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Eigenbewegung - Hauptmerkmal des Lebens

Stand: 3. 9. 10

Unter Eigenbewegung werden hier ortsverändernde Bewegungen thematisiert, die mit Hilfe körpereigener Muskeln durchgeführt werden. Das reicht von zu Fuß gehen über Rad fahren bis zum Skaten. Es geht um Eigenbewegung in interessanten natürlichen, kulturellen und sozialen Alltagswelten. Die Wertschätzung der Eigenbewegung gilt aber für alle Eigenbewegungen und des Selbsttuns, sei es im Hause, im Garten, in der Stadt,  Werkstatt, Fabrik oder in der Landschaft.  Man kann die Bedeutung der Eigenbewegung gar nicht hoch genug einschätzen: Leben ist Eigenbewegung. Wer nicht lebt, wird höchstens noch bewegt, d. h. er befindet sich im Zustand der Fremdbewegung. Die erste Eigenbewegung des Neugeborenen oder des Schwerkranken zeugen von seinem  Leben. Erst durch Eigenbewegungen entstehen Beziehungen zur Welt und zu sich selbst. Es ist also kein menschlicher Fortschritt, wenn immer mehr Eigenbewegungen durch Fremdbewegungen ersetzt werden. Der Begriff "Eigenbewegung"  bündelt wie kein anderer die notwendigen Alternativen, um  Welt und Mensch zu retten. Eigenbewegung steht für den notwendigen Paradigmawechsel.
Die hier vertretene Eigenbewegung basiert auf einer  kinästhetischen Theorie des Aufbaus der Persönlichkeit und der Welterkenntnis. Ich gehe von Rezeptoren aus, die Muskelveränderungen anzeigen und an das Nervensystem weiterleiten. Diese Ebene wird von weiteren Sinneswahrnehmungen überlagert und durchdrungen, die insgeamt das Material für geistige Tätigkeiten bereitstellen. Ich bin aber kein antimetaphysischer Materialist (wie z. B. Ernst Mach), denn ich lasse die Möglichkeit offen, dass der Mensch ( und andere Lebewesen) über Empfangsorgane für Metaphysisches verfügt und/oder in der Lage ist, aus dem sinnlich Empfangenen Metapyhysisches zu erschließen. Ich verabsolutiere also nicht den sinnlichen Zugang zur Welterkenntnis. Ich habe übrigens keine Faszination für das Muskelsystem an sich, wie es vielleicht Mediziner oder Biologen haben. Nein, mir geht es um die zumeist vergessene und verdrängte Einsicht, dass die Muskeln eine notwendige, aber beileibe nicht hinreichende Bedingung für die Begegnung  mit Teilen der Welt sind. Ich bin übrigens der begründbaren Meinung, dass das Entscheidende der Geist ist, der  allerdings körperlich fundiert ist und ständig von körperlichen Bewegungen gespeist wird und Impulse erhält.  Die Akzentuierung auf die Muskeln ist also eine notwendige Reaktion auf diese Verdrängungsprozesse. Pointiert: Die Eigenbewegung ist ein anthropologischer  und damit ein politischer Begriff. Eigenbewegung  ist  aus meiner Perspektive der zentrale Oppositionsbegriff zur gegenwärtigen "Lebens"weise, die zunehmend Eigenbewegung durch Fremdbewegung ersetzt, so dass das Leben in allen Gebieten drastisch reduziert wird und nur noch in Schwundformen und Inszenierungen anzutreffen ist. Unter Fremdbewegung werden hier das Transportiertwerden und nicht fremde Eigenbewegungen verstanden.
Angemerkt werden muss noch, dass in jeder Eigenbewegung eine körperliche, geistige und seelische Dimension in je unterschiedlicher Größe und Intensivität  vorhanden ist.  Die bestehenden Wechselbeziehungen werden in den hier vorgestellten Aussagen primär und damit einseitig aus der Perspektive der Muskeln  behandelt. Warum? Weil diese Richtung theoretisch und praktisch bisher stark vernachlässigt wurde.  
Das Wort "Gehen" steht oft exemplarisch für Eigenbewegung.

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  1. Muskuläre Tätigkeiten schaffen größtmögliche  Nähe zum Sein; Sein im Sinne von "Ich bin".
  2. "Eigenbewegung durch die Umwelt ist eine der grundlegenden Verhaltensweisen von Mensch und Tier für eine aktive Exploration der Umgebung" (Niemann, Tobias: Zur Objekt-, Raum- und Bewegungsanalyse während Eigenbewegung bei Menschen).
  3. Die autogerechte Stadt ist nicht naturwüchsig. Wir sind sehr wohl in der Lage, eine "urbane Bewegungskultur" (Imogen Buchholz) zu gestalten.
  4. Eine Handlung wirkt zumindest genau so stark auf den Handelnden wie dieser auf die Handlung. Und zudem entsteht erst in der Handlung bedeutsame Welt, d. h. Umwelt, Mitwelt, Lebenswelt. Die Handlung „Gehen“ verändert also gleichzeitig den Gehenden und dessen Bewusstsein von seiner Lebenswelt. Alles kommt also auf die Qualität der Fortbewegung einschließlich ihrer Umgebung an. Aus einer anderen Perspektive: Die grammatikalische S-P-O-Regel suggeriert ein aktives Subjekt und ein passives Objekt. Aber die genaue Analyse ergibt, dass das Objekt sehr wohl aktiv sein kann und damit den Status eines Subjekts einnimmt, d. h. auch hier gibt es kein "Reines". 
  5. Wort und Begriff „E-Sport“ bilden einen höchst denkbaren Widerspruch in sich, weil Sport durch muskuläre Anstrengungen bestimmt ist, hier aber gerade die Muskeln durch Elektromotoren ersetzt werden. Es rächt sich übrigens, dass die Vertreter des Sports keinen Widerspruch einlegen, wenn z. B. Auto- und Motorradrennen sich selbst als Sport bezeichnen. Merke: Nicht jeder Wettbewerb ist Sport.
  6. Die hier vertretene Position, den Akzent auf Eigenbewegung in interessanten Unwelten zu legen und nicht auf Sport, hat neben den bereits genannten Gründen auch den Vorteil, auf kämpferische Motive verzichten zu können bzw. nicht zurückgreifen zu müssen.
  7. Im Modus der Eigenbewegung besteht  die größte Chance,  konkrete Wirklichkeit sich anzueignen.
  8. Eine notwendende Maxime der  Gegenwart: Stärkt den Wunsch nach und die Bedingungen für Eigenbewegung und schwächt den Wunsch nach und die Bedingungen für Autofahren.
  9. Eigenbewegung  hat viele Dimensionen, aber zuallererst und fundamental ist sie sinnlich-muskulär, d. h. nicht allgemein.
  10. Es stimmt einfach nicht, wenn man sagt, man sei unbeweglich, weil man kein Auto habe. Das Gegenteil ist richtig: Man ist bewegungslos, wenn man Auto fährt.
  11. Die Fähigkeit und Realisation von Eigenbewegung ist wichtig für den Aufbau einer Persönlichkeit. Für meine  Eigenbewegung bin ich alleinige Ursache. Eigenbewegung kann man sich nicht kaufen. 
  12. Die Hände und Füße, wenn sie nicht absichtlich Böses tun, sind behut- und achtsamer als Maschinen.
  13. "Hol dir neue Laufpower" lautet die Überschrift einer  Werbebroschüre eines Sportgeschäfts. Aber Kraft und Fähigkeiten lassen sich nicht kaufen.
  14. In der Eigenbewegung wie im Selbstbewusstsein (Schmidinger) ist der Mensch in einer unableitbar ursprünglichen Weise mit sich selbst vertraut.
  15. Man mache sich aber keine Illusionen: auch Eigenbewegung bewegt sich in einer Spannung, in der Lust und  Unlust sich nicht gegenseitig ausschließen. Aber auf Dauer überwiegt die Lust - zumindest nach meinen Erfahrungen. 
  16. In dem Konzept der Eigenbewegung ist das Moment der Eigenverantwortung sehr stark. 
  17. Ein konkreter Bewegungsablauf eines Menschen ist genau betrachtet so individuell wie sein Körper. Aber obwohl angemessen, verbietet es die Sprache nahezu, von einer ´verkörperten Bewegung` statt von einem ´bewegten Körper` zu sprechen. Es ist also sehr schwierig, die größere Relevanz der Bewegung gegenüber dem Körper sprachlich auszudrücken. Metaphorisch: Die Seele eines Menschen drückt sich eher in seinem Gang und seinen Bewegungen als in seinem (bewegungslosen) Körper aus.
  18. "Eigenbewegung durch die Umwelt ist eine der grundlegenden Verhaltensweisen von Mensch und Tier für eine aktive Exploration der Umgebung. So sind Standortveränderungen zum Beispiel notwendig für das Auffinden neuer Nahrungsquellen, Beutefang, Flucht oder auch zur Identifikation von dreidimensionalen Objekten. Sensorische Systeme zur Orientierung, Kontrolle der Navigation und Objekterkennung sind hierfür essentiell" (Thomas Niemann: Zur Objekt-, Raum- und Bewegungsanalyse während Eigenbewegung bei Menschen).
  19. Grundsätzlich entstehen beim Gehen und Radfahren tiefere und umfassendere Bedeutungen als im Modus der Fremdbewegung.
  20. Die Begriffe Eigenbewegung und Fremdbewegung sind keine Entgegensetzungen, sondern Unterscheidungen, d. h., sie haben Gemeinsamkeiten. Entgegensetzungen hier zu behaupten, wäre Dogmatismus,  Unterscheidungen  hier deutlich zu machen, ist Stärkung des Lebens und der Kultur.
  21. Erfahrungen kann man bekanntlich nur selbst machen, egal, ob man stundenlang vor dem Fernsehapparat sitzt oder zu Fuß in die entfernte Innenstadt geht. Aber beide Erfahrungen unterscheiden sich in der Qualität und in der Tiefenstruktur  beträchtlich. Und auf diese Differenz kommt es mir an.
  22. Natürlich können Anstrengungen belasten und nervig sein, aber sie sind oft  auch notwendige Bedingung für Wachstum in unterschiedlichen Bereichen.  Anstrengungen sind also nicht per se zu vermeiden.
  23. Ein lebender Hund ist „wirklicher“ als ein Spielzeughund, auch wenn dieser noch so sehr mit dem Schwanz wedeln kann. Ein Spaziergang ist "wirklicher" als eine Autofahrt.
  24. In der Eigenbewegung entstehen  eine Gegenwart und Wirklichkeit, die genuin nur die meinigen sind. 
  25. Geistige und körperliche Gesundheit wird durch wenig Essen und viel Eigenbewegung gefördert. Ein leerer Magen (natürlich innerhalb von Grenzen) erleichtert das Gehen und Denken.  
  26. Sich bewegen = Ich bewege mich.  Es handelt sich hier um einen aktiven Vorgang, der als Objekt den Handelnden selbst hat. Das Subjekt und Objekt verändern sich als eine Einheit gleichermaßen. Im Gegensatz dazu "Ich fahre Auto". Hier sind  Zustand und die Tätigkeit des Subjekts  eine vollkommen andere als die des Objekts (des Autos).
  27. Das Wesen des Weges ist (leider), sich mehr oder weniger dem Ziel zu unterwerfen und nicht auf das zu führen, was links oder rechts von ihm liegt. Hier muss man gegensteuern.
  28. Ein im Büro arbeitender junger Mann erzählte mir, dass er mit Hilfe eines "Schrittmessers" herausgefunden hätte, dass er am Tag  nicht mehr  als zweitausend Schritte vollziehe.
  29. Heimat entsteht nur im Modus der Eigenbewegung. Erst dadurch werden aus Raum-Zeit-Gebilde Orte, wird aus Umwelt Mitwelt. 
