gegenüber noch relativ resistent zu sein.

Damit wäre auch das für mich so schwer zu begreifende Phänomen erhellt, dass die sich durchsetzende Entkörperlichung und Bewegungslosigkeit (im obigen Sinne) nicht nur nicht bedauert, sondern  begrüßt, bejubelt und (nahezu) von allen gewollt wird: Hinzu kommt - gewissermaßen flankierend sichernd -, dass  die Zerstörung des realen  beweglichen  Körpers mit seinem vielfältigen realen Können zeitgleich begleitet wird mit einer  ungeheuren Entfaltung des Körpers im Modus des  Bildes  als  abgezogene Wirklichkeit, als Schein. Der Körper im Schein erlangt   eine omnipräsente Realität in Zeitungen, Zeitschriften, Werbebeilagen, an Plakatwänden. Überall sehen wir wohlgestaltete Körper und Gesichter aus  unterschiedlichsten Perspektiven, Distanzen und Ausschnitten,  die natürlich wieder in die Bewusstseine als Aufgaben und Zwänge zu   Körpermodellierungen im Habitus und im Outfit zurückwirken. Das Subjekt wird dadurch auch  bezüglich seines Leibes zum Konsumenten. Seine Hauptleistung besteht darin,  den   Leib  in einer einzigen Dimension, in der bildlich-ästhetischen zu rekonstruieren, während  alle anderen Funktionen  vernachlässigt werden und auf  das Notwendigste beschränkt bleiben. Das Streben nach eigener Schönheit hat es sicherlich immer schon gegeben, aber die tendenzielle Verabsolutierung dieser Dimension und deren Normierung  ist wohl neu, mit Sicherheit aber inhuman.  An einem historischen Beispiel erläutert: Abraham Lincoln wäre unter heutigen Bedingungen trotz seiner überragenden geistigen und sittlichen Potenzen nicht Präsident der Vereinigten Staaten geworden - sein Aussehen hätte das nicht zugelassen. Das Entscheidende besteht darin, dass Lincoln sicherlich wusste oder ahnte, dass er kein schöner Mann sei. Aber er hat diese Dimension nicht verabsolutiert und internalisiert, hat eben nicht gedacht, dass sie  ein wesentlicher Hindernisgrund für seine Kandidatur sein könnte. Ein moderner Politiker dagegen muss diese Dimension bedenken, muss seine reale Gestalt gegen eine gestylte tauschen – wobei bekanntlich Tausch und Täuschung sehr nahe beieinander liegen können.       

Aber das scheint  kein großes, gar existentielles Problem mehr zu sein - im Gegenteil. Aus evolutionärer,  technologischer oder wirtschaftlicher Perspektive kann man den Körper unter gegenwärtigen Bedingungen plausibel als ein  nahezu überflüssig gewordenes Gesamtorgan  interpretieren: Körperliche Eigenkraft und körperliches Können werden  nicht mehr in nennenswertem Ausmaße in der Produktion und  für die Ortsveränderung  gebraucht. Wie der Aktenordner im Büro oder das Buch im Dozentenzimmer als materiale Körper überflüssig geworden sind  und unnötigerweise Räume ausfüllen, die für andere Dinge und Prozesse sinnvoll genutzt werden könnten, so kann diese Sicht auch auf menschliche Körper ausgedehnt werden. Man  könnte fragen, warum überhaupt Institutionen wie (Hoch-) Schulen, Theater, öffentliche Räume oder Geschäfte mit Menschen füllen, sie also in der Zeit durch Orts- und Raumwechsel "vervielfältigen",  statt sie ein für allemal in einem bestimmten Raum zu  belassen, von wo aus sie in virtuellen Räumen, die realen nachgestaltet wären,  tätig werden würden.   Chatrooms und Onlineshopping zeigen, dass es sich hier nicht mehr um  Utopien handelt, sondern um eine neue Realität, die ständig ausgebaut wird, allein weil diese Entwicklung innerhalb  der Logik der technologischen Moderne liegt, die - um es noch einmal deutlich zu betonen - idealiter gänzlich ohne menschlichen Körper auskäme.

