Kritik an den Unterhaltungsmedien

Stand: 18. 8. 18 

Die  Kritik der Unterhaltungsmedien war bis November 2016 in die „Kritik des Autos“ integriert. Diese Zusammenfassung  war damit begründet, dass die Nutzung des Autos und Unterhaltungsmedien letztlich passive Tätigkeiten sind. Inzwischen halte ich eine Trennung trotz dieser Gemeinsamkeit für sinnvoll. Wenn sowohl Motor als auch Unterhaltungsmedien gleichzeitig thematisiert werden, findet man sie unter „Kritik des Autos“.


  1. Aus den Wahrnehmungen von lebenden Dingen, von Artefakten und von äußeren Bildern entstehen innere Vorstellungen. Innere Vorstellungen vermitteln nur deren Form. Zu meinen, diese seien reale Ganzheiten, ist eine existentielle Täuschung. Zu meinen, äußere Bilder und Filme seien existentielle Ganzheiten, ist eine doppelte Täuschung, denn Bilder sind von Anbeginn Täuschung: Ein Bild ist bestemfalls die Form einer Form.

  2. Zu viele Informationen verhindern Bildung. Grenzen schaffen Lebensqualität. Hier gibt es ein Optimum.

  3. Schwierige Texte lesen führt zur Konzentration oder Müdigkeit, oberflächliche Bild- und Filmbetrachtung  zur Verminderung der Konzentration.

  4. Bilder haben kein Dasein.

  5. Unterhaltungsmedien schaffen akustische und visuelle Unterforderung, die oft nicht verstanden werden kann, weil sie  keinen oder wenig Sinn enthält.

  6. Offline versteht man oft viel besser“ (FAZ). Online zestreut die Aufmerksamkeit, statt sie zu konzentrieren. Es besteht die Gefahr, vom eigentlichen Thema ständig abzugleiten.

  7. Die  ideale Lösung: Die Programmvielfalt kann bestehen bleiben, aber die Programmzeit sollte auf alllen Sendern zur gleichen Zeit auf drei Stunden beschränkt werden.

  8. Bildmedien fördern nicht die Intelligenz.

  9. Im Fernsehen gibt es keine Kritik des Fernsehens, deswegen kann diese nicht entstehen, selbst wenn man täglich zehn Stunden vor dem Fernsehapparat sitzt.

  10. Nur das Wort durchdringt die Oberflächen von Vorstellungen und Bildern.  

  11. Sie kennt zwar keine Nachbarn, aber dafür viele Fernsehstars. Er kennt in seiner   Stadt nur die zwei großen Einkaufszentren am Stadtrand und die Autostraßen, die direkt dorthin führen.

  12. Medien ersetzen eigene Erfahrungen und  verhindern Eigenes.

  13. Nur innere Vorstellungen von lebendigen Prozessen wirken, weil sie doppelt lebendig sind, innerlich und äußerlich. Es besteht ein kategorialer Unterschied zwischen der  Wahrnehmung von Wirklichem und Abbildungen.

  14. Wer jeden Tag zehn Stunden vor dem Fernseher sitzt, muss  amerikanisch denken und fühlen.

  15. Ist Wirklichkeit nur eine Frage der Medien? Für Mediensüchtige  entsteht erst Wirklichkeit, wenn es im Fernsehen erscheint. Aber im Fernsehen ist Wirklichkeit nur in homöopathischen Größen, wenn überhaupt, vorhanden.

  16. Fernsehen und Medien sind grenzenlos – und das ist ein Problem.

  17. Es finden ständig Palimpseste (Überschreibungen) statt.

  18. Wir leben immer mehr in einer Welt der Zeichen.

  19.  Nach der Lektüre von Zimmer mit Aussicht hat der Regisseur dieses Buch in Bilder mit Hilfe seiner Einbildungskraft umgesetzt und den Film gedreht. Die Filmbesucher können das nicht, sondern sie können nur die Bilder des Regisseurs rekonstruieren. Die in dieser Aussage enthaltendende  Kritik bezieht sich nur auf das Stillstellen der Einbildungskraft, nicht auf eventuelle Folgen der Bilder auf Emotionen und Kognitionen.

  20. Photographien haben nur die Funktion, Erinnerungen der Beteiligten wieder zu beleben. Aber keinerlei kognitive Kenntnisse für Menschen, die nicht das Photo aufgenommen haben oder abgebildet sind. Fotos repräsentieren nicht primär, sondern bestätigen, dass man „da“ war.

  21. Wörter (Begriffe) bilden mit dem Gehirn viel eher eine dynamische Synthese als Bilder, die irgendwie fremd im Gehirn bleiben, zumindest sind sie dort nicht veränderbar.