  30. Sexualität ist offensichtlich die letzte Domäne der Eigenbewegung, wo sie unumstritten herrscht.
  31. Stillgestellte Muskeln halbieren das Leben.
  32. Eigenbewegung ist natura naturans, d. h. ein produktiver Prozess, der relativ unbegriffen und „ergebnisoffen“ abläuft.
  33. Mögliche Basis für eine  Theorie der Eigenbewegung: Die Handlung ist das eigentliche "Subjekt". Erst in der Handlung wird ein Ich und Welt erzeugt- und zwar mit jeder Handlung neu. Ich und Welt sind das Nachgängige. Allein in der Entscheidung, diese oder jene Handlung durchzuführen, befindet sich das Subjekt im Zustand zumindest relativer Autonomie. Hier ist dann das Subjekt das Vorgängige.
  34. Im sinnen- und sinnvollen Gehen ist auch ein Ausgriff auf das Ganze enthalten. In der Eigenbewegung besteht die größte Chance,  die Einheit zwischen sich und der Welt zu erlangen. 
  35. Nur im Gehen erschließt sich uns die Schönheit der Alltagswelt.
  36. Die positiven Effekte der Eigenbewegung kann man nur unvollkommen symbolisch "einfangen", sie müssen erfahren werden.  Fahren war übrigens ursprünglich primär Eigenbewegung.
  37. Lebenskraft zeigt sich in der Bejahung von Eigenbewegung. 
  38. "So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern" (Friedrich Nietzsche).
  39. These: Auch beim scheinbar rein geistigen Ausdruck ist immer der gesamte Körper beteiligt, aber oft wird die körperliche Dimension unterdrückt.
  40. "Warum steigt ihr auf die Berge?  Um dem Gefängnis zu entrinnen"  (Ludwig Hohl).
  41. Eigenbewegung wirkt in zwei Richtungen, aber je nach Situation in sehr unterschiedlichen Intensitäten: nach innen und nach außen - idealiter intensiv in beide Richtungen
  42. Wer genießt eigentlich noch die Möglichkeit,  morgens im Sonnenschein zum Bäcker zu gehen oder mit dem Rad zu fahren?  Ich befürchte, sehr wenige Menschen.
  43. Der geniale Mensch: der, der Augen hat, für das was ihm vor den Füßen liegt (Johann Jakob Mohr).
  44. Meine Cousine fährt seit ihrem achtzehnten Lebensjahr jede Strecke mit dem Auto. Vor gut sechs Wochen  musste sie allerdings wegen zu schnellen Fahrens einen Monat ihren Führerschein abgeben und das Auto durch ein Fahrrad ersetzen. Das war für sie sehr ungewohnt, die sie mit zwei Unfällen bezahlte. Nun hat sie den Schein wieder und will nie mehr ein Rad besteigen. Auf die Idee, durch  Üben und Praxis ihre Radfahrkompetenz (wieder) zu erlangen, kommt sie allerdings nicht.  
  45. Enten - eller/entweder - oder: Sich selbst bewegen oder bewegt werden, Eigenbewegung oder Fremdbewegung, zu  Fuß gehen bzw. mit dem Rad fahren oder das Auto nehmen? Bedenke es wohl, denn Motore ersetzen  Leben.
  46. Auch wenn man zielorientiert einen Weg entlang läuft und damit seinen Reichtum nicht wahrnimmt, wirkt dieser unbemerkt: Es macht also immer einen bedeutsamen Unterschied, ob man durch einen Wald läuft oder neben   einer Autotsraße geht oder Rad fährt. 
  47. Viele Stecken lassen sich in Wege umformen.
  48. Wenn man den philosophischen Begriff der natura naturans mit "schaffender Natur" und natura naturata mit "festgestellter Natur" übersetzt, macht es Sinn, Eigenbewegung dem erste, und Fremdbewegung dem zweiten Begriff zuzuordnen.
  49. Der moderne  Mensch gibt zunehmend ohne Notwendigkeit seine Fähigkeit zur Eigenbewegung an motorenbetriebene Maschinen ab - und meint,  das sei sehr klug.  
  50. Naturnahe Fuß- und Radwege sind immer sinnen- und sinnvoll, asphaltierte Autostraßen sind nie sinnenvoll und oft sinnlos. 
  51. Bewege Dich im Alltag und mäßige Dich im Essen und Du hast keine Gewichtsprobleme.
  52. In der Eigenbewegung besteht eine primäre vorbegriffliche Einheit zwischen Mensch und jeweiliger Umwelt, die gegebenenfalls begrifflich überformt wird. So umfasst  die Eigenbewegung stets mehr Sinn als dem Sichbewegenden bewusst ist.  
  53. In Bezug auf Eigenbewegung sind Auto- und Bahnfahrten gleichermaßen defizitär. Ein Zugabteil ist aber ein sozialer Raum, den zu betreten, fast jedes Mal ein Erlebnis und eine Riesenchance für spontane Kommunikation und Beobachtungen bietet, dagegen steht das Auto Vereinzelung (und Vereinsamung)  par excellence.
  54. Die ganze Schönheit eines Menschen erschließt sich erst in seinem Gang.
  55. Es ist ein Fehler der Gesundheitspolitik oder der privaten Gesundheitsvorsorge, einseitig auf Sport zu setzen. Die meisten Menschen sind keine Sportler und auch nicht längerfristige Freizeitsportler. Machbar und realistisch ist, Eigenbewegungen zu Fuß oder mit dem Rad im Alltag zu intensivieren und zumindest auf kurzen Strecken auf das Auto zu verzichten.
  56. Ein Weg an sich ist eine Abstraktion. Die jeweilige Breite, die immer eine subjektive ist,  hebt die Abstraktion ein Stück auf.
  57. Ich bin davon überzeugt, dass zum richtigen Leben Eigenbewegung in ausreichendem Ausmaße und Intensität gehört. 
  58. Eigenbewegung ist ein Beitrag zur Überwindung unnötiger Abstraktion und Entmaterialisierung der Welt.
  59. Eigenbewegung stärkt Selbst- und Seinsgewißheit.
  60. Eigenbewegung ist `natürlich´ ein Hybrid, d. h. eine unlösbare Einheit von Natur und Geist.  Wenn man  die gesellschaftliche bzw. symbolische Ordnung als die Quelle der Unfreiheit, die Natur aber als den Freiraum des Subjekts ansieht, macht es Sinn, sich intensiv auf seine eigene Natur in Form von Eigenbewegung und der äußeren Natur, in der die Eigenbewegung stattfindet, einzulassen.  
  61. Der Sinn des Lebens und damit der Eigenbewegung besteht nicht darin, von einem Sofa aus verschiedene Knöpfe zu drücken, um Apparate in Gang zu setzen. 
  62. Interpretiert man den Menschen als materiellen Signifikanten und die Umwelt als immaterielles Signifikat (oder umgekehrt)  und geht man zusätzlich , wie Derrida, nicht von dem Primat der Bedeutung   aus, sondern von einer gleichwertigen Wechselwirkung zwischen beiden aus, dann bekommen einerseits die Eigenbewegung, andererseits interessante Umwelten allergrößten Wert.
  63. Warum ist offensichtlich jede Kommune verpflichtet, jedes Haus mit einem Autostraßenanschluß auszustatten?
  64. Adorno bezeichnet Natur als das Nichtidentische, das sich in den ontischen Residuen der Begriff oder den körperlichen Erfahrungen der Subjekte niederschlägt (Julia Weber). Diese körperlichenb Erfahrungen sind fast immer Erfahrungen im Modus der Eigenbewegung.  Das Nichtidentische erklärt  übrigens auch, warum Eigenbewegung grundsätzlich nicht befriedigend definiert (finis = die Grenze) werden kann. 
  65. Natürlich kann man der Auffassung sein, dass Geist, Seele und Körper des Menschen Instanzen sind, die zwischen ihm und Welt vermitteln. Diese Indirektheit  wäre unaufhebbar. Aber ich denke, man sollte ohne Not auf zusätzliche Vermittlungsinstanzen verzichten, also möglichst das anstreben, was man naiverweise als Originalbegegnung bezeichnet. 
  66. Es besteht immer die Gefahr, dass die Schätze eines Weges nicht wahrgenommen werden, weil entweder das Ziel absolut gesetzt wird oder der Weg  in seiner möglichen Breite nicht genossen wird bzw. im Bewusstsein tendenziell zu einer Linie  geschrumpft und  damit ´dinglos´ geworden ist. Fazit: Der Weg ist eine Bewusstseinsleistung.
  67. Eigenbewegung ist eine Entscheidung für intensiv erlebte Langsamkeit.
  68. "Die Natur war für Goethe ein Abbild der Muße, weil die Natur nichts will, nichts bzweckt, sondern aus sich heraus vollkommen ist" ((Susanne Beyer: `Leben im Stand-by-Modus, Spiegel Nr. 29, 2010
  69. Zur Schönheit des Wohnens: In Nähe ihrer Wohnung befinden sich ein Lebensmittelgeschäft, ein kleines Cafe, die Post, eine Bank und  die Schule, alles problemlos zu Fuß zu erreichen. An ihrem   Arbeitsplatz und in der  Innenstadt sind sie mit dem Rad in zehn Minuten. Wegen dieser günstigen Situation scheint auch der Autoverkehr in diesem Stadtteil nicht so dicht zu sein. 
  70. Beim Gehen entsteht eine Spur, aus der u. U. ein Weg entsteht. Die Spur ist eine Einheit  von Geist (als Ziel und Kraft zur Verwirklichung)  und  Natur. Beim Entstehen von Spuren und  Wegen besteht eine ständige  Wechselwirkung zwischen Ziel und Natur. Ein Weg durch schwieriges Gelände ist an dieses angepasst.  Neuzeitlicher Autobahnbau hat diese Dialektik nahezu still gestellt, da  Natur in Abwesenheit jeglicher Ethik  als beliebig veränderbar behandelt wird. Anders gesagt. Der Weg ist eine Vermittlung von Geist und Umwelt und er vermittelt zwischen beiden. Daraus folgt: Auf den Weg kommt sehr viel an. 
  71. `Eigenbewegung´ ist in der Realität ein Hybrid, ein Zusammengesetztes aus Subjekt und Objekt, aus Mensch und Umwelt bestehend. Diese Einheit kann man sprachlich nicht mit einem Wort ausdrücken, immer wird hier der eine oder der andere Pol unterschlagen. Spricht man von Eigenbewegung muss man immer den Weg mit bedenken - und umgekehrt.  
  72. "Niemals werden uns das fundamentale Signifikat, der Sinn des repräsentierten Seins und noch weniger die Sache selbst leibhaftig, außerhalb eines Zeichens oder eines Spiels gegeben sein" (Derrida). Genau aus dieser prinzipiellen Unsicherheit resultiert auch die Abwertung der Eigenbewegung und ihre nicht als Verlust und Schmerz empfundene Ersetzung durch Fremdbewegung.  Aber sich selbst zu bewegen, zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren, ist die erste und beste Möglichkeit, den Bruch zwischen Mensch und Welt, Subjekt und Objekt ein Stück rückgängig zu machen bzw. zu überwinden. Aber wir werden wohl nie absolute, sondern nur relative Seinsgewissheit erlangen, auch selbst wenn man wie ich von dem Sein des Seins ausgeht. 
  73. Auf einer Photographie vom Gendarmenmarkt und umliegenden Straßen von 1895 sehe ich bis auf eine Kutsche nur Fußgänger: Es ging also. Warum "geht" es heute nicht?