Aber der Körper, genauer der Restkörper,  fügt sich nicht umstandslos. Er ist immer noch vorhanden und erhebt Ansprüche. In der Regel systemkonform befriedigt er diese in Diskotheken, in Einkaufszentren, auf Fernreisen mit dem garantierten Flug über die jeweiligen Naturschönheiten und in abgeschwächter Form, wenn der Fernsehzuschauer mehr Life-Sendungen statt Konserven fordert. Realität scheint immer noch einen  Wert zu besitzen, auch wenn sie  inszeniert, von  allen Zufällen, subjektiven Steuerungsmöglichkeiten und  Unzumutbarem gereinigt  ist. Nur in diesem Bedingungsrahmen dürfen und können Körper Realitäten erfahren.  Hier gibt es noch Alternativen, hier gibt es noch Streit. Forderungen nach anderen Realitätserfahrungen gelten allerdings undiskutiert als  anachronistisch oder   ideologisch, zumindest sind sie folgenlos.

Aber nicht nur Bilder und die konstruierten Wirklichkeiten sind ambivalent, sondern Gleiches gilt auch für die Sprache,  die bekanntlich Wirklichkeit entdecken, aber leider auch verdecken kann. An  dem Gebrauch des Begriffs "Erfahrung" sei aufgezeigt, dass  bestimmte sprachliche Strukturen Analyse und Rationalität behindern können:  Wenn ich Auto fahre,  mache ich eben wenige Erfahrungen mit kinästhetischer Fundierung. Der inhaltlich korrekte Satz : "Ich werde  vom Auto zu dem von mir bestimmten Ziel transportiert bzw. bewegt" klingt  zumindest in der Alltagskommunikation mehr als gekünstelt, wäre aber notwendig, um falsches – von interessierten gesellschaftlichen Kräften befördertes – Bewusstsein abzubauen. Der  Einwand, dass über falsches bzw. richtiges Bewusstsein aus prinzipiellen Gründen nicht geredet werden dürfe, halte ich für das Ende von Politik und Humanität, wenn man nicht von einer prästabilisierten Harmonie zwischen diesen  zivilisatorischen Ausformungen einerseits und Technik-Kapital-System andererseits ausgeht. Dass die Auseinandersetzung um die gute Lösung  nicht auf diesem hohen Abstraktionsgrad, sondern primär in konkreten Situationen geführt werden muss („Wollen wir heute selbst Tennis spielen oder Tennis im Fernsehen `erleben´“), versteht sich von selbst.  Das Gerangel bzw. Ringen um die ganz  großen Menschen– und  Weltbilder, um absolute Wahrheiten ist in der Praxis oft nicht hilfreich. Der wertende Vergleich von ähnlichen (kleinen) Situationen hat eben größere Erfolgschancen auf rationalen Diskurs und Einigung.

Der Alltag mit seinen Räumen und Zeiten ist meiner Ansicht nach die entscheidende Dimension:  Erst  wenn der Körper sich aus Verpanzerungen und Bewegungslosigkeit in Normalsituationen, in denen  wir arbeiten, uns fortbewegen, unsere Freizeit gestalten, uns ausdrücken, etwas miteinander tun usw., befreit,  erst dann wird er sein fruchtbares Potential entfalten können und als unverzichtbare Quelle des Genusses, der Erfahrung, der Erkenntnis wirken.  Poetisch ausgedrückt und auf menschliche Begegnungen gewendet: 

„Nur, wo sich der Mensch am Menschen stößt und reibt, entzündet sich Witz und Scharfsinn,
nur, wo sich der Mensch am Menschen sonnt und wärmt, entsteht Gefühl und Phantasie,
nur, wo der Mensch zum Menschen  spricht, nur in der Rede, einem gemeinsamen Akt, entsteht die Vernunft.“ (Quelle unbekannt)

Haupteinsicht aus der gesellschaftlichen Perspektive:
Die tendenzielle Stillstellung des Körpers ist, auch wenn sie subjektiv als Befreiung wahrgenommen wird, eine Enteignung, die auch negative Folgen auf die geistige Freiheit hat. Ein genauer analytischer Blick und Ich-Stärke können diesen Prozess in selbstbestimmte Bahnen lenken.

