Entgegensetzen und unterscheiden
Es
wäre falsch, Eigenbewegung und Fremdbewegung als absolute Gegensätze
aufzufassen. Dagegen spricht schon, dass in beiden Begriffen „Bewegung“
enthalten ist, sie also neben Unterschieden Gemeinsames haben wie
Ortswechsel, neue Räume erschließen, ein Ziel erreichen, „dabei sein“.
Wenn ein weit entferntes Ziel erreicht werden soll, ist Fremdbewegung
unverzichtbar. Nicht immer ist ein Entweder-Oder angesagt.
Eine
„Entgegensetzung“ ist eine Beziehung, in der die beiden Pole
nichts Gemeinsames, keine gemeinsame Schnittmenge haben. Ein
„Unterschied“ ist dagegen eine Beziehung, in der
die Pole Anteile vom jeweils anderen Pol haben. Beide Pole
der Unterscheidung sind also immer ein Gemisch von
graduellen Unterschieden. So ist das Begriffspaar „Natur und Kultur“
keine Entgegensetzung, sondern eine Unterscheidung:
In Natur ist immer Kultur und in Kultur immer Natur
enthalten. Denn jedes natürliche Ding ist kulturell überformt: Es
gibt heute keine von Menschen unberührten Ökosysteme mehr und
selbst der Begriff „Natur“ gehört eindeutig zur Kultur.
Umgekehrt ist jeder kulturelle Gegenstand letztlich aus Natur
hervorgegangen. Auch der Kultur schaffende Mensch hat
nicht nur kulturelle, sondern auch natürliche Anteile in sich.
Und
das gilt für jeden Dualismus wie Subjekt und Objekt, Eigenbewegung und
Fremdbewegung, Kritik und Kritisiertes. Heinrich Heine hat sich
nie als das Gegenteil von der Masse betrachtet. Er ließ immer
durchblicken, dass das von ihm Kritisierte auch in ihm selbst vorhanden
war. Oder Thomas Manns Diktum, dass er nach rechts ginge, wenn das
Schiff nach links absacke und umgekehrt. Selbstironie, über die beide
Autoren reichlich verfügten, untergräbt ebenfalls die Gefahren
einer Verabsolutierung.
Entgegensetzungen erweisen sich bei
genauer Analyse als Unterschiede. Entgegensetzungen gibt es
nur auf der Ebene der Sprache, nicht in der Realität. Setzt man
Sprache mit Realität gleich, ist man also schnell im Irrtum. Es gibt
real also nur Richtungen, Schwerpunkte, Akzentuierungen und damit
Hierarchien. Diese Auffassung ist nicht neu, sondern wird
beispielsweise in der Dialektik, im Dekonstruktivismus oder in
der Hybrid-Theorie ausdrücklich thematisiert. Dass es trotzdem immer
wieder zu Rückfällen in die Entgegensetzung kommt, liegt einerseits in
der linearen Struktur der Sprache, andererseits im Wesen des Begriffs
begründet, der eingrenzt und ausgrenzt, gleichzeitig etwas sagt und
nicht sagt. Das Ausgegrenzte gibt aber keine Ruhe, überwindet die
willkürliche Grenze. Ich denke, solange wir sprechen, befinden wir uns
in dieser Gefahr und können sie nur relativieren, indem wir sie ständig
im Hinterkopf haben und falls nötig, auch artikulieren.