  74. Trau Dich zur Eigenbewegung und Du wirst belohnt: 20 Kilometer mit dem Rad - natürlich auf Schleichwegen - zu einer Musikveranstaltung auf dem Land. Obwohl man ja nicht vergleichen soll, war die Rückfahrt gegen Mitternacht  noch eindrucksvoller als die Hinfahrt gegen die Abendsonne. 
  75. Mein bisher ausschließlich auf das Auto fixierter Verwandter entwickelt nun Vernunft:  Nach Feierabend oder an Wochenenden unternimmt er fast jeden Tag  mit dem Rad Fahrten durch die schöne Landschaft Angelns. Nun muss er nur noch lernen, dass es möglich ist, mit dem Rad auch zur Arbeit und zum Einkaufen zu fahren. Wenn er das schnallt, ist er in meinen Augen perfekt in Bezug auf Mobilität.
  76. Wenn Du die hier vertretene Position begreifen und teilen willst, muss Du schon selbst in die Puschen kommen. Fahre morgen mit dem Rad zur Arbeit!
  77. Du hast morgens oben im Schlafzimmer etwas vergessen: Nimm zwei Treppenstufen auf einmal  - und Du erfährst die Schönheit der Eigenbewegung. 
  78. Leben  ist stark abhängig von Technik:  meine Uhr, mein Rad, meine Internet-Kontakte, meine Kleidung, meine Wohnung, meine Straße  wurden  mit Technik hergestellt.  Es kann also nicht um Ablehnung von Technik gehen, sondern  um die Bestimmung der Räume, wo sie angemessen ist oder eben nicht. Das heißt auch, technikunabhängige Bewegungen, eben Eigenbewegungen, in interessanten Umwelten durchzuführen.
  79. Die körperliche Eigenbewegung selbst ist  Natur, auch wenn sie kulturell überformt ist. 
  80. In der Eigenbewegung entstehen nicht nur Informationen über die jeweilige Umwelt, sondern auch Informationen über sein körperliches, geistiges und seelisches Selbst. Zumindest letzteres findet fast nicht im Modus des Transportiertwerdens statt.
  81. Leben ist innere und äußere autonome Bewegung = Eigenbewegung.
  82. Lebensmaxime: Sich körperlich und geistig in interessanten realen und symbolischen Räumen bewegen.
  83. Beschäftigt man sich mit Eigenbewegung, thematisiert man  implizit oft auch den Naturbegriff.
  84. Dass Fernsehsendungen wie die Fußballweltmeisterschaft nun an öffentlichen Plätzen gezeigt werden (public viewing), ist ein begrüßenswerter Prozess gegen die Vereinzelung. Noch besser fände ich es allerdings, wenn, sagen wir tausend Zuschauer nach dem Spiel die Übertragungsanlage abstellten, sich halbierten und zwei Mannschaften a 500 Menschen bilden würden, die dann selbst auf dem nächsten freien Platz gegeneinander spielten. Das wäre dann nicht nur die Wiedergewinnung der sozialen, sondern auch der körperlichen Dimension 
  85. Denkt oder glaubt man im Ernst, dass gemachte oder unterlassene Eigenbewegungen tatsächlich keinen Einfluss auf das Denken, Wahrnehmen, Fühlen und Handeln der  Akteure bzw. Nichtakteure haben?
  86. In der Eigenbewegung finden Lernprozesse überwiegend auf vorbegrifflicher Ebene statt und betreffen gleichzeitig sowohl die Umwelt als auch das  Selbst. Diese Einheit von innen und außen ist z. B. beim Autofahren nicht vorhanden, hier sind Selbst und Umwelt hermetisch durch Stahl und Glas getrennt.
  87. Lernen ist ein aktiver Vorgang, der idealiter Geist, Seele und den sich bewegenden Körper umfasst.
  88. Man kann es gar nicht oft genug wiederholen und betonen: Es gibt  keine Eigenbewegung an sich, sie ist eine Abstraktion und nur analytisch möglich. Sie findet immer an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit statt, wobei zwischen Ort, Zeit und Eigenbewegung immer eine wechselseitige Beeinflussung stattfindet. Das macht  einsehbar, dass die   Qualität  der Umwelt, in der die Eigenbewegung stattfindet, so außerordentlich wichtig ist. Grundsätzlich ist das Ziel, der Weg und die Art, wie er "bewältigt" wird, von gleicher Wichtigkeit. Im Modus des Transportiertwerdens (Fremdbewegung) nähert sich das Erleben des Weges einer Abstraktion und zwar je schneller, desto abstrakter.
  89. Er muß wegen  zu schnellem Fahren für einen Monat seinen Führerschein abgeben. Nun ist er gezwungen, mit dem Rad fahren bzw. zu Fuß gehen. Seine Nachbarn kommentieren diese ungewöhnlichen Anblicke mit "sportlich, sportlich". An dieser Situation erkennt man deutlich, dass Eigenbewegung in Alltagssituationen im Bewusstsein der Leute nicht mehr als Selbstverständlichkeit, sondern als etwas Besonderes, nämlich Sport interpretiert wird.
  90. Ein entfernter Verwandter von mir ist Sportlehrer. Er fährt jeden Tag mit dem Auto zu seiner Schule, obwohl sie nur 500 Meter von seinem Wohnhaus entfernt liegt und dorthin ein wunderschöner Fuß- und Radweg führt. 
  91. Sport kann eine sinnvolle Teilmenge von Eigenbewegung sein, aber er kann sie nicht ersetzen. Die Hauptsache und der eigentliche Wert der  Eigenbewegung ist,  sich in interessanten natürlichen, sozialen und kulturellen Umwelten zu bewegen. 
  92. Es geht darum, die Schönheiten und interessanten Gegebenheiten im Alltag  zu entdecken - und dazu bedarf es in der Regel der Eigenbewegung. Man muss schon selbst aktiv werden. Fahre mit dem Rad von Hamburg-Dammtor durch das Schanzenviertel zu den Landungsbrücken und von dort entlang der Elbe bis nach Blankenese, überquere die Elbe mit der Fähre nach Cranz und von dort entlang der Este auf einer von Autos fast nicht frequentierten Straße bis nach Buxtehude - und du kannst fünf Stunden voller Begeisterung davon erzählen. Fährst du von Haus zu Haus  ermordest du, um mit Heinrich Heine zu sprechen, den Raum und bist in der Birne leer.  Aber aufpassen: Du sollst jetzt nicht nach Hamburg-Dammtor fahren, sondern Deinen Weg in Regensburg, Duisburg oder Zwickau finden. 
  93. Obwohl Eigenbewegung ein Existenzial, ein Wesenselement des Menschen ist, ist ihre Bedeutung als Ganzheitsphänomen im Alltagsleben und in der Theorie vollkommen unzureichend.
  94. Die Eigenbewegung stärkt das Selbst.
  95. Nur im Modus der Eigenbewegung ist eine Kommunikation im externen Raum von Angesicht zu Angesicht möglich.
  96. Eigenbewegung in dem hier vertretenen idealen Sinn ist  resistent gegenüber der Vereinnahmung als Ware.
  97. Warum besitzt die Fremdbewegung eine so starke innere Legitimation
  98. Ziel: Motorenfreie Zonen schaffen. Kandidat Nummer eins wäre der Garten.
  99. In der Eigenbewegung geht es auf dem ersten Blick nur um die Erhaltung und den Gebrauch der Fähigkeit, selbständig Ortsveränderungen vorzunehmen. Aber Eigenbewegung betrifft letztlich den  "ganzen" Menschen in einer bestimmten Umwelt und Zeit. Zum Subjekt gehört idealiter immer ein sich bewegender Körper. Die Substitution des Körpers beschädigt die Gesamtpersönlichkeit. 
  100. Erst in der Eigenbewegung wird aus der reinen Distanz ein Weg. Im Weg werden Subjekt und Welt zu einer lebendigen Einheit. 
  101. In der Eigenbewegung entstehen keine Umweltbelastungen.
  102. Nach einer längeren Fahrradtour durch eine  zauberhafte Landschaft  zwischen Stade  und Buxtehude machen wir Rast  in freier Natur. Ein Apfel, ein gekochtes Ei, geschmierte Brote und Leitungswasser bilden einen nicht zu überbietenden Genuss. Danach auf  Regenzeug als Unterlage gedöst, die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und den Wind  leise im Gras wahrgenommen. 
  103. Erst Füße und Fahrräder machen aus Raumdistanzen Wege - nicht Autos, Züge oder gar Flugzeuge.
  104. Freiheit, Geschichtlichkeit, Sprache und Leiblichkeit (= Eigenbewegung ) bilden nach Eugen Fink  die vier Existenzialien des Menschen. ´
  105. In der Anthropologie, Kognitionswissenschaft und Physiotherapie wird als Eigenbewegung eine aktive Veränderung der eigenen räumlichen Position (oder der Position eines Wahrnehmungsorgans) bezeichnet, die für die Umwelt- und Selbstwahrnehmung von entscheidender Bedeutung ist. Die Eigenbewegung und die ausgeblendete jeweilige Umwelt  bilden eine unaufhebbare Einheit, beide sind gleichwertig. Die  einseitige Funktionalisierung der Eigenbewegung auf körperliche und mentale Stärkung entspricht nicht ihren Möglichkeiten. Die Eigenbewegung  entfaltet  ihren Wert und ihr Potenzial erst in sinnen- und sinnvollen natürlichen, kulturellen und sozialen Umwelten. Sie stärkt und schont gleichzeitig diese Umwelten, so dass sie auch als eine ökologische und ökonomisch-politische Kategorie aufgefasst werden kann. 
  106. Was von der  Bedeutung und der Sache nach  Eigenbewegungen sind, werden in der Literatur aber unter Benennungen wie  Wandern, Sport,  Bewegung,  Langsamkeit  Flüchtigkeit, Technikkritik, verinselte Kindheit, Nachhaltigkeit, sanfter Tourismus, Tod der Stadt, Verschwinden der Wirklichkeit, veränderte Wahrnehmungs- und Bewusstseinsstrukturen, Regionalismus, Kritik des Autos,  Entschleunigung, Cittaslow usw. isoliert und  spezifisch definiert dargestellt. Die folgenden Ausführungen führen die bereits bestehenden Theorieelemente zu einer vereinheitlichenden Theorie der Eigenbewegung  zusammen.
  107. Im Begriff Eigenbewegung sind Dimensionen enthalten, die in diesem Wort nicht zum Ausdruck kommen:  So die nicht aufhebbare Einheit von Mensch und Umwelt und die positiven Effekte  des Sich-Bewegens in sinnen- und sinnreichen  natürlichen, kulturellen und sozialen Umwelten. Wahrscheinlich kann man dieses Problem nur mit Hilfe eines Ensembles von Wörtern lösen wie "alltägliche Eigenbewegung", "genetische Wege"  oder "begangene Wege". Unter dieser Einseitigkeit leiden übrigens fast alle der hier ausgedrückten kritischen Aussagen. Um meine Position noch einmal zu verdeutlichen: Eigenbewegung ist eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für ein erfüllteres Leben.  
  108. Optisch gesehen sind unsere Städte und Dörfer menschenleer. Die Bewohner halten sich  unsichtbar in ihren Häusern oder Autos auf.  Eine lebendige Siedlung braucht keine Autofahrer, auch nicht unbedingt Sportler, aber  Fußgänger und Radfahrer, die die meisten ihrer Bedürfnisse vor Ort Wirklichkeit (im Sinne von wirken) werden lassen und  die Straßen und Plätze beleben. 
  109. Jeder Begriff, aber auch jeder Oberbegriff schließt ein und schließt aus. So auch der Begriff  Eigenbewegung, denn er thematisiert nicht explizit die jweilige Umwelt. Eigentlich müßte ich immer "Eigenbewegung in Alltagswelten" schreiben.