Pädagogischer Ausblick 
In der Theorie und Praxis der Pädagogik hat sich in der  Körper- und Bewegungsdimension vieles zum Besseren gewendet und zwar umgekehrt proportional zu den realen gesellschaftlichen Entwicklungen. Was hier  an Bewegungskulturen verschwindet, wird dort  wieder (zumindest teilweise) aktiviert. Bewegte Schule, Bewegungserziehung, Bewegungspausen, Offener Unterricht, Gestaltpädagogik, Handlungsorientierter Unterricht,  Projektmethode, Gesundheitserziehung, Spielpädagogik, Öffnung der Schule  sind Konzepte, die Körper und  Bewegung Raum geben, aber nicht als Selbstzweck, sondern als Bedingung für gelingende Lernprozesse.
Ziel und Hoffnung  dieser Abhandlung in pädagogischer Absicht ist,  positive Trends durch einige nicht im Zentrum der Diskussion stehende  Aspekte und Strukturen zu stärken.




Literatur:

Anders, G., 1980:  Die Antiquiertheit des Menschen. München: Beck

Brooks, R., 1991: Intelligence without representation.  Artificial Intelligence 47

Dennett, D., 1990: Cognitive Wheels. The Frame Problem. In:  Boden, M. (ed.): The Philosophy of Artificial Intelligence: Oxford

Gold, Engel (Hrsg.) 1998: Der Mensch in der Perspektive der Kognitionswissenschaften. Frankfurt am M.: Suhrkamp

Kant, I.,1966: Kritik der reinen Vernunft. Stuttgart: Reclam

Münker, S.: Was heißt eigentlich: "Virtuelle Realität"? In: Münker, S./Roesler, A.(Hrsg.), 1997: Mythos Internet. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

Zimmer,  R., 1995: Handbuch der Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung. Freiburg i. Br.: Herder

(erschienen in: Schulze-Krüdener, J., Schulz, W., Hünersdorf, B.: Grenzen ziehen – Grenzen überschreiten. Baltmannsweiler 2002 (Schneider-Verlag)



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II. Eigenbewegung – Urbanität – Gesundheit  (Kurzvortrag zum Thema "Eigenbewegung", gehalten am 15. 9. 10 auf dem 5. Hamburger Gesundheitstag)

Theorie 1: Statt von Bewegung spreche ich lieber von "Eigenbewegung in Alltagsituationen". Warum dieser umständliche Ausdruck? Damit sollen zwei häufig auftretende Missverständnisse vermieden werden.

T 2: Das erste Missverständnis bezieht sich auf den Begriff "Bewegung": Denn oft hört man den Satz "Ich bin beweglich", womit beileibe nicht immer die körperliche oder geistige Beweglichkeit gemeint ist, sondern schlicht, dass man ein Auto zur Verfügung hat. Oder umgekehrt hört man von Menschen, die fit wie ein Turnschuh sind, "Ich bin unbeweglich", d. h. im Klartext "Ich habe kein Auto". Eigenbewegung, sei es zu Fuß oder mit dem Rad, beruht ausschließlich auf muskulärer Tätigkeit, die von Eigenenergie gespeist wird. Wenn man dagegen seine Muskeln nicht mehr einsetzt, trotzdem aber Ortsveränderungen durchführt, spreche ich von Fremdbewegung. Im Auto ist man unbeweglich, denn nur das Auto bewegt sich.