  22. Eine Ursache zunehmender Gewalt liegt in den Medien (auch in ihrer Art der Erzeugung von Passivität), aber natürlich auch in den Inhalten von Krimis, Photos und Filme von Zerstörungen, Gruselfilmen.

  23. Das Internet ist der kurze Weg,  Emotionen zum Ausdruck zu bringen.

  24. Viele Medien erschweren, ja verhindern Bildung. Der Bildungsprozess verläuft linear, wobei auch Breite linear dargestellt werden muss – und das ist ein Problem.

  25. Die Differenz reflektieren: Ich sehe einen Gegenstand oder Ich fühle einen Gegenstand.

  26. Ein Segen: Um ca. 23 Uhr brach heute  das Stromnetz zusammen. Das ist für die ständigen Fernsehenden die Wiedergewinnung der Dunkelheit und Wirklichkeit.

  27. Fernsehen und Unterhaltungsmedien machen dumm, weil  alle Sendung isolierte Darstellungen von etwas sind und keine Vertiefung stattfindet, d. h. kein spiralförmiges Curriculum liegt vor

  28. Zukunft der Medien: jeder nutzt sie, jeder kann sie durch eigene Beiträge mitgestalten – und manipulieren.

  29. Bilderfluten negieren den Wert der einzelnen Bilder. Für Reflexion ist keine Zeit. Wirklich sehen und reflektieren sind zwei getrennte Vorgänge, die nicht gleichzeitig durchgeführt werden können

  30. Was nicht bedacht wird: elektronische Medien nehmen dem Bewusstsein beim Betrachten von  Filmen viel Arbeit ab. Das ist der Unterschied, wenn ich real einen Hund laufen sehe und dann die gleiche Situation im Film.

  31. Natürlich ist auch jede visuelle Wahrnehmung eine Abstraktion, aber eine subjektive.

  32. Im Zug und im Auto nimmt man die Landschaft nicht wahr, aber man kann wie Heidegger während der Zugfahrt darüber sinnen.

  33. Sollen die  großen Photos in der FAZ die Grenzen des Photos transzendieren? 

  34. Bilder sind zuallererst unveränderliche Oberfläche; Begriffe müssen dynamisch sein, weil sie sich mit innere Gedanken sich verbinden müssen.

  35. Weiterbringendes Wissen ist  immer Wesenswissen bzw. Ideenwissen.  ,

  36. Vielleicht muss Demokratie inhumane und blödsinnige Aussagen in den Medien ignorieren. Aber wie lange und wer entscheidet das?

  37. Auf der Veranda der autofreien Siedlung kann man unbemerkt viele Kinder ohne Eltern spielen sehen. Das ist interessanter als Fernsehen.

  38. Was im Gehirn ist, ist bereits verkörpert.

  39. Das Ganze können wir nur mit Hilfe von Zeichen ausdrücken.

  40. „Sie mögen es bunt“. Das hängt wahrscheinlich mit dem Fernsehkonsum zusammen.

  41. In den Unterhaltungsmedien ist viel zu viel inhaltliche und technische Bewegung.

  42. Medien beschädigen die Vernunft. Auch hier gilt „The medium ist the message.“ (McLuhan).

  43. Schwierige Texte lesen löst Kraft, nicht Müdigkeit aus.

  44. Wer jeden Abend acht und mehr Stunden vor dem Fernsehapparat sitzt, ist faktisch Amerikaner auf Trashniveau. Er würde auch amerikanisch sprechen, gäbe es keine Synchronisation.

  45. Man kann Wirklichkeit wie ein Bild inszenieren.

  46. Bilder und inszenierte Wirklichkeiten verengen drastisch den Raum für kritisches Bedenken. Bilder nehmen Gedanken nicht nur gefangen, sondern nehmen ihnen auch ihre Lebendigkeit, während das Wort ständig lebt.

  47. „Der Krieg der Gegenwart braucht keine Literatur mehr, braucht keine hochgestimmten Heldengesänge, keine von Schriftstellern mit Feuereifer gehaltenen partriotischen Reden. All das ist sei dem Spätsomer 1914 ein für allemal vorbei. Heute und in Zukunft braucht der Krieg (und nicht nur dort,  BM) Photographien, er braucht Filme – aber schnell“ (Marcel Beyer, FAZ 12. 7.18).

  48. Erklärung für den Konsum von gruseligen Krimis und entsprechenden Filmen wie Tatort: Das ausschließliche Leben in der oberflächlichen  Konsumwelt ist reizlos. Der Konsument spürt sich nicht mehr selbst. Gruseln oder Ritzen schaffen, sich selbst zu spüren

  49. „Die Person habe ich nicht mehr auf meinem Bildschirm“ statt „An sie kann ich mich nicht mehr erinnern“. Das ist zumindest die sprachliche Ersetzung des Lebens durch Technik.