  110. In der Eigenbewegung ist man nahe der natura naturans (der schaffenden Natur).
  111. Die Eigenbewegungen des Menschen umfassen den ganzen Menschen: seine  äußeren Bewegungen wie die von Organen, Händen und Füße und  seine inneren Bewegungen wie   Bewusstsein, Wahrnehmung, Denken, Kognition, Gefühle, Wollen, Werte, Subjektivität und die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Alle diese Prozesse haben zwei verschiedene Seinsweisen von denkbar höchster  Verschiedenheit, einer subjektiven und einer objektiven: Die subjektive Seinsweise heißt hier: Die jeweilige Eigenbewegung erscheint  im Bewusstsein eines Ichs, in der ersten Person Singular  und wird ausschließlich nur hier  erlebt. Dieses phänomenale Bewusstsein ist eines der zentralen Probleme der Philosophie des Geistes und wird dort unter dem Begriff Qualia behandelt worunter man  den subjektiven Erlebnisgehalt eines mentalen Zustandes versteht.   Dieses Erleben  der Quantität und Qualität der eigenen Bewegungen ermöglicht erst das, was man als Identität bezeichnet. In diesem Erleben besteht der eigentliche und nicht ersetzbare Wert der Eigenbewegung.
  112. Für  Original- oder Primärerfahrungen bzw. Erlebnisse, die diesen Namen verdienen, genügt es nicht, in einer  Realität zu sein wie auf der Endstation  der Bergbahn oder  im Bus an einer  Wildtier-Tränke, sondern gleichwichtig ist der lebendige, d. h. in äußeren und inneren Eigenbewegungen erfüllte Mensch. Erst wenn  dieser Ganzheit besteht,  sollte man von Originalerfahrungen sprechen.
  113. "Zu unserer Natur gehört die Bewegung, die vollkommene Ruhe ist der Tod" (Blaise Pascal).
  114. Die richige Art und Weise: "Jede Bewegung zählt … ! Bewegungsförderung für ältere Menschen in Kommune und Stadtteil" Titel einer Veranstaltung der Hamburgischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V.
  115. Es erfordert unter Umständen große Willenskraft, in Zeiten der Schwäche, seine gewohnheitsmäßigen Eigenbewegungen aufrecht zu erhalten. Hier nicht einzuknicken, lohnt sich.
  116. Führe  Deine täglichen Ortsveränderungen im Umkreis von fünf Kilometern zu Fuß oder mit Rad  durch, und Du  kannst  mit ruhigem Gewissen auf Sport verzichten.
  117. Dass so viele Menschen immer mehr ihre möglichen Eigenbenbewegungen durch Motore ersetzen,  ist Ausdruck einer großen existenziellen Skepsis gegenüber den eigenen körperlich-geistigen Fähigkeiten
  118. Von dem Tenor Fitz Wunderlich wird erzählt, dass er vor anstrengenden Aufführungen größere Wanderungen durchgeführt habe, um körperlich und mental sich zu stärken - und das offensichtlich mit Erfolg.
  119. Offensichtlich scheinen insbesondere junge  Tiere und Kinder Freude an Bewegungen an sich zu haben, bei ihnen haben sie noch einen Selbstwert. Ist die häufig anzutreffende Bewegungsfaulheit bei Erwachsenen naturwüchsig oder anerzogen?
  120. Vor kurzem hatte ich eine ziemlich heftige Prellung im Rücken, die meinen Bewegungsradius massiv einschränkte. War es Vermeidungsangst oder Bequemlichkeit, dass ich ganze Bewegungsabläufe ausließ? Erst als ich über Nachdenken diese Konstruktion  erkannte, bin ich willentlich gegen Vermeidungen und Bequemlichkeit angegangen (wortwörtlich). Ich denke, diese Überlegungen sind nicht nur im Fall von Krankheiten, sondern generell sinnvoll und notwendig.
  121. Es macht einen großen Unterschied für den Garten und für mich aus, ob ich behutsam mit der Hand im Garten arbeite oder dort motorenbetriebene Maschinen einsetze.
  122. Füße sind primär zum Laufen geschaffen und  nicht zum Bedienen eines  Gaspedals.
  123. Erkennen und Wertschätzung setzt Bewegung voraus: Als Goethe 1787auf seiner Italienreise  Paestum besuchte und von weitem die drei griechischen  Tempel sah, war er zunächst gar nicht begeistert, was sich erst  änderte, als er sich um die Tempel und Säulen  herum und  durch  sie bewegte. Erst dann "teilt man ihnen das eigentliche Leben mit; man fühlt es wieder aus ihnen heraus, welches der Baumeister beabsichtigte, ja hineinschuf."
  124. Ein Vorschlag: Wenn  Du  irgendwie müde bist und mehr oder weniger herumhängst, unternehme etwas Schönes mit einer starken körperlichen Bewegungskomponente. Danach fühlst Du Dich wohl und behände.
  125. Eigenbewegung ist ein hoch abstrakter Begriff. Als Oberbegriff er umfasst Physiologie, Psychologie und Welt. Physiologie umfasst insbesondere Muskeln und Nerven, Psychologie umfasst Empfindungen, Wahrnehmungen, Gefühle, Wille  Verstand und das Unbestimmbare schlechthin, die Freiheit, während Welt potenziell alle  Einflüsse aus Raum und Zeit beinhaltet.
  126. Intuitiv versteht man die „Sprache“ des Geistes, die sich in Bewegungen des Leibes ausdrückt. Deshalb  interessiert einem letztlich nicht der Körper, sondern der Geist, der sich in dem sich bewegenden Leib ausdrückt. Geist spricht in den leiblichen Bewegungen und in den geistigen Bewegungen. Wahrscheinlich handelt es sich um zwei Seiten desselben Prozesses.
  127. Wenn Eigenbewegung überhaupt in den Medien thematisiert wird (vom Sport abgesehen), dann nur als ein spektakuläres Ereignis wie „Zu Fuß im Himalaya“ oder „In zehn Tagen über die Alpen“. Aber das ist nicht der Kern: Es geht es um ganz gewöhnliches Laufen in die Innenstadt oder mit dem Rad zur Arbeit. Es geht um das Spektakuläre im Unspektakulären.
  128. Es rechnet sich zeitlich günstiger, wenn Du Deine Fremdbewegung  im Auto durch alltägliche Eigenbewegung in Form von Laufen oder Radfahren ersetzt, statt zu der Fremdbewegung noch sportliche Eigenbewegung   hinzufügst.
  129. Ich teile die Position, dass Sinnlichkeit und Verstand  die zwei Quellen der  Erkenntnis und Wissen sind. Aber diese Begrifflichkeit kann zu fatalen Missverständnissen führen, weil ein Teil als Ganzes gesetzt wird.  Aber   Sinnesleistungen sind  ohne Muskelleistungen nicht möglich. Beide, Muskeln und Sinne, sind hier gleich wichtig und gleichwertig. Statt "Sinnlichkeit" sollte man deshalb als Oberbegriff angemessener   "Eigenbewegung" einsetzen.  Eigenbewegung ist gleichermaßen auf Sinnlichkeit sowie Muskeltätigkeit und natürlich auf Verstand elementar angewiesen. Durch die Fokussierung auf die Sinne  sind die Muskeln in der  Erkenntnistheorie sträflich vernachlässigt worden. In Theorie und Praxis der, so in Medizin oder Sport,  sind die Muskeln nur als isolierte Einheiten von Interesse.  
  130. Nicht nur im Handeln, sondern auch im Erkenntnisakt sind Muskeln konstitutiv.  
  131. These: Sinne und Verstand sind für kognitive Leistungen Ursache.  Werte und Gefühle haben ihren Ursprung in den Muskeln, Nerven machen sie nur bewusst. 
  132. Eigenbewegung kann man als eine Objektivierungsleistung des Geistes auffassen, so dass ein Mensch sich seiner selbst objektiv versichern kann.
  133. "Nur wo sich der Mensch am Menschen stößt und reibt, entzündet sich Witz und Scharfsinn, nur wo sich der Mensch am Menschen sonnt und wärmt, entsteht Gefühl und Phantasie, nur wo der Mensch zum Menschen spricht, nur in der Rede, einem gemeinsamen Akt, entsteht die Vernunft." Daraus folgt die Maxime: Ersetzt den Menschen nicht durch Technik!
  134. Forderung: Von jedem Stadtteil muss direkt ein breiter Fuß- und Radweg in die Innenstadt führen. Wir brauchen Fuß- und Radfahrstraßen mit Autowegen.
  135. Die zugefrorenen Oberengadiner Seen im Winter sind so genussvoll, weil auf ihnen nur Menschen im Modus der Eigenbewegung sind.  Autos und  entsprechende Infrastrukturen findet man dort nicht. Dort gibt es nur Natur und "unbewaffnete" Menschen. 
  136. Wenn wir den Menschen aus  physiologischer Perspektive bedenken, sind die Nerven das eigentliche Subjekt. Aber das ist falsch: Muskeln und Nerven sind gleichermaßen an der Subjektbildung beteiligt. 
  137. Hauptthese: Muskeln stehen für Körper. Werte und Gefühle haben ihren Ursprung in den Muskeln, nicht in den Nerven. Nerven machen sie nur bewusst. Pointiert: Ohne Muskeln gäbe es keine Werte und Gefühle.
  138. Just five minutes of exercise in a "green space" such as a park can boost mental health, researchers claim (BBC News). Ein Befund, der die Wichtigkeit des Wo der jeweiligen Eigenbewegung betätigt. 
  139. Insbesondere in der klassischen  griechischen Philosophie  und im  Christentum hat man den Geist in den Mittelpunkt der Lösung gestellt, in der Aufklärung hat man mit dem Empirismus und Sensualismus die Sinne gewürdigt, mit Pragmatik wurde die Hand reflektiert, aber der Fuß, d. h. die Bewegung im Makrobereich, wird immer noch stark vernachlässigt.
  140. Die Bedeutungen bestimmen nicht als absolute Herrscher die materiellen Zeichen, aber das Umgekehrte gilt auch nicht, sondern es liegen immer gegenseitige Bestimmungsprozesse vor. Gleiches gilt für die äußere Eigenbewegung:  auch sie beeinflusst den Geist wie umgekehrt der Geist die Eigenbewegung bestimmt. 
  141. Es gibt immer noch Ansätze wie "how the body shapes the way we think", die von einem Körper (Leib) isoliert von seiner Bewegungsfähigkeit und seinen Bewegungsrealisationen ausgehen. Oder werden da schon bewegungslose Leiber antizipiert?
  142. Eigenbewegungen werden zunehmend durch Fremdbewegung ersetzt. Dadurch entstehen wesentliche Probleme der Gegenwart. Ein Motor ist immer auf Fremdenergie angewiesen, eine Maschine kann, muss es aber nicht sein. Wenn eine Maschine durch Eigenenergie angetrieben wird, (Fahrrad, handbetriebene Maschinen usw.) gehört sie zur Eigenbewegung.
  143. Eine elementare  Begründung für Eigenbewegung ergibt sich aus folgendem Widerspruch zwischen Körper und Lebensweise: Einerseits haben wir uns  zu einer sitzenden Gesellschaft verändert, so läuft der durchschnittliche Deutsche nur noch täglich 650 Meter außerhalb von Häusern mit entsprechenden  negativen Folgen für Mensch und Umwelt. Andererseits ist der männliche  Körper und seine Organe auf täglich bis zu 35 Kilometer Laufen ausgelegt, um den Energiebedarf seiner Sippe zu decken -  Frauen mussten ebenfalls beträchtliche, aber doch geringere Distanzen zurücklegen.