T 3: Das zweite mögliche Missverständnis entsteht dann, wenn - wie so häufig - Eigenbewegung auf Sport reduziert wird. In der sportlichen Tätigkeit, außer Mannschaftssport, liegt das ganze Interesse auf dem Sportler selbst, aber die Umwelt, das Stadion, das Zimmer, in dem der Hometrainer steht, interessieren nicht. Beim Sport besteht eben keine wertgleiche Einheit von Sportler und Umwelt. Und das ist genau der entscheidende Punkt. Bei der Eigenbewegung in Alltagswelten sind beide Pole, Mensch und Welt, stark und bedingen sich gegenseitig. Je stärker sie sich gegenseitig durchdringen, desto stärker sind auch beide Pole. Deswegen meine ich, auch wenn ich verkürzt nur von Eigenbewegung spreche, immer "Eigenbewegung in Alltagswelten" und niemals Sport,

T 4: Im Folgenden begründe ich die Einheit von Mensch und Welt in der Eigenbewegung mit dem Handlungsbegriff. Eigenbewegung ist eine Handlung. Zu jeder Handlung gehören immer ein Handelnder und eine Situation. Auf unser Thema bezogen: "Ich gehe vom Dammtor zum Fischmarkt" oder "Ich fahre mit dem Auto vom Dammtor zum Fischmarkt". Die Entscheidung, ob ich zu Fuß gehe oder mit dem Auto fahre, treffe ich ganz allein. Hier bin ich der Chef, hier bin ich ein autonomes Subjekt. Allgemein ausgedrückt: In einer Entscheidung bestimmt der Handelnde die Handlung. Mit Beginn der eigentlichen Handlung kehrt sich aber das Verhältnis um: Die Handlung bestimmt nun weitgehend den Handelnden. Das ist die neu zu lernende Einsicht. An meinem Beispiel: Wenn ich zu Fuß durch Altona laufe, entsteht ein anderes Ich (ein anderer Boje), als wenn ich mit dem Auto durch Altona fahre.

T 5: Und es entsteht gleichzeitig ein Zweites, eine andere Situation und damit für mich eine andere Welt: entweder ein "Fuß-Altona oder ein "Auto-Altona", also zwei verschiedene Altonas, zwei verschiedene Lebenswelten. Verallgemeinert: Die Summe meiner Handlungen im Laufe meines Lebens ergibt mein Ich und meine Welt. Meine Welt ist immer eine subjektive Lebenswelt. Eine Handlung erzeugt immer einen subjektiven Pol und einen objektiven Pol. Der objektive Pol muss nicht spektakulär sein wie das Bezwingen des Mount Everests, sondern es geht im Kern um alltägliche Eigenbewegung in natürlichen, sozialen und kulturellen Umwelten. Übrigens, wenn ich als Handlungsträger nicht aktiv werde, also den subjektiven Pol schwach lasse, entsteht zwar auch eine Welt, aber diese ist schattenhaft und irgendwie uneigentlich. Da kann ich noch so lange vor dem Fernsehapparat oder im Auto sitzen. "Wirkliche" Wirklichkeit ist immer eine unaufhebbare Einheit von Mensch und Welt.

T 6: Alles kommt also auf die inhaltliche Qualität der Handlungen an, ob ich zu Fuß gehe, das Fahrrad nehme oder ins Auto steige. Das muss entschieden werden. Warum? Der Eigenbewegung in Alltagswelten geht es sehr schlecht, der Fremdbewegung sehr gut. Viele, ja offensichtlich die meisten von uns, sehen darin kein Problem, aber die Fremdbewegung erzeugt sowohl auf dem Subjektpol als auch auf dem Objektpol massive Probleme.

T 7: Probleme bezogen auf den Subjektpol: Warum ist es schlecht, wenn es der Eigenbewegung schlecht geht? Als unsere Vorfahren vor 10 000 Jahren noch als Jäger und Sammler lebten, mussten die Männer jeden Tag ca. 30 Kilometer laufen, um den Energiebedarf ihrer Sippe zu decken. Der Körper und seine Organe haben sich seit dieser Zeit nicht grundsätzlich verändert. Wie sieht es heute mit der Eigenbewegung aus? Dazu drei empirische Befunde: Außerhalb von Häusern läuft der Durchschnittsbürger nur noch 650 Meter, insgesamt macht er täglich noch 2000 Schritte. Die Hälfte aller Autofahrten liegt unter drei Kilometer. Man gehe zu Fuß durch ein x-beliebiges Stadtviertel: Autos wie Sand am Meer, aber sich bewegende Menschen - nahezu Fehlanzeige. Wir sind tatsächlich zu einer sitzenden Gesellschaft geworden. Deshalb sind die meisten Krankheiten der Gegenwart so genannte Zivilisationskrankheiten, die wiederum primär auf Bewegungsmangel beruhen.