  50. Eine Photographie ist eine Abstraktion. Dagegen muss das Gehirn in der  Wahrnehmung von realen Prozessen diese Abstraktion erst leisten, um zu erkennen. Beispiel: Ich stehe vor dem Schrank und  finde eine bestimmte Salbe nicht. Auf einem Photo würde ich dieselbe  Salbe sofort und anstrengungslos erkennen. Warum? Das Photo hat für mich diese Abstraktionsarbeit geleistet,  und das erfordert Anstrengung und fördert die geistigen Fähigkeiten. Beim Wort  dagegen  wird vom Bewusstsein die Arbeit gefordert, einen abstrakten Begriff wie „Hund“  mit der Vorstellung eines konkreten Hundes in Verbindung zu bringen. Das leistet die Einbildungskraft, die verkümmert, wenn das Gehirn nur noch mit Bildern konfrontiert wird.

  51. Ein Römer konnte tausendmal ins Kolosseum  gehen, um Morde zu sehen, aber er kam nicht schlauer raus. Heute sind es Unterhaltungsmedien wie Tatort, die nun dem Nervenkitzel dienen und dem guten Gefühl Ich bin nicht dabei. Gleiches gilt für das Autofahren, denn Autofahren scheint auch immer ein gewisses Spannungszustand zu sein.

  52. Ich kenne inzwischen genug Fernsehfußballzuschauer, die noch nie einen Ball vor ihren Füßen gehabt haben. Das war 1954 anders.

  53. Dieses massive Bombardement mit bunten Bildern hat es in der Evolution nie gegeben. Im Theater vielleicht für drei Stunden.

  54. Zum Internet: Alle Zeichen der Welt werden bald in Sekundenschnelle jedem zur Verfügung stehen. Aber all die Zeichen sind keine Wirklichkeit, sie verweisen nur auf diese. Das Materielle der Zeichen hat nichts Gemeinsames mit der Wirklichkeit, sondern es verweist nur auf diese.

  55. „The medium ist the message“ (Mcluhan). Auf dieser Ebene kritisiere ich das Fernsehen und seinen Konsum, nicht primär auf Programmebene.

  56. Wörter (Begriffe) bilden mit dem Gehirn viel eher dynamische Synthesen als Bilder, die irgendwie fremd im Gehirn bleiben, zumindest sind sie dort nicht veränderbar.

  57. Äußere Bilder, egal ob analog oder digital produziert, sind tot.

  58. Das äußere Bild ist unveränderlich starr, die Wahrnehmung und die Vorstellung (also innere „Bilder“, die aber keine sind) sind dynamisch, also veränderlich.

  59. Analoge und digitale Verfahren schaffen auf der Erscheinungsebene identische Phänomene.

  60. Der Fernseher läuft und läuft, aber die vor ihm sitzenden Menschen nicht.

  61. Das Bild, obwohl im Sehen scheinbar konkret, ist eine riesige Reduktion, nämlich „entlebendigt“.

  62. Warum nicht elektronische Abschaltvorrichtung an Fernseher anbringen, die nach dreistündigem  Fernsehkonsum den Apparat automatisch abschalten?

  63. Äußere Bilder  im Bewusstsein beherrschen es. Es findet keine Relativierung statt. Äußere Bilder beherrschen das Bewusstsein, machen es unfrei, auch starr.  

  64. Das Internet ist dem Denken nicht freundlich gesinnt. Theoretisch ja, aber nicht in der konkreten Praxis, denn es verhindert (in sich) die Konzentration der Nutzer. Das Internet ist der Gegner der Konzentration. Das Internet verhindert instives systematisches Denken. Es erzeugt nur den Schein der Konzentration,  ist real aber ein ständiges Fliehen.

  65. In den elektrischen Medien sind wiederum viele Medien enthalten, z. B. hundert Sender, im Buch ist es in der Regel nur ein (1) „Sender“.

  66. Bilderfluten negieren den Wert von einzelnen Bildern.

  67. Das inwendige Offensein zur Welt ist fruchtbar. Moderne Reisende und habituelle Fernseher haben nur „außerwendige“ Offenheit und das ist letztlich Reduktion.