  144. Die Bedeutung der Eigenbewegung kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Die Eigenbewegung gehört zu den Existenzialien des Menschen: Eigenbewegung,  Freiheit, Sprache und Geschichte kann man nicht vom Menschsein trennen. Und es gibt gute Gründe, die Eigenbewegung als Ur-Grund und Wesens-Grund aufzufassen.
  145. Wenn Reisen nicht massiv aus  Eigenbewegung (wandern, Rad fahren usw.) besteht, verdient es nicht dieses Wort.
  146. Muskeln ermöglichen Eigenbewegung, Sinnesorgane ermöglichen Weltwahrnehmung. Da unsere Muskeln zunehmend ruhig gestellt werden (Stichwort: sitzende Gesellschaft), machen wir tendenziell keine primären, unvermittelten Welterfahrungen mehr. Daran ändert auch   sportliche Betätigungen nichts, denn diese dienen  ausschließlich der Selbststeigerung, nicht der Weltwahrnehmung. 
  147. Für die Eigenbewegung gibt absolut keinen Ersatz.
  148. In der Eigenbewegung sucht man Ort auf, die einem etwas geben. Das ist der eine Anspekt. Der andere Aspekt, der vielleicht wichtigere, sind die Veränderungen, die im Körper, Geist und Seele stattfinden. So werden Erstarrungen und Verpanzerungen gelöst, eingesperrte Kräfte freigesetzt und es entsteht Zuversicht.  
  149. Existenzielle Sicherheit entsteht im Besonderen im Gehen und im Allgemeinen in der Eigenbewegung.
  150. Unter "plastische Kraft" versteht  Jacob Burckhardt die Fähigkeit, jede Störung der inneren Harmonie wieder auszugleichen bzw. zu beseitigen.  In der Eigenbewegung ist diese Kraft auch  nach meinen Erfahrungen am wirksamsten.
  151. Man spricht doch von einem Lebensweg: Wenn immer es geht, gehe  diesen Weg selbständig -  ohne fremde, insbesondere technische Hilfen.
  152. Mensch, Du gehörst zu den Lebewesen, bewege Dich -  mit den Füßen!
  153. Eigenbewegung = Selbstgestaltung und enthält damit ein Moment wirlklicher (im Sinnne von Wirken) Freiheit.
  154. In meiner Perspektive gewinnt die Eigenbewegung erst dann den Status einer politischen Kategorie, wenn sie sich nicht als Sport, sondern als Eigenbewegung im Alltag versteht. 
  155. Die Freundin fährt mit dem Auto zu ihrer zwölf Kilometer entfernt wohnenden Freundin,  um gemeinsam mit ihr zu joggen.
  156. Nur in der geistigen und körperlichen Eigenbewegung entsteht lebendige Kraft. Im Zustand dieser Kraftfülle bereichert man auch die soziale Umwelt mit ihr.
  157. Gehen kann man als ein Fahren ohne technische Hilfsmittel verstehen - nur Eigenes wird genutzt.
  158. Wenn ich gehe, bin ich sinnlich mit der jeweiligen Umwelt verbunden, wenn ich Auto fahre, bin ich sinnlich mit dem Innenraum des Autos verbunden.
  159. Fähig zu sein, eine lange Strecke zu gehen entspricht der Fähigkeit, einen längeren anspruchsvollen Text zu verstehen
  160. Platon spricht von der Selbstbewegung der Seele, diese Selbstbewegung ist ihr Wesen. 
  161. "Nichts ist das dich bewegt / du selber bist das Rad / das auß sich selbsten laufft / und keine Ruhe hat" (Angelus Silesius). Ich behaupte, nur in der äußeren und inneren  Selbstbewegung ist man eigentlich, ist man im (Da-)Sein.
  162. In der Eigenbewegung wird die Leistung nicht nur bedacht, sondern auch leiblich gefühlt. Die erfolgreiche Muskelkraft wirkt grundsätzlich nicht anders als das erfolgreiche Denken:  wo sie etwa einen Widerstand überwindet, bestimmt sie eine Situation; die bewältigten Kräfte oder Lasten erscheinen in ihrem Licht (vgl. Günter Figal "Nietzsche. Eine philosophische Einführung", S. 239).
  163. Eine Muskelspannung "enthält" eine Bereitschaft, ja Willen,  sich zu entspannen, d. h. sich zu bewegen.  Findet diese Bewegung nicht statt, entsteht diffuses Unwohlsein, das oft nicht auf seine Ursachen zurückgeführt wird.  Mit anderen Worten:  Unwohlsein äußert sich auch in einem Muskelgefühl. Wenn wir uns bewegen, verschwindet es. Wir aber sind auf dem Wege zu einer sitzenden, bewegungslosen Gesellschaft.
  164. Muskeln haben -  innerkörperlich gesehen - auslösende Fähigkeiten, die einfachen Regeln gehorchen.
  165. Der Wert des Lebens vollzieht sich erst im Vollzug.
  166. Es spricht vieles dafür, dass aus dem Gehen sich  Gedanken, Gefühle, Werte, Einstellungen, geistige Strukturen heraus entwickeln. 
  167. Wege entstehen dadurch, dass man sie geht - und nicht fährt!
  168. Wenn jemand mit mir redet, sind  für mich in der Regel nicht die Bewegungen des Mundes wichtig, sondern der Inhalt des Gesagten. Vielleicht verhält es sich so mit  allen Körperbewegungen: Ich muss versuchen, die Botschaften der Seele, die in diesen Bewegungen stecken,  zu verstehen. Das gilt übrigens auch für die Bewegungen während des Sexualaktes. Aber Vorsicht: In dieser Analyse wird wieder der Dualismus stark gemacht, nämlich die Einheit von Körper und Seele aufgehoben. 
  169. Ich teile die Auffassung, die davon ausgeht, dass die Ursache von Rückenschmerzen primär im Bewegungsmangel und damit geschwächter Muskulatur liegt.
  170. Meine Beobachtung: Eine sitzende Gesellschaft bringt tendenziell gleiche Bewusstseinstrukturen und - inhalte hervor - auch wenn die Betroffenen dieses weit von sich weisen.   
  171. "Das Sitzfleisch ist gerade die Sünde wider dem heiligen Geist". Nur die ergangenen Gedanken haben Wert". (Götter-Dämmerung, Nietzsche)
  172. Ein Argument gegen den Primat des Körperlichen: Bei mir dominiert nicht selten die geistige Beweglichkeit zeitlich vor der körperlichen.
  173. "Ich kann noch gehen" (Ein 90jähriger Herr, wobei ein berechtigter Stolz sehr wohl herauszuhören ist).
  174. Gegen Frühjahrmüdigkeit hilft nur Bewegung in der frischen Luft, nicht ins Auto steigen.
  175. Man verliert Energie, wenn man vertikal oder horizontal gefahren wird.
  176. Eigenbewegung wird nicht immer als genussvoll erlebt, sondern auch als Anstrengung - aber immer ist sie Eigenes.
  177. Forderung: In sensiblen kulturelle Orten oder Landschaften mit großem Naturanteil dürften nur Menschen wohnen, die auf die Nutzung des Autos verzichten.
  178. Wer prinzipiell auf Eigenbewegung verzichtet, nimmt ohne Notwendigkeit die Haltung eines Kranken ein. 
  179. Körperliche und geistige Anstrengungen erhöhen die Konzentrationsfähigkeit beträchtlich, also nicht die Bequemlichkeit. Und körperliche Bewegungen eröffnen oft verschüttete geistige Quellen. 
  180. Nur wenn ich mich intensiv körperlich bewege, atme ich tief. Psyche wird auch von Atem abgeleitet.
  181. Es ist eine Sucht, auf den zwei schmalen Rädchen durch die Welt zu schießen, nahezu geräuschlos, den Wind im Gesicht und die Sonne im Nacken. Manchmal vergisst man zwischendurch, dass man süchtig ist. Aber sobald man wieder im Sattel sitzt und die ersten Meter hinter sich lässt, ist alles wieder klar, und man weiss: Das ist es. Man spürt etwas - nämlich nichts anderes, als  dass man existiert, dass man lebendig ist, dass Blut in einem pulsiert. Auch ist das Velo eine permanente Erinnerungsmaschine. Es erinnert uns mit jeder Kurbelumdrehung an die eigene Kindheit, an das Erleben erster Freiheit, an kleinste Fluchten und grosse Abenteuer - vielleicht auch an so etwas wie Unschuld (Max Küng  in der Berner Zeitung vom 20. 3. 10 mit höchst ansprechenden Bildern, die teilweise der "copenhabencyclechic.com" entnommen sind und die Aussage "Es gibt nichts Schöneres, als eine Frau auf einem Velo"  fast zu einer unumstösslichen Wahrheit werden lässt).
  182. Wandern macht glücklich (82, 7 Prozent von mehr als viertausend befragten Wanderern).
  183. "Unser Spielplatz war die Straße"  (Ein Rückblick von Dr. Karl Kowalewski).
  184. Wenn man Sport und Arbeitsweg zusammenlegt, spart man Zeit. Mit anderen Wort: Nutzt man das Potenzial der Eigenbewegung im Alltag, kann man den Sport weglassen und spart zudem noch Zeit.
  185. Nach einer sechswöchigen starken Prellung: Ich kann mich fast wieder wie früher bewegen.  Das erste Mal wieder ein Stück mit dem Rad gefahren, den Widerstand der Pedalen spüren, aber gleichzeitig ein gutes Stück vorankommen, hätte fast vor Dankbarkeit  geheult. Welch ein Geschenk die Fähigkeit zur Eigenbewegung!
  186. Wenn man sich selbst bewegt, muss man tiefer atmen als sonst. "Richtiger", also tiefer Atmen ist ein Bestandteil des Lebens.
  187. Von den Vorsokratikern wie Empedokles, Anxagoras und Demokrit ist belegt, das sie den Geist  und das Denken als körperliche Vorgänge ansahen. Wahrend Platon und Aristoteles die Tätigkeit des nous, das Denken, als einen nicht-körperlichen Vorgang begriffen. Diese Auffassung in der  Vulgärform führt heute dazu, dass ein bewegungsloses Leben als unproblematisch empfunden wird. 
  188. Die Eine von einem materiellen Zeichen, z. B.  „Kuh“ ausgelöste Bedeutung ist identisch mit der durch die Wahrnehmung einer realen Kuh ausgelösten Bedeutung. Die Differenz besteht darin, dass die Wahrnehmung ständig meine Bedeutung mehr oder weniger stark verändern kann, zwischen beiden, Wahrnehmung und Bedeutung, besteht eine lebendige Wechselbeziehung, die nicht zwischen Zeichen und Bedeutung besteht. .   
  189. Der Eigenbewegung ist ein innerer Schwung eigen, den man von außen nicht sieht, aber der die Bewegung leichter macht und vielleicht auch ihre Schönheit erklärt. Das merkt man erst, wenn z. B. eine ernsthafte Rückprellung diesen Schwung zunichte gemacht hat.
  190. Auszüge aus dem Artikel "Diese Musik muss ertastet werden" von Julia Spinola in der FAZ v. 20. 2. 10. Dieser Aufsatz enthält meiner Ansicht wichtigste Aussagen für die Begründung der muskulären Eigenbewegung: Ligetis Frage: Besitzen die Finger so etwas wie eigene Intelligenz? Ligeti hatte beobachtet, dass ihm seine Etüden-Einfälle am Klavier kamen. Die Finger wurden dabei nicht vorweg durch einen Formgedanken angeleitet, sondern die Werke nahmen umgekehrt unwillkürlich in der Berührung mit den Tasten Gestalt an. - Ein Chopinsche Melodiewendung oder Begleitfigur fühlen wir nicht nur mit unserem Gehör, sondern auch als taktile Form, als eine Sukzession von Muskelanspannungen. Der wohlgeformte Klaviersatz erzeugt körperlichen Genuss. - Die Motorik der Finger steht dabei ebenbürtig neben der des Sprechens: In beiden Fällen hat man es mit einer Grammatik aus Bewegungselementen zu tun. - In dieser einzigartigen motorischen Intelligenz, nicht aber in der Kognition, liegt Gerhard Neuweiler (Neurobiologe) zufolge der Schlüssel zur Menschwerdung.