T 8: Probleme bezogen auf den Objektpol: Früher beruhte die wenige Fremdbewegung auf Sänftenträger und Pferdestärken. Heute beruht die Fremdbewegung ausschließlich auf motorenbetriebenen Maschinen. Und diese Umstellung von Eigenbewegung auf Fremdbewegung ist die Hauptursache des gigantischen Umbaus der Gesellschaft, unserer Städte und Landschaften, ja des Menschen mit positiven, aber eben auch negativen Effekten. Positiv: Weg von harter körperlicher Arbeit; negativ: Klimawandel und das Verschwinden des Menschen im Modus der Eigenbewegung aus Stadt und Landschaft.

T 9: Wenn diese Analyse stimmt, kann es nur Aufgabe sein, die Eigenbewegung zu stärken und die Reste der urbanen Bewegungskultur zu erhalten und zu erweitern.

Dass Eigenbewegung in Alltagswelten etwas ganz Tolles, ein Gewinn von Lebensqualität, eine Existenzbedingung für erfülltes Leben und eben kein Verlust und kein Opfer ist, will ich in acht kurzen Aussagen unter dem Motto "Einfach losgehen." auf den Punkt bringen. Wer es drastischer mag, kann übrigens auch sagen "Move your ass and not your car". Ich bleibe aber bei unserem Motto.

Praxis 1: Einfach losgehen und Du tust Deinem Körper etwas Gutes: Zusätzlich zu den von Frau Buchholz bereits genannten Wohltaten tust Du Gutes für Deine Gelenke und Dein Bindegewebe, für Deine Knochen, Haut, Muskeln, Lunge, Verdauung, Herz-Kreislauf-System - und Du hältst deinen Körper in Form, was ja nicht unbedingt eine Modelfigur sein muss.

P 2: Einfach losgehen und Du tust Deinen Sinnesorganen etwas Gutes: Die Augen bekommen eine viel größere Bewegungsfreiheit: Sie können weit und nah, langsam und schnell blicken, schweifen lassen und beobachten. Das Ohr hört Kinderlachen, Gesprächsfetzen, Kirchenglocken, Vogelgesang, Straßenmusiker, Hundebellen, den Sturm, aber auch aufheulende Motoren und vielleicht auch Weinen. Die Nase riecht den Bratengeruch aus dem Lokal, aber auch den Autogestank und vielleicht auch den unangenehmen Uringeruch aus einer dunklen Einfahrt. Jedes Haus und jeder Laden hat seinen eigenen Geruch. Du fühlst den Sand unter Deinen Füßen, spürst Deine Muskeln beim Treppensteigen und genießt die zufällige kurze Berührung mit einem sympathischen Menschen.

P 3: Einfach losgehen und Du tust Deinem Geist etwas Gutes: Zwischen äußerer körperlicher und innerer geistiger Bewegung besteht eine direkte Beziehung. Das wusste Nietzsche und das weiß die Lernpsychologie, Stichwort: Dyskalkulie, also Rechenschwäche. Die Kurzformel dazu lautet: from locomotion to cognition (und umgekehrt). Im Gehen werden Erinnerungen ausgelöst und zumindest potenziell wird die Wahrnehmung geschärft, so auch der Blick für das Nicht-Spektakuläre, sei es ein spielendes Kind, ein mächtiger Baum oder ein schöner Mensch. Beim Gehen bist Du offener für spontane Ereignisse.