  68. Lesen, Bilder und Filme  erhöhen die Anzahl der Symbole und reduzieren Referenzerlebnisse.

  69.  Obwohl beim Schreiben nur der Subjektpol aktiviert wird,  ist es produktives Leben.

  70.  Die Unvertretbarkeit wahrer Empfindungen ist eine existentielle Einsicht.

  71. Auto und Fernsehen lassen prinzipiell wenig Raum für Reflexion.

  72. Wer jeden Tag abends stundenlang den Fernseher anstellt, muss im Kopf sehr leer sein, aber die Rechnung geht nicht auf: Das Gehirn wird nicht gefüllt, sondern eher entleert.

  73. Die Bilderfluten, die das Gehirn  der Zuschauer bei stundenlangem Fernsehen belasten, sind unnatürlich. Das Gehirn  hat gerade noch Zeit, einige markante Inhalte zu identifizieren, aber nur in der kürzesten Zeit, denn gleich danach folgt die nächste Bilderflut..

  74. Ein Palimpsest übertüncht wie das ständige Fernsehen Erinnerungen. Beim Fernsehen hat die Erinnerung fast keine Chance, die jeweilige Sendung zu durchbrechen.

  75. Bei täglichem mehrstündigen Fernsehkonsum muss das Gehirn in den Sparmodus umschalten, um mit der Bilderflut klar zu komen. Hauptaufgabe des Gehirns ist dann Verdrängung, was ja eine Art der Selektion ist.

  76. Natürlich kann ein einzelnes gutes Bild  besser sein als die Vorstellung durch die entsprechende Einbildungskraft. Ich bin also gegen Bilderfluten mit scheinbaren, konstruierten Höhepunkten wie Sport, Krimis usw.

  77. Die elektronischen Medien bilden ein Gefängnis, was die Nutzer  aber nicht als Gefängnis erkennen – im Gegenteil. Es ist ein unsichtbares, gläsernes Gefängnis.

  78. Die Wirklichkeit im Film und im Theater. Das ist die Differenz.

  79. Ein Bild ist eine Reduktion des Visuellen und  eine Abstraktion  von allen anderen Sinneswahrnehmungen.

  80. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Buch und  Tablet, ist meine Entscheidung immer für das Buch.

  81. Medien vermitteln kein Leben, sind kein Leben, sondern nur Leben als Schein. Die große Frage ist, wie viel Realität enthält der Schein?

  82.  Bilder und mein Leben einschließlich meines Bewusstseins sind sich fremd. Im Wort, auch wenn es nicht direkt mit mir zu tun hat, ist doch in meinem Bewusstsein verwurzelt.

  83. Negatives Merkmal der elektronischen Medien ist ihre prinzipielle Grenzenlosigkeit.

  84. Für mich unverständlich: Im Urlaub den Fernseher anzumachen.

  85. Von außerhalb gesehen sendet ein laufender Fernseher nur Blinklichter aus, aber ist das nicht  sein wahres Wesen?

  86. Der Sinn in der Tiefe von Wörtern entspricht Glockengeläut (Dehmel). Das schafft eine andere Klarheit und Deutlichkeit. Wörter  wollen in die Tiefe, Bilder meistens in die Breite. Das entspricht vertikal versus horizontal.

  87. Medialisierung  schafft wirkliche Wirklichkeit durch Ersetzung ab. Zeichen verweisen zwar auf Wirklichkeit, sind es aber nicht. Heute sind die Zeichen tendenziell die Wirklichkeit.

  88. Zeichen ersetzen die Wirklichkeit. Autos reduzieren  drastisch die Wirklichkeitserfahrung  und die Eigenbewegung.

  89. Immer werden nur Geschichten erzählt. Geschichtenlosigkeit ist nicht ertragbar. Das erklärt auch die Faszination der Unterhaltungsmedien.

  90. Ob etwas analog oder digital hergestellt wurde, ist von den negativen Auswirkungen gleich schlecht. Aber durch die digitale Herstellung ist alles sehr schnell überall in unbegrenzter Menge vorhanden.

  91. Elektronische Medien leeren in der Regel das Gehirn, füllen es nicht. Das Gehirn kann die Fülle der Bilder nicht aufnehmen, resigniert deswegen und daraus entstehten Kraftlosigkeit und Leere.

  92. Auch ein Photo ist nicht objektiv, weil es an bestimmte Voraussetzungen gebunden ist. Aber es geriert sich als objektiv. In der Malerei erkennt man gut den qualitativen Wert der Vielheit der Subjekte.

  93. Virtuelles hat keine Ausdehnung, keine Masse und damit kein Gewicht

  94. In elektronischen Medien kann ich den Text oder die Bilder im Bruchteil einer Sekunde ohne eigene innere und äußere Anstrengungen durch andere vertauschen. Das ist ihre Faszination.

  95. Fernsehen: Man meint, in der Welt zu sein, ist es aber nicht, sondern nur in einer virtuellen. Virtualität ist selbst immateriell.