  191. Einsicht aus einem Sturz mit ziemlich schweren Prellungen im Rückenbereich: Auf Dauer und unter normalen Bedingungen entwickelt ein Mensch  relativ identische Bewegungsmuster. Diese Muster sind aber nicht nur eine Ableitung aus körperlichen Bedingungen, sondern in ihnen sind auch gesellschaftliche Normen, Familiengeschichten und  individuelle Verarbeitungsmuster verkörpert. Kurz: Das Bewegungsmuster ist wesentlich eine geistige Gestalt. Auf meine gegenwärtige Situation gewendet: Aus Angst vor Schmerzen durch bestimmte Bewegungen, habe ich ein stark reduziertes Bewegungsmuster entwickelt, das sich nun verselbständigt hat.  Das rückgängig zu machen, ist nun meine Aufgabe - wie es Aufgabe von habituellen Autofahrern ist, ihre Deformationen zu korrigieren.  
  192. In der Humanistischen Psychologie oder in  den östlichen Bewegungsübungen geht es mit Recht um das Bewusstwerden von Bewegungsabläufen, um eventuelle Fehlentwicklungen zu erkennen und zu  beseitigen. Die primäre Problematik der Gegenwart aber,  die Zurückdrängung der Eigenbewegung aus nichtinszenierten Alltagssituationen, wird ausgeblendet. 
  193. Passt auf, wenn Ihr umstandslos Füße und Hände durch Räder ersetzt.
  194. In der Eigenbewegung bilden mein Geist,  mein Körper und die jeweilig begangene Welt eine untrennbare Einheit. Es ist falsch, weil inhuman, wenn der Geist ohne Not  auf seinen Körper und seine Lebenswelt verzichtet, sich tendenziell verabsolutiert.
  195. In der Phänomenologie versteht man unter Epochè die Enthaltung von jedem Urteil und damit von Theorie, Modell, Interpretation und auch Sprache. So erscheint im Bewusstsein die Sache selbst, nicht die jeweiligen  Vermittlungssysteme, die  mehr oder weniger die Sache ersetzten und fälschlicherweise für diese  gehalten werden. Diese Einsicht der  Phänomenologie lässt sich auch fruchtbar zum Verstehen der Eigenbewegung  machen, wenn als  Epochè die Enthaltung des Einsatzes jeglicher Fremdenergie und damit motorenangetriebener Maschinen gesetzt wird. Ich gehe und lasse das Auto stehen. In Analogie zur Phänomenologie: Wenn ich gehe erscheint die Sache: mein Gehen in dieser Lebenswelt.  Beim Autofahren erscheint  zunehmend das Auto, nicht Welt und ein Ich. Sicherlich kann ich meine Begegnung mit dem Auto einer phänomenologischen Epochè unterziehen, aber dann wäre die Sache Auto und nicht Gehen.
  196. Eigenbewegung verzichtet auf äußere Mittel  sowie auf innere Ver-mitt(e)lungen.
  197. Beim Gehen und Radfahren drückt Äußeres sich ein und gleichzeitig sind diese Aktivitäten Ausdruck von Innerem.   
  198. Es ist schön, auch einmal in der Gruppe zu gehen.
  199. Eigenbewegung ist immer ein Hybrid aus Geist und Körper.
  200. Die wahrgenommene Umwelt des gegenwärtigen Menschen besteht einerseits zunehmend aus materiellen Zeichen und Bildern. andererseits wird die Auffassung nahezu universell vertreten, dass das Bewusstsein von der Welt und sich selbst durch und durch vermittelt sei. Kurz: Es gibt keine Unmittelbarkeit, sie als möglich  zu behaupten, sei ein Mythos. Ich vertrete dagegen  die Meinung, dass die Eigenbewegung und insbesondere das Gehen die höchste Sicherheit bieten, sich in "wirklichen Wirklichkeiten" aufzuhalten: Beim Gehen steht man nicht vor der Welt, sondern ist in ihr, man ist anwesend (Wesen). Darin liegt einzigartig große Wert der Eigenbewegung. 
  201. Wirklichkeit entsteht erst in der Einheit von Subjekt, Prädikat, eventuellen Objekten und Umständen.
  202. Wenn es stimmt, dass die Handlung, die  durch ein Verb sprachlich dargestellt wird, das eigentliche "Subjekt" ist, dann bin ich die Summe meiner Handlungen, d. h. nicht ich bestimme die Handlung, sondern die Handlung bestimmt mich. Zumindest liegt keine einseitige Gerichtetheit vom Subjekt zum Prädikat vor, sondern eine Wechselbeziehung: Ob ich zu Fuß gehe oder mit dem Auto fahre, bestimmt jeweils mein Ich. Es ist  heute ein grassierender Irrtum zu glauben, das Subjekt sei autonom gegenüber seinem Handeln. Die hier geäußerte Perspektive geht primär von den Folgen, nicht vom Entstehen von Handlungen aus.  
  203. Haupteinsicht: Vor der endgültigen Entscheidung dominiert das Bewusstsein des Entscheidenden. Nach der Entscheidung und damit im Handlungsvollzug dominiert die jeweilige  Handlung  und das ehemalige entscheidende Bewusstsein wird zu einer Funktion der Logik dieser Handlung, d. h. diese Handlung wird zum eigentlichen Souverän. Ist diese Handlung eine gute, ist das ok, ist sei eine schlechte, ist sie nicht ok.  
  204. Ein sich fortbewegender Körper einschließlich der Füße sind für die Lebensvollzüge überflüssig geworden, lediglich die Finger müssen sich noch bewegen können, um hauptsächlich Knöpfe zu bedienen.
  205. Zumindest bei Schneeböen  und -verwehungen ist der Fußgänger dem Auto überlegen.
  206.  Die Muskeln ermöglichen den Sinnen, neue Erfahrungen zu machen.
  207. Wenn ich die Hand unbewegt auf die Decke lege, entsteht ein anderer Ein-druck als wenn ich die Hand bewege. Verallgemeinert: In der Eigenbewegung entsteht eine andere Welt als im unbewegten Zustand. 
  208. "Seit Jahrzehnten verschiebt sich der Schwerpunkt in der Gesellschaft von der Förderung des Geistes zur Förderung des Körpers. Begriffe wie Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Schönheit sind wichtiger geworden als Bildung" (Julia Zeh).  Alles kommt auf die innere (=Geist) und äußere (=Körperbewegung) Bewegung als Einheit an.
  209. Zu Fuß gehen, damit es wirklich vorwärts geht. Das bezieht sich auch auf die innere Entwicklung.  
  210. Zur Stadt gehören Fußgänger, Radfahrer und Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel. Alle anderen Mobilitätsarten stören.
  211. In dieser Homepage wird sehr viel vom Wert der Eigenbewegung geredet. Aber Vorsicht ist geboten: Eigenbewegung ist zwar unverzichtbar notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Humanität.  Bewegung lässt sich schnell für inhumane Ziele instrumentalisieren. Aber die Möglichkeit des Missbrauchs  der Eigenbewegung kann gerade in unserer (eigen-)bewegungslosen Zeit nicht von der Aufgabe entbinden, sich für sie massiv einzusetzen.

  212. Ich begreife einfach nicht, wie man es ständig genießen kann, sich nur vom Bett zu einem Fernsehsessel oder Autositz zu bewegen. 

  213. Gehen = Entschleunigung, d. h. Einhaltung des natürlichen Tempos, wenn Natur sich nicht im Ausnahmezustand  befindet. 
  214. "Eigenbewegung schafft laufend Differenzen (Selbst - Umwelt), die wesentlich zu unserer Identitätsbildung beitragen. In der Differenz zwischen Zustand/Punkt A und Zustand/Punkt B - oder auf diesem Weg entstehen Unterschiede, die für uns Identität bedeuten.  In dieser Differenz oder über diese Differenz erleben, erkennen und erfahren wir uns selbst als Unterschied zur Umwelt. Wesentlich ist, dass es in einem ersten Schritt ein körperlich-bewegungsabhäniger Prozess ist." Diese im wahrsten Sinne fundamentale Aussage verdanke ich dem Neurophysiologen Klaus J. Korak, füge aber hinzu, dass "der erste Schritt" durch ständig nachfolgende Schritte stabilisiert wird. 
  215. Gehen ist eine der wenigen Urhandlungen. Es verlangt Fähigkeiten und Fertigkeiten wie viele andere Tätigkeiten. Man stärkt diese, wenn man geht. Natürlich entsteht auch Welt beim Autofahren, aber sie wird längst nicht so intensiv erlebt und erkannt wie beim Gehen. 
  216. Zum Gehen gehört, über angemessene Kleidung zu verfügen, im Sinne von "Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur falsches Anziehzeug." 
  217. Wer sich ständig selbst bewegt, baut eine Kraft und Erfahrung auf, auch andere Sachen anzupacken: Man geht eine längere Strecke - und man kommt an. 
  218. Wer geht, verändert substantiell Perspektiven.
  219. Zehn Zentimeter Schneefall: für Menschen kein Problem, für Autofahrer eine Katastrophe.
  220. Eigenbewegung kann körperlich oder geistig sein, beide Bewegungsarten bedingen einander. Was passiert mit der geistigen Bewegung, wenn die körperliche auf Dauer nahezu wegfällt?
  221. Wir sollten die Welt mehr begehen als befahren.
  222. Beim Gehen entsteht aus der map ein territory. Aus dem Zeichen (ein Bild ist auch ein Zeichen) entsteht beim und durch Gehen Wirklichkeit.
  223. Gestern Abend kam ich  spät von einer Zugfahrt am Bahnhof an. Es war dunkel und nieselte leicht, also ziemlich ungemütlich. Da wir keinen Wagen haben, aber auch kein  Bus fuhr, und ich keine Taxe nehmen wollte, lief ich in gut einer halben Stunde durch stille Straßen,  einen Schrebergarten und Feldweg nach Hause. Ob Ihr es glaubt oder nicht, es war wesentlich  schöner und erfüllter als zu fahren. Probiert es zumindest einmal.  
  224. Sucht gute Wege aus,  die nicht bequem sein müssen. 
  225. Wer im Alltag seine Wege im Nahbereich (bis vier Kilometer) zu Fuß oder mit dem Rad bewältigt, braucht keinen Sport zu machen. 
  226. Gehen hinterlässt Spuren, auf Feldwegen mehr als auf Asphalt. Und der Mensch will Spuren hinterlassen.
  227. Was die meisten Menschen nicht mehr begreifen: Objektiv entstehen Wohlgefühl und Gesundheit durch Überwindung von Hindernissen. Es regnet heute seit sechs Stunden. Ich fahre mit dem Rad zu einem zwei Kilometer entfernten Laden. Sturm und Regen peitschen in mein Gesicht. Beim Treten der Pedalen muss ich mich anstrengen. Zurück wird das Fahren noch  schwieriger, weil ich vier lange Baguettebrote unter meinem Regenumhang schützen muss, zudem habe ich am Lenker eine Einkaufstasche. Aber ich schaffe das alles souverän und - ich war den ganzen bisherigen Tag nicht so gut drauf wie nach dieser Tour. 
  228. Welt entsteht erst in der Eigenbewegung.
  229. Vermutung: Eine bestehende Sucht lässt sich nur durch eine stärkere Sucht überwinden, so die Autosucht durch die Sucht nach des Sich-Selbst-Bewegens.