P 4: Einfach losgehen und Du tust Deiner Seele etwas Gutes: Die Seele gewinnt über reale, nicht phantasierte Leistungen Ich-Stärke und Selbstsicherheit. "Ich kann ohne fremde Hilfe vom Dammtor zum Hafen laufen." In der Eigenbewegung wird das Gesamtempfinden positiv, man fühlt sich stärker und ist es auch. Man ist behänder - wie Nietzsche es ausdrückte. Und du bemerkst, wie schön es sich anfühlt, sich selbst zu bewegen. Aber Vorsicht vor Paradiesideologien. Manchmal muss man auch mutig und willensstark sein, um mit Ermüdung, Resignation und eigener Schwäche umzugehen. Das haben wir weitgehend verlernt. Vielleicht fühlt sich so ein Tier, das ausgewildert wird: Eine Mischung aus unbändiger Freude und Angst vor dem Neuen.

P 5: Einfach losgehen - die Praxis der Eigenbewegung im Alltag ist einfach und kostet nichts: Man geht aus dem Haus und los geht es. Es kostet zumindest weniger Überwindung als sein tägliches bzw. wöchentliches sportliches Pensum zu absolvieren. Hier Gewohnheiten schaffen, ist oft sehr hilfreich. Nur auf die Bekleidung muss geachtet werden. Die Eigenbewegung kann zielgerichtet sein, aber man kann sich auch treiben lassen. Sucht auch gute Wege, das sind oft Schleichwege.

P 6: Mach ein Experiment - eine Woche ohne Auto. Schleiche Dich so langsam aus der Autosucht heraus. So haben wir unser Bewegungsverhalten peu a peu umgestaltet und dafür ein intensiveres und reicheres Leben erhalten.
P 7: Einfach losgehen - und man betritt, wenn auch andere losgehen, eine lebendige Bühne, die hier Urbanität heißt: Man sieht und wird gesehen; Du kannst Dich ausdrücken und gleichzeitig empfängst Du Eindrücke. Das Gehen ist Ausdruck der Persönlichkeit und ihrer jeweiligen Stimmung. Es ist schön, einen Augen-blick empfangen zu dürfen. So entsteht soziale Nähe. Eine lebendige Stadt ist deshalb auch ein Lernort für Interaktions- und Kommunikationsfähigkeiten, für Empathie, für Regeln, wie man sich anlächelt, aneinander vorbeigeht, eine Bemerkung macht. Urbanität heißt vielfältige Aktivitäten: schnell laufen, schlendern, stehenbleiben, auf der Bank sitzen, spielen, vielleicht sogar tanzen. Deshalb darf Urbanität nicht auf Events reduziert werden, in denen Gleichschaltung stattfindet: Alle tun dasselbe, nämlich hingucken und hinhören.

P 8: Einfach losgehen - und Du leistet einen Beitrag nicht nur zur urbanen Lebendigkeit, sondern auch zur Erhaltung Deines Quartiers, der Schönheit seiner Architektur, Straßen und Plätze. Du verursachst keinen Krach und keinen Gestank. Deinetwegen muss kein Gebäude abgerissen und kein Baum gefällt werden. Wenn Du losgehst, um in Deinem Viertel einzukaufen - und das ist ganz wichtig - lieferst Du einen gar nicht hoch genug einzuschätzenden Beitrag zur Erhaltung von Vielfalt. Das wäre auch ein politischer Beitrag, denn das müsste ein Signal für die Kommunalpolitik sein, fuß- und radfahrerfreundliche Wege verstärkt einzurichten und den Autoverkehr zurückzudrängen. Beide Maßnahmen bedingen einander. Eigenbewegung ist die notwendige Bedingung für die Wiederbelebung und Wiederbeseelung der Stadt.




III. Der Tod des Autos wäre das Ende vieler Krankheiten




Der Tod des Autos wäre das Ende vieler Krankheiten

VON Boje Maaßen

 

Das Schlimmste, was dem Deutschen geschehen konnte, ist eingetreten: Sein liebstes Kind, das Auto, ist in tödlicher Gefahr. Ein Leben ohne Auto – unvorstellbar, schrecklich. Alles muss umgehend getan werden, um sein Überleben zu sichern.

Alle folgen diesem Hilferuf, ob Linke oder Rechte, ob Begüterte oder Sozialhilfeempfänger. Keine Kosten werden gescheut, schon gar nicht die, die den nachfolgenden Generationen aufgebürdet werden. Hauptsache, der Patient bleibt am Leben. Nur eine verschwindende Minderheit sieht das anders, ihr soll hier das Wort gegeben werden.