  96. Ein großer Unterschied: äußere Bilder mit Rahmen  vs. innere Vorstellungen ohne Rahmen.

  97. Die Wirklichkeit hat sich in Richtung Medienwelt verändert.

  98. Medialisierung schafft Wirklichkeit ab und ersetzt sie durch Zeichen.  Zeichen verweiseun auf Wirklichkeit. Heute sind die Zeichen bereits für viele die Wirklichkeit. Eine Folge davon ist das Überflüssigwerden der Eigenbewegung: Man geht nicht in die Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit in Form von Zeichen kommt zu einem.

  99. Reale Menschen haben Schicksale, Filmmenschen nicht, denn sie sind idealisierte Abstraktionen.

  100. Im Film bewegen sich die Gegenstände nicht selbst, sondern werden von Elektrizität bewegt. Das ist keine lebendige Bewegung, also eine Täuschung. Da die Erdbewegung die primäre ist, ist Eigenbewegung eine Bewegung in der Bewegung, also eine Sekundärbewegung. Die Eigenbewegung abstrahiert von der Erdbewegung. Die Fremdbewegung von der Eigenbewegung und Erdbewegung.

  101. Elektronische Medien leeren in der Regel das Gehirn, füllen es nicht

  102. Ein Fernseher bleibt schwer „stehen“, ein Lesevorgang schon eher. Beim Lesen hat man also mehr Freiheit als beim Fernsehen. Man hat Zeit zum Bedenken und sollte diese in Anspruch nehmen.

  103. In Bilderfluten wird die Einbildungskraft überflüssig

  104. Ein Photo einer Person oder eines Dinges dokumentiert zur Hauptsache ihr Daß, d. h. sie existiert(e).

  105. Mitbekommen, dass der Filmheld überlebt, ist reine Daß-Erkenntnis. Selten Was- und Wie-Erkenntnisse

  106. Der PC ist attraktiver als Wirklichkeit, denn er transzendiert diese über die sinnlich erfahrene Wirklichkeit hinaus.  Der PC ist im Schein über Zeichen potentiell mit der ganzen Welt verbunden.

  107.  Schein und Wirklichkeit haben auch etwas Gemeinsames.

  108. Bilder und Filme ansehen, ist in der Regel keine Aneignung von Erkenntnissen.

  109. Schon drin? Eine apriorische Theorie: wer im Bewusstsein nicht über viele Bedeutungen verfügt,

  110. Zwei Lebensweisen: a) vita activa, zu der auch die vita contemplative gehört und b) vita passiva, wozu ich den Konsum von Unterhaltungssendungen zähle.

  111. Elektronischer Medienkonsum hat kein Äquivalent  der Welt, die Bedeutung haben oder Fragen auslösen oder Veränderungswillen in Gang setzen. Deswegen werden alle Hoffnungen auf die noch vor dem Einstellen unbekannten Bilder gelegt. Man hofft, dass das Gehirn jetzt aufgefüllt wird. Das mit bedeutsamen Weltdingen gefüllte Gehirn hat eben zuallererst Weltfragen.

  112. PC hat für mich drei Funktionen nach Wichtigkeit geordnet: a) Schreibmaschine, b) Informationsmedium, c) selten Unterhaltungsmedium

  113. Wenn Energie die Arbeit des Gehirns verrichtet, entsteht Passivität, das auf Fernsehen und Autofahren angewiesen ist. Aber Energie vergrößert den Informationsbereich, aber diese müssen erst mit Eigenkraft angeeignet werden.

  114. Fernsehen ist im habituellen Gebrauch maximale Unterforderung im Gegensatz zu anspruchsvollen Texten.

  115. Bilder an sich sind grundsätzlich begriffslos, also erkenntnismäßig leer

  116. Auto und Fernsehen haben denkbar schlechteste Wirkwelt und meistens eine schlechte Merkwelt.

  117. Ein (äußeres, objektives) Bild hat (fast) nichts mir dem Dargestellten gemeinsam. Die Bedeutungen entstehen erst aus „Resten“ , die bereits als Erinnerungen und Erfahrung im Gehirn vorhanden sind.

  118. Vorstellungen, obwohl lebendig, sind begrenzt - im Gegensatz zum Begriff, der im Alltag von einer Sinnmitte aktiviert wird.

  119. Die Attraktivität des Internets besteht darin, ständig zu  Informationen in Raum und Zeit zu gelangen.

  120. Sie fährt zu ihren Verwandten in den Bayrischen Wald und sieht dort jeden Tag stundenlang dieselben Serien, die sie seit nun Jahrzehnten jeden Tag zu Hause sieht.