  230. Das Ende der Eigenbewegung: Eine Stadtrundfahrt in  Lissabon, die während einer  Kreuzfahrt angeboten wird, ist hoch gefragt: "Da muss man nicht laufen, kann vom Bus aus knipsen, und hie und da wird vor einem Souvenirshop gestoppt" (FAZ v. 3. 12. 09).  
  231. Grundsätzlich enthält das Gehen wesentlich mehr subjektive Freiheitsmomente als alle anderen Fortbewegungen: Stehen bleiben, Unscheinbares betrachten, sich im Kreis bewegen, die Zeit dehnen, ja vergessen, Unsinniges tun, ...d. h. beim Gehen kann man sich weitestgehend von der Rationalität des Mainstreams befreien und sich selbst bestimmen. 
  232. Beim Gehen entsteht eine Geh-Wirklichkeit, beim Autofahren entsteht eine Auto-Wirklichkeit und beim Fernsehen eine Fernseh-Wirklichkeit. Die erstere Wirklichkeit ist ungleich reicher als die beiden anderen Wirklichkeiten. 
  233. Eine Kleinigkeit, die für mich  ein Stück Schönheit ist: Wir haben ein Rollo bekommen, das man Hilfe einer "Rollschnur" auf- und runtergezogen wird. Das knattert leise  und erinnert mich an einen Flaschenzug, den ich früher oft bedienen musste. Um kein Geld der Welt, möchte ich diese Einrichtung durch eine elektrische ersetzen. 
  234. Ich gehe davon aus, dass beim Gehen die größtmögliche Nähe zur Wirklichkeit erreicht wird, wissend, dass die Wirklichkeit an sich für uns Menschen prinzipiell nicht direkt und im Ganzen zugänglich ist. Aber es gibt Unterschiede der Annäherung: Wenn ich einen Berg besteige bin ich näher an seiner Wirklichkeit als wenn ich im Film sehe, wie jemand einen Berg besteige. Auf diese Differenz kommt alles an, um sie lohnt es sich zu streiten.
  235. Durch Gehen haben wir elementaren Zugang zur Welt und zu uns - aber er ist un- bzw. vorbegrifflich.
  236. Wir brauchen mehr Fort-schreiten und weniger Fort-rollen.
  237. Ich definiere den Menschen als sich Bewegenden. Die Fähigkeit zur ausgreifenden Eigenbewegung ist das Fundament seines Daseins. Der still gestellte Mensch ist eine Deformation. Alle seine körperlichen und  psychischen Fähigkeiten leiten sich aus dieser Grundfähigkeit ab: Das Cogito folgt dem Moveo, anders betrachtet: Das Cogito ist eine Teilmenge des Moveo, wobei das Moveo der Ursprung ist. Und: Eine Bewegung ist immer intentional, d. h. sie hat immer einen "Inhalt", das auch ein Ziel mit einschließt. Die Ganzheitlichkeit des Sich-Bewegenden beschränkt sich also nicht nur auf Körper, Seele und Geist, sondern schließt immer und grundsätzlich die jeweilige Umwelt gleichwertig mit ein. Wird die Umweltdimension ausgeblendet, entsteht von der Eigenbewegung falsches Bewusstsein. Das wird auch von der Sprache unterstützt, die entweder nur vom Körper oder nur von der Umwelt sprechen kann und über keinen beide Dimensionen umfassenden Oberbegriff verfügt. Ich behaupte also, alle vorhandenen Körpertheorien leiden an dieser Trennung. Ich will diese Verkürzung  beseitigen und  damit die untrennbare Einheit von Körper und Umwelt einschließlich der  Einheit von Handeln und Erdzerstörung  zumindest  thematisieren, vielleicht sogar in Richtung  einer einheitlichen Theorie  entwickeln. 
  238. Um Missverständnisse zu vermeiden: Wenn ich gehe, drücke ich mich aus, wenn ich Auto fahren, drückt sich das Auto aus. Nicht der Fahrer hat 90 PS, Höchstgeschwindigkeit  200km/h usw., sondern das Auto. 
  239. Bin Ende Oktober zu einer Feier auf dem Lande eingeladen. Das Dorf liegt ca. sechs Kilometer von uns entfernt. Ich bin zu Fuß hingegangen und abends gegen zwölf  per pedes wieder zurück. War warm angezogen, aber es war nicht besonders kalt, und es war windstill. Die Landschaft lag im Vollmond wie hin gegossen vor mir. Was sah ich alles? Kleine Wälder  wie dunkle Inseln, fahle Alleebäume, einsam Bauernhöfe mit  ganz wenigen Lichtquellen und eine einzigartige Ruhe. Alles unbeschreiblich schön, das Laufen war anstrengungslos. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.   
  240. Die Evolutionsmedizin liefert meiner Ansicht nach einen relativ objektiven Maßstab für die Bestimmung von Gesundheit und für das Potenzial des Körpers.
  241. Platon lehnt die Wirklichkeit überhaupt als Schein  ab. Die Ideen seien  das Eigentliche. Schopenhauer behauptet, die Wirklichkeit als Vorstellung sei nur „halbwirklich“, deshalb  Schein, denn es müsse der Wille dazukommen. Erst Vorstellung und Wille als Einheit konstituieren ganzheitlich wirkende  Wirklichkeit. Dem stimme ich zu, wenn man  den Willen mit dem sich bewegenden Leib gleichsetzt.
  242. Es ist sinnlich und macht Sinn, zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren.
  243. Man kann Gehen wortwörtlich als eine ausgreifende Bewegung verstehen, die es ermöglicht, den kleinen Radius des Greifens zu überschreiten und somit Zugang zur weiteren Welt zu erlangen.
  244. Bewegung, vom menschlichen Herzschlag bis hin zu Raketenmotoren,  ist meiner Ansicht nach eine Kategorie, die  wesentliche positive und negative Entwicklungen in der Gesellschaft erklären kann. Hier liegt ein Desiderat vor, weil bei weitem noch nicht tief und systematisch bedacht. 

  245. Gehen in der Natur ist Einheit mit ihr: Diese Art der Fortbewegung greift nicht ein, sondern lässt die Natur, so wie  sie ist. 

  246. Man sollte das Wort "Fortschritt" endlich wieder wortwörtlich verstehen, um es somit von seinen negativen Dimensionen zu befreien.
  247. Ein Leserbrief:  "Sport ist Mord an der Umwelt durch Ausblendung:  In dem Artikel "Training für die Seele" lautet das Fazit, dass Sport gut sei für Körper und Geist. Dem stimme ich (BM) nicht zu: Sport trennt den Menschen von der Umwelt. Sport ist also nicht das Ganze, sondern eine Reduktion. Es ist eine Tätigkeit, die an der Umwelt insofern nur interessiert ist, inwieweit diese Hindernisse bereit stellt, deren Überwindung den Körper und die Ich-Identität stärken. Aber die Umwelt hat es nicht verdient, ausgeblendet zu werden, sie verdient eine Antwort im Sinne von Verantwortung. Nicht nach New York zum Marathonlauf fliegen, sondern mit dem Rad zur Arbeit fahren, mit dem Korb zum Einkaufen gehen, nach dem Theatererlebnis zu Fuß nach Hause gehen wären Alternativen, die Geist und Körper wirklich gut täten."

  248. Mit dem Rad fahren oder zu Fuß gehen  belastet nicht die Umwelt. Eigenbewegung dient der Gesundheit - und nicht zuletzt auch der Figur.
  249. Wenn Kinder sich nicht täglich mindestens vier Stunden draußen bewegen, läuft etwas schief. Gleiches gilt übrigens auch für Erwachsene. 
  250. Sport trennt den Menschen von der Umwelt. Sport ist also nicht das Ganze, sondern eine Reduktion. Eigenbewegung ist von Natur aus grundsätzlich kein Selbstzweck, sondern in Ziele und Zwecke eingebunden, die außerhalb des sich bewegenden  Menschen liegen - das reicht vom  Einkaufengehen bis sich zur Rosenblüte neigen, um an ihr zu riechen.   Der Sport kann übrigens nie den Part der Eigenbewegungen im Alltag übernehmen.

  251. Vielleicht macht es Sinn, das Ich im Sinne von Schopenhauer auf den Willen zu verkürzen. Wenn der Leib sich bewegt, setzt sich der Wille mit der Umwelt auseinander. Wille wäre dann das Übergreifende von Leib und Seele, während der Geist auf  die Vorstellungen beschränkt bliebe. 
  252. Ich habe einen Leib, der von vielen Körpern (Tische, Bäume, Gebäuden, Kälte usw.) umgeben ist. Übrigens ist Dein Leib für mich ein Körper. 
  253. Lichtblick:  RAD FAHREN IST COOL (auf einem T-shirt).
  254. Sehr oft kommen gute Ideen während des Laufens. Das erklärt übrigens, dass sie weniger werden.
  255. Die Rechnung geht nicht : Zwei Wochen in die Sonne fliegen und den Rest des Jahres sitzend und fahrend zu verbringen.
  256. "Wirklich erleben lässt sich der Zauber der griechischen Landschaft nur zu Fuß" (Merian, Pepoponnes).
  257. Wenn ich zu Fuß gehe oder mit dem Rad fahre, minimiere ich negative Eingriffe in die Umwelt, und viele der zerstörerischen  Eingriffe wären gar nicht nötig gewesen.
  258. Lichtblick: "Nicht nur die Einheimischen steigen immer zahlreicher in den Sattel, so dass an manchen Kreuzungen rund um die Tiergarten gelegentlich schon mehr Rad- als Autofahrer auf die grüne Ampel warten" (ein  Artikel in der FAZ zu Wolf Schoen, der Touristen auf Fahrrädern durch Berlin führt).
  259. Lichtblick: "Fahrradfahren schont nicht nur die Umwelt und das Klima, es hält auch fit und gesund. Zudem vermeidet man langes Im-Stau-stehen und die Suche nach einem Parkplatz" (aus  DANKE City-Bike).
  260. Ein kommunalpolitisches Muß: Von der Peripherie jeder Stadt müssen  strahlenförmig geführte Fuß- und Radwege in die Innenstadt bestehen, wobei sie grundsätzlich gegenüber den Autostraßen den Primat haben sollten.  
  261. Da ich kein Auto und keinen Fernsehapparat habe, brauche ich auch nicht in einen Sportverein oder Fitnessstudio zu gehen.
  262. Erst durch eine Pilgerwanderung habe ich entdeckt, welch schöne Wege und Landschaften es südlich von Flensburg gibt. 
  263. Die Eigenbewegung vermittelt nicht, sondern ist direkt Qualia, Präsenz, leibliche Teilnahme
  264. Schon als Junge wollte ich am liebsten, wenn ich im Bus oder Zug saß, jeden Hügel oder jede Wiese, an denen wir vorbeifuhren, betreten
  265. Eine Wahrnehmung ohne eines sich bewegenden Leibes nimmt Schattencharakter an.
  266. Der Sportbetrieb stellt die Dominanz des Autos nicht nur nicht nicht infrage, sondern stärkt das System des Individualverkehrs. Übrigens ist der  Begriff  "Individualverkehr" wieder ein Beispiel der Verhexung durch Sprache, denn auch Fußgänger und Fahrradfahrer bewegen sich individuell, zudem ist "individual" positiv konnotiert. 
  267. Der Kern der Krisis der Eigenbewegung besteht darin, dass in der durch Technik geprägten Zivilisation der sich bewegende Leib in größerem Ausmaße nahezu funktionslos geworden ist.  Der moderne Mensch  bräuchte eigentlich seinen Leib nicht mehr. Er wird über Körperpflege und Sport künstlich am Überleben erhalten.  Nur noch in der Sexualität scheint er nicht ohne Rest ersetzbar zu sein. 