Neue Chancen für Klima und Gesundheit

Zuallererst sollten wir, frei von Ideologien, erkennen, was das Auto wirklich ist: Das Auto kann und sollte man mit einer höchst ansteckenden Krankheit vergleichen, denn wer mit dem Auto, gewollt oder ungewollt, in Berührung kommt, wird selbst krank: seien es Landschaften, Dörfer, Städte, 
Kinder, Erwachsene oder das Klima. Zu diesen Opfern gehören auch die Autofahrer selbst, was diese aber in der Regel nicht bemerken, weil die Krankheit bei ihnen in Form einer Sucht auftritt. Der Tod des Autos wäre somit gleichzeitig das Ende vieler Krankheiten – und keine Katastrophe für die Menschheit. Im Gegenteil, neue Chancen für Klima, Landschaft, Städte und für Gesundheit täten sich auf. Nicht Kontaktvernichtung, sondern Möglichkeiten des Kontakts mit der natürlichen und sozialen Umwelt und mit sich selbst. Es entstünde zwar kein Reich der Freiheit, aber ein Bereich der Freiheit. Und es gibt bereits Ansätze, wenn auch noch nicht in den wünschenswerten Ausmaßen, die diese Freiheit z. B. unter dem Motto „autofrei wohnen“ verwirklichen, aber das System „Auto“ nicht gefährden.

Warum gibt es diese Abhängigkeit überhaupt? Ein wesentlicher Grund besteht darin, dass das Auto Bedürfnisse nach Bequemlichkeit, Aggression, Herrschaft befriedigt, so dass Zustände und Haltungen wie Egoismus, Leere, Oberflächlichkeit, Angst, Vereinzelung, Sucht und Rationalisierungen vorherrschen. Weil nahezu alle das Auto extensiv nutzen, wird dieses Wollen nicht hinterfragt, die normative Kraft des Faktischen wirkt hier uneingeschränkt. Diese Position hat alle Macht, aber keine rationalen Argumente. Dagegen hat die lebensfördernde Position, die die drastische Reduzierung des Autos auf das Notwendige fordert, die Argumente, aber keine reale Macht. Denn selbst, wenn die Emissionen durch technischen Fortschritt gegen Null geführt würden, spricht eben alles dafür, das Auto durch neue Transporttechnologien und vor allem durch ein neues Mobilitätsbewusstsein zu ersetzen. Es kann doch nicht sein, ein durch und durch destruktives System mit aller Kraft erhalten zu wollen, nur um die Wirtschaft in Gang zu halten. Damit würde man einen Weg in die Sackgasse zementieren.

Ökonomischer Wahnsinn

Von solchen Überlegungen ist der Mainstream des öffentlichen Diskurses noch Lichtjahre entfernt, denn die gegenwärtige Autokrise ist mitnichten eine Krise des Autos (so wünschenswert das wäre), sondern eine Absatzkrise, die anzeigt, dass das Auto zumindest in den Industrieländern die Sättigungsgrenze erreicht hat. Mehr geht einfach nicht. Auf die unendliche Vermehrung der Autos zu setzen, ist deshalb ökonomischer Wahnsinn. Vorausgesetzt man verfällt nicht auf „Innovationen“ wie den Erwerb des Führerscheins bereits ab zwölf Jahren oder dass man in Analogie zum Kleiderbesitz über ein Dutzend verschiedener Automodelle verfügt oder die sowie schon dominierenden Kleinbusse und Farmerwagen durch noch größere Modelle ersetzt.
Weil solche Vorstellungen wohl doch etwas zu abgefahren sind, wäre es - rein ökonomisch gedacht - sinnvoll, auf jegliche Subventionen für die Autoindustrie zu verzichten und die Gesetze des Markes entscheiden zu lassen.

Im Onlinemagazin "Illey" im Ferbruar 2009






IV. Manuskript: Du kannst mehr als Du denkst (unveröffentlicht)

Cover


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