  121. Auf dem Bildschirm ist nichts, was es darstellt. Das so genannte Bild besteht nur aus dem, was der Zuschauer in seinem Gehirn aktivieren kann, falls Zeit vorhanden ist. Ist im Gehirn viel an Erinnerungen und Erfahrungen, kann es relativ viel aktivieren. Aber, wenn wenig, bemerkt der Zuschauer diese  Dürftigkeit nicht.

  122. Das Wort (der Begriff) hat eine allgemeine Bedeutung, das Bild ein konkrete Bedeutung.

  123. Vermutung: Das Leben bildet ein Kontinuum (= analog). Das Bild ist tot, weil digital generiert besteht es  aus separaten Elementen. Man bemerkt nicht diesen Unterschied, aber er wirkt, weil das Kontinuum zerstört wurde. Durch die Schaffung von diskreten Elementen gehen viele Informationen, die an dieser Stelle des Kontinuums sich befinden, verloren.

  124. Nie innere Vorstellungen und Wahrnehmungen mit äußeren Bildern gleichsetzen, denn das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.

  125. In der Nachkriegszeit war die lebendige Kleinstadt unser Fernseher – und wir haben nichts vermisst.

  126. Geist ist geformte Kraft, elektronische Medien senden geformte Energie.

  127. Ob ein bestimmtes Buch auf dem Tisch liegt oder ein Tablet, macht einen großen Unterschied. Erst wenn man abstrahiert, verschwindet dieser.

  128. Kindheit  in zwei Welten: in der realen Welt und in der Medienwelt. Hoffentlich bemerkt es diesen Unterschied.

  129. Die Wirkwelt ist entscheidend für die Bewertung von Wirklichkeit und Medien.

  130. Die Dominanz der Merkwelt über die Wirkwelt im Schein öffnet breit das Tor für Ideologien im Sinne von falschem Bewusstsein wie Nazis, IS und Konsumwelt.

  131. Die sinnliche Wirkwelt ist konkret, die geistige Merkwelt ist offen für gut und schlecht.

  132. Ein Wildnis-Garten wirkt, egal ob man es bemerkt oder nicht. Die Merkwelt wirkt immer, aber man bemerkt oft nicht ihre Wirkungen.

  133. Es gibt eine natürliche, soziale und kulturelle Umwelt, die immer wirkt, aber nur teilweise bemerkt bzw. gedeutet wird. Es gibt gute und schlechte „Kuchen“.

  134. Bilder  sind Symbole, die  sinnlich wahrgenommen werden und dann, gespeist aus Erinnerungen und Phantasie, Täuschungen auslösen, die nicht aus dem Dargestellten bestehen.

  135. Die Erinnerung ist ein Zwitter, real und nichtreal.

  136. Der Vertreter (Beruf) von heute ist digital und analog zugleich (FAZ).

  137. Gut und wahr sind Medien nur dann, wo sie den Nutzern Freiheit lassen. Die Freiheit, autonom zu sein, so auch nicht Einschalten.

  138.  Beim Fernsehen ist nicht der Zuschauer der Aktive, sondern die Energie des Fernsehers.

  139. Aber immer erscheint eine räumliche, zeitliche oder grundsätzliche Erkenntnisgrenze, das Ding an sich ist uns nicht zugänglich.

  140. Begriffslose Stille kann  sehr wertvoll sein.

  141. Unterhaltungsmedien verhindern  reale Unterhaltungen.

  142. Ich vermag nicht, den Anteil von elektrischer Energie beim Wahrnehmen und  Lernen wie beim Fernsehen zu bstimmen. Aber ich kenne Menschen, die jeden Abend zehn Stunden in einem Stück vor dem Fernseher sitzen, aber nicht in der Lage sind, eine halte Stunde einen anspruchsvollen Text lesend zu verstehen. Daraus schließe ich, dass ca. neunzig Prozent der wesentlichen Aufnahmearbeit vom Fernseher, nicht von den Zuschauern geleistet werden.

  143. Wenn Bewegungen motorisiert sind, sterben die inneren bzw. werden überflüssig.

  144. Warum ertrinken die Vielseher eigentlich nicht in den Bilderfluten?

  145. Informationsaufnahme ohne eine möglichst reflektierte Stellungsnahme ist keine.

  146. Bilder, Filme, Fernsehen haben  keine Freiheit. Sie verändern sich nie in Freiheit.

  147. Autos und  elektronische Unterhaltungsmedien sind Kontaktvernichter. Aber der Kontakt wird nicht erst im Kontakt, sondern bereits vorher im Kopf vernichtet.

  148. Im Verstehen der Schrift ist viel Eignes nötig, so dass die Bedeutungen der Schrift relativ lebendig werden. Bei den Bilderfluten passiert das fast nicht.