  268. Ein beschädigtes Ich stärkt sich am besten durch Handlungen, wozu auch die Eigenbewegung gehört.
  269. Inzwischen wird nicht mehr ernsthaft bestritten, dass ein gesundes Maß an Eigenbewegung unverzichtbar ist und dass dieses Maß im Durchschnitt bei weitem unterschritten wird. Ärgerlich ist aus meiner Sicht, dass Eigenbewegung nahezu ausschließlich auf sportliche Tätigkeiten beschränkt wird und somit  der Pol originäre "Welterfahrung" gegen Null gefahren wird. 
  270. Zumindest mein Leib ist materiell gesehen immer in einer bestimmten Umwelt:  in einem mit Zigarettenrauch gefüllten Zimmer oder im Wald, während mein Bewusstsein die Möglichkeit hat, sich aus der jeweiligen materiellen Umwelt zu entfernen.
  271. Eigenbewegung hat zwei Dimensionen oder Zustandsformen, die man mit Präsenz und Sinn beschreiben kann: Sie ist einerseits pures Sich-präsent-Machen, ein Gefühl meines Seins, das nur ich für mich allein haben kann und das damit unbeschreibbar und kommunizierbar ist, das, was in der Psychologie mit Qualia bezeichnet wird,  andererseits ist die Eigenbewegung zweckgerichtet, mit einem Bewegungsziel "ausgestattet".  Gleiches lässt sich von der Stimme, ja von allen Handlungen, die ein Mensch durchführt, sagen. Das Problem besteht darin, dass die Eigenbewegung (noch?) nicht über eine eigene Sprache verfügt. 
  272. Eigenbewegung ist die Rückgewinnung der leiblichen Teilnahme, die die ursprüngliche Weise der Weltaneignung war. Das ist eine Weise der  Begegnung und Aneignung, die durch den sich bewegenden Leib vermittelt wird, und viel tiefer und intensiver ist als die des sitzenden Menschen.  Leibliche Teilnahme ist wohl auch eine unverzichtbare Dimension der Liebe.  Bild und Wort wären ebenfalls Modi der Teilnahme. 
  273. Der eigen-tümliche Zustand bzw.  der subjektive Erlebnisgehalt des mentalen Zustandes (Qualia) in der Eigenbewegung verschwindet sofort, wenn diese Bewegung beendet ist. Dieser Zustand entsteht natürlich nie, wenn man sich nicht selbst bewegt.
  274. Lichtblick: Hinweis der Deutschen Herzstiftung anlässlich des Weltherztages: "Sinnvoll sei daher, körperliche Bewegung in den Tagesablauf einzubauen: Berufstätige könnten ihre Pause für einen Spazierung nutzen, öfter die Treppe statt des Aufzugs nehmen oder mit dem Rad zur Arbeit fahren.
  275. Eine sitzende Lebensweise in einer sitzenden Gesellschaft tut dem Menschen nicht gut. Selbst  beim Philosophieren gingen die Schüler des Aristoteles, die Peripatetiker, in den Säulengängen. Es gibt viele  Möglichkeiten, sich bewegend die Umwelt anzueignen.
  276. Unser Nachbar erhält eine Steinbrücke. Ein älterer Mann legt sie ihm. Seit sieben Uhr hört man das unregelmäßige Hämmern. Ich höre es gern, es erinnert mich entfernt an Vogelgezwitscher. Warum? Vielleicht deswegen, weil sein Leib und Geist direkt über das Bearbeiten der Steine in mein Inneres dringt. Hier äußert sich Eigenes. Ich gehe zu ihm hin und erzähle von meinen Gedanken. Er versteht mich sofort.
  277. Den Geist pflegt man, indem man denkt, die Seele, indem man Schönes erlebt, den Leib, indem er sich bewegt, sich bewegt, sich bewegt.  Geist, Seele und Leib pflegt man als Einheit, indem man sich in interessanten Umwelten bewegt.
  278. Maxime: Wenn ich materielle Welt sinnlich optimal erfassen will, muss ich meinen sich bewegenden Leib intensiv einsetzen. Die materielle Welt sitzend im Auto oder vor dem Fernseher  erleben zu können, ist eine Täuschung. Wenn ich aber Abwesendes im Bewusstsein präsent mache oder wenn ich reflektiere, kann es hilfreich sein, (muss es aber nicht) den Körper still zu stellen, Geist und Seele gewissermaßen vom Leib zu isolieren.  
  279. Das Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas, es ist also intentional. Gleiches gilt für die Wahrnehmung und  für die Eigenbewegung. Deswegen darf der Objektpol nicht unausgesprochen, vage gehalten bleiben, sondern muss klar und deutlich benannt werden. Denn auf die hier möglichen Unterschiede kommt alles an.
  280. Wenn Fußgänger und Radfahrer an unserem Haus vorbeifahren und wir im Garten sitzen, hört man sie nur, wenn sie sprechen oder lachen. Wenn Autos oder Motorräder vorbeifahren, hört man nur sie, nicht die Menschen, die sie bedienen. 
  281. Es ist ein großer Unterschied bezüglich eigener Freiheitsgrade, ob ich eine motorenlose Maschine (= externer  Algorithmus wie ein Fahrrad) mit körpereigener Energie (metabolische Energie) oder eine motorenbetriebene Maschine (wie ein Auto) mit Fremdenergie (externer Energie) nutze.   
  282. Auch wenn die jeweilige Umwelt noch so natürlich, noch so vielfältig und  noch so mehrdimensional ist, wird sie von einem Subjekt ohne Eigenbewegung und damit ohne einen aktiven Leib nur noch als Schatten wahrgenommen. Das gilt für das Sitzen vor dem Fernseher und  im Auto gleichermaßen.
  283. In den Begriffen Eigenbewegung, Tun und Handeln wird nur der Pol "Subjekt" genauer bestimmt und beleuchtet, der Pol "Welt" bleibt gänzlich unbestimmtund  verdunkelt.  Aber es ist ein signifikanter Unterschied, ob ich in einer Turnhalle Runden drehe oder durch einen Wald laufe.
  

Der folgende Teil ist abgeschlossen, so dass sich ab hier die jeweilige Nummerierung nicht mehr ändert.


  1. Ein durchgeführtes Experiment: Auf einen Ziehwagen wird eine neugeborene Katze „befestigt“, vor den Wagen wird eine andere, neugeborene Katze gespannt, so dass sie diesen ziehen kann/muss. Nach einer Zeit wird die gefahrene Katze auf den Boden gesetzt: Sie kann nicht laufen, hat kein Orientierungsvermögen, während die andere Katze sich in dieser Hinsicht normal entwickelt hat. Zusatz: Wir leben zunehmend das Leben der Katze auf dem Wagen. 
  2. Vermutung: In der Gegenwart führen Kindern im Verhältnis von Kindern vor fünfzig Jahren höchstens nur noch ein Viertel  der Ortsveränderungen im Modus der Eigenbewegung durch.
  3. Eigenbewegung ist immer auf einen Leib angewiesen, aber - leider - ein Leib nicht auf ortsverändernde Eigenbewegung. 
  4. Eigenbewegung im Alltag löst  bzw. erleichtert die viele, wenn nicht die meisten Probleme der Gegenwart. Umgekehrt schafft die sitzende Gesellschaften viele, wenn nicht die meisten Probleme der Gegenwart.
  5. Gerade weil wir im Alltag unseren Leib zunehmend still stellen, genügt es nicht, nur vom Leib oder Körper zu sprechen, sondern das Moment der Bewegung muss explizit ausgedrückt werden. So statt "leiblicher Teilnahme"  besser von "selbstbewegender Teilnahme" sprechen. 
  6. Bilder und "Autoerfahrungen" entbinden von leiblicher Teilnahme. Das erklärt ihre eigentümliche Uneigentlichkeit.  
  7. Selbstgewissheit  ist eine entscheidende Qualität der Eigenbewegung.
  8. Wenn eine autofreie Situation wie an der Seeseite der Kaiserbäder auf Usedom mit Ihrer Promenade und Fahrradweg  vorliegt, fahren sehr viele Menschen aus unterschiedlichsten Schichten und Alter  mit dem Rad oder gehen zu Fuß. Das ist für einen Autokritiker schlicht überwältigend. 
  9. Ohne Zweifel ist eine körperliche Behinderung eine Belastung. Schon deswegen ist es absolut unverständlich, dass inzwischen die meisten Menschen eine sitzende Lebensweise im Auto und vor dem Fernsehapparat nicht nur widerwillig ertragen, sondern sie - zumindest in der Begründung - freudig bejahen.
  10. Es ist gegenwärtig notwendig, die Freiheitsgrade menschlicher Bewegungen im Alltag zu realisieren, und  die Bewegungen von  den Fesseln  zu befreien, von denen sie unbemerkt und oft nicht sichtbar unnötig eingeengt werden.
  11. "Das Leben besteht in der Bewegung" sagt der Peripatetiker Aristoteles (griech. peripatein, „umherwandeln“).
  12. Eigenbewegung beginnt bereits mit der Wahrnehmung: Ich fixiere das, was ich wahrnehmen will. Ich bestimme selbst den Standpunkt und die Perspektive, wobei ich mit Eigenkraft diesen Standpunkt einnehme.
  13. In der Eigenbewegung  bewegt sich der eigene Leib, nicht ein Körper. Dieser Unterschied ist ein entscheidender. Warum? Der Geist vermag nur in den eigenen Leib (in seine  „leiblichen Materie“) hineinzuwirken, d. h. den Leib so zu be-stimmen, wie der Geist es will. Der vom Geist bestimmte Leib wirkt wiederum, also indirekt, auf leibfremde Materie (z. B. auf Bäume wie ein Holzfäller oder auf verschiedene Materialien wie ein  Maschinenbauer. Ein Teil der Artefakte erlangt relative Autonomie, nämlich als Maschinen, die aber letztlich - um es zu wiederholen - immer von einem menschlichen Leib gebaut wurden. Das ist eine  absolut neue Qualität, ein Paradigmawechsel in der Evolution. Deswegen ist es falsch, zumindest irreführend, in der Intelligenzforschung vom  Körper bzw. body zu sprechen. Nein, für den Roboter muss ein Leib geschaffen werden, der Eigenschaften des menschlichen Leibes hat. Dazu die negatative These: Wenn man den Körper des Roboters mit noch so vielen algorithmischen Funktionskreisen ausstattet, hat er  immer noch keinen Leib, bleibt Körper,  denn ein Leib ist durch sein reines Dasein auch ein Bewohner des Normativen, was ihn wesentlich vom Körper unterscheidet.
  14. "Wenn Leute sich im Alter kaum noch bewegen können, weil ihre Halsmuskulatur verkürzt ist, sind auch die Konzentrationsfähigkeit und sogar die Denkfähigkeit eingeschränkt. Muskelverkürzung macht dumm" (Uli Eicke, Heilpraktiker, Diplom-Sportlehrer und ehemaliger Olympiasieger).
  15. Lichtblick: "Radfahren als gesunde und umweltfreundliche Fortbewegungsart soll noch populärer werden. Aber dann muss man dem Radverkehr auch besser den Weg ebnen" (Artikel in der FAZ v. 11. 8. 09).
  16. Lichtblick: "9 Milliarden Euro Umsatz unterm Sattel. Radfahrer müssen nicht mehr die Autoabgase einatmen. Jenseits der Straßen sind 80 000 Kilometer Radwege entstanden, auf denen Hunderttausende ihrem Ziel entgegenstrampeln (FAZ v. 8. 8. 09).
  17. Der Eigenbewegung fehlt eine sie transzendierende Vision
  18. Die (neue) Einsicht, dass Intelligenz immer eine verkörperte (embodiment) ist, ist richtig.  Die Intelligenzforschung