  149. Jeden Tag dösen vor den Fernsehapparaten stundenlang leere Iche. Wer stundenlang vor dem Fernsehapparat sitzt, muss dösen. Aber es ist ein Unterschied, ob ich gelenkt vor dem Fernsehapparat döse oder medienfrei vor mich hindöse und meinen Gedanken im freien Lauf schweifen lasse.

  150. Wichtig ist die Unterscheidung der Medien in Informationsmedien und Unterhaltungsmedien. Ich sehe den entscheidenden Unterschied in dem Motiv der jeweiligen Nutzung: Wenn ein Medium angestellt wird, um an eine bestimmte Information zu kommen, ist es ein Informationsmedium, wenn man es anstellt nach der Devise  Mal gucken, was „drin“ ist, dann ist es ein Unterhaltungsmedium.

  151. Gerade in der Natur entwertet das Internet deren Einzigartigkeit. Übrigens auch Motore.

  152. Die sprachliche vollzogene Umkehr von Klassik zu Trash: In NDR-Kultur kommentiert die Sprecherin nach einem Stück von Antonín Dvořák: „Diese Musik ist fast filmreif“, d. h. noch nicht ganz, aber die Richtung Filmmusik stimmt.

  153. Auf dem Bildschirm gibt es außer dem Bildschirm keine Wirklichkeit.

  154. Dualismus: äußere objektive Bilder und innere subjektiver Vorstellungen. Es ist falsch, auch letztere als Bild zu bezeichnen.

  155. Wie beim Autofahren wird beim Fernsehen die Hauptarbeit von externer Energie geleistet.

  156. Wirklichkeitsersetzungen durch Bilder und Autos zwingen fast zur sitzenden Lebensweise.

  157. Elektronische Medien und Fernsehapparat kennen keine Müdigkeit.

  158. Hier wird der Unterschied von Wirkwelt und Merkwelt wichtig. Die Wirkwelt ist relativ konstant, die Merkwelt kann rasend schnell sich ändern

  159. Die Differenz zwischen künstlich-medialer und wirklicher Wirklichkeit ist lebensentscheidend.
  160. Bilder verbergen ebensoviel wie sie zeigen: Claritas versus Obscuritas. Aber in phänomenologischer Sicht sind alle Wahrnehmungen und Erkenntnisse Schein, nicht Sein im Bewusstsein.

  161. Bilder zeigen nicht das Leben. Zwischen beiden besteht ein Hiatus.

  162. Ich sitze mit einem jungen netten Mann acht Stunden in der Bahn zusammen. In den ersten zwei Stunden hat er ein Kriegspiel laufen, dann sechs Stunden lang einen Wildwestfilm mit viel Schießerei. Was mag in seiner Seele vorgehen?. Gegen elektronische Medien ist man im Gebrauch offensichtlich relativ wehrlos.

  163. Der Zugang zu wertvollen Texten über elektronische Medien wie Gutenberg und Wikipedia ist ein großer Fortschritt in der Menschheitsgeschichte.

  164. Die Moderne verabsolutiert die visuelle Wahrnehmung.

  165. Auf dem Bild sieht man real Formen und Farben, die nicht aus dem Dargestellten kommen. Aber trotzdem kommen die die „Veränderungen“ auf dem Photo kausal von äußeren Objekten, aber diese sind  nur visuell. Ihr Anteil am Gesamteindruck ist wohl  relativ klein.

  166. Die Optik erzeugt Schein, der stimmt, aber der Schein ist nicht die Wirklichkeit, in ihm ist das Leben eliminiert. Der Schein ist etwas Totes. Der Schein ist körper- und materielos, also nur „schlechter“ Geist.

  167. Erinnerung, Träume, Denken, Wahrnehmungen usw. sind innerer Schein, der wertvoll ist, weil er mit Körper und Geist eine Einheit bildet. Er ist lebendig. Bilder sind grundstätzlich, außer Kunst,  nicht wertvoll, wenn sie  die lebendige Wahrnehmung ersetzen.

  168. Je medienorientierter, desto mehr „fabrizierte“ Ganzheiten.

  169. Der moderne Mensch hält es nicht lange bei sich allein aus, deswegen der ständige Medienkonsum.

  170. Viele Photos von Kindern werden heute nach dem Modell von trashigen Commedyserien gemacht: Je mehr Faxe, desto besser. Nicht das Wesen und die  Seele indirekt sichtbar zu machen, ist das Ziel.

  171. Er raucht jeden Tag 70 Zigaretten und sie sitzt jeden bis zu zehn Stunden ohne Unterbrechung vor dem Fernseher. Beide sind krank.

  172. Den Unterschied zwischen Eigen- und Fremdbewegung begreift man, wenn man eine Donaufahrt mit dem Schiff oder mit dem Rad an der Donau macht. Das Mehr der primären Erfahrungen wären Wärme, Gerüche, Naturlaute, die subjektive Verarbeitung der Sinnesreize und die Empfindungen in den Muskeltätigkeiten.

  173. Fernsehkritik ist auch Bildkritik.

  174. Die Zeichendinge sind sehr einfach, außer Minuskeln.

  175. Bilder „entinhaltichen“, d. h. die Wahrnehmung  von Bildern zeigt nur ihre Form aus einer (1) Perspektive. Die Form ist längst nicht das Ganze. Formen  täuschen, wenn man meint, sie würden das Ganze vermitteln. Man nähert sich dem Ganzen, wenn man auch die anderen Sinnesorgane handelnd mit dem Gegenstand eingehen lässt, also Streicheln, Hochheben, Riechen, Schmecken usw. Entscheidend ist erst der Umgang mit lebendigen  „Dingen“, möglichst mit allen Sinnen in langen Zeitabständen, also direkte Objektbegegnung. Das impliziert auch massive Eigenbewegung, denn über die muskuläre Tätigkeit kommen entscheidende „Informationen“.

  176. Sehen zur Dingerkennung erfordert ein Minimum an Anstrengung.

  177. Beim Lesen, insbesondere von Romanen (fiction) muss man ständig die Einbildungskraft mobilisieren und damit seine Subjektivität. Ohne Einbildungskraft sieht der Mensch ausgezerrt aus

  178. Der in der Medienwelt lebende Mensch ist ohne wirkliche Wirklichkeit.

  179. Im Internet verliert man leicht die Kontrolle über sein Lernen.

  180. Ein Argument für den Erker im Engadinhaus: „Der Erker  statt facebook“

  181. Das Leben verlagert sich zunehmend in Medien, insbesondere, wenn man das Auto auch als ein Medium betrachtet.

  182. Ein relativ bildloses Leben stärkt die Einbildungskraft.  

  183. Ein Leserbrief von N. Richter)

    „Wir haben in der Oberstufe gelernt, was man unter der „Gretchenfrage“ zu verstehen habe: Die Namensträgerin fragt Faust im ersten Teil: „Wie hältst du’s, Heinrich, mit der Religion?“ Künftige um ihr Wohl bangende Bräute werden mögliche Partnerschaften vielleicht an die Antwort auf die Frage knüpfen: „Wie hältst du’s, Max, mit der Digitalisierung?“ Es bildet sich ein neues Sozialverhalten heraus, nämlich solches, das der „Selfierei“ eine Absage erteilen wird, das wird die Minderheit sein, und solches, das sie weiterbetreibt mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Eine verschwindend kleine Elite wird unüberschaubaren Massen an digitalen Frohnaturen gegenüberstehen, die ihr Leben, ohne es zu ahnen, einem ungeahnten digitalen Nirwana opfern mit den entsprechenden Folgen: Verlust an Realitätssinn und, damit verbunden, Verlust an Beziehungsfähigkeit, wie sie sich bei entfesseltem Narzissmus bereits weit verbreitet hat. Zwischenmenschlichkeit verträgt nur ein eingegrenztes Maß an Ich. Deshalb ist Ihre Frage „Wann werden wir den Punkt erreichen, an dem wir die Lust an der Digitalisierung verlieren?“ bereits eine der Gretchenfragen Ihrer Generation“ ( Norbert Richter, Henstedt-Ulzburg, in Hamburger Abendblatt)

    Meine Ergänzung:

    „Die Gretchenfrage beantwortet

    Dank an Norbert Richter für seinen Leserbrief „Digitales Nirwana“ (v. 9. 7). Man muss aber meiner Ansicht nach die kritische Analyse der Gegenwart von der Ebene der Digitalisierung auf die Ebene der exzessiven Motorennutzung erweitern, um das Ausmaß der Zerstörungen in der Lebenswelt angemessen zu beschreiben. Erst dann erkennt man nämlich, warum den sonntäglichen Tatort anzuschauen oder jede Distanz mit dem Auto zurückzulegen, für viele Bürger ein Muß ist. Offensichtlich spürt man sich nur noch im Gruseln und im schnellen Fahren. Eigenbewegung, Naturerfahrungen,  Schönheiten im Nahbereich, soziale Begegnungen, Kultur und Liebe sind aber die Alternativen, die das Leben bietet, die aber zunehmend verschmäht werden“ (für das Hamburger Abendblatt, nicht erschienen).

     

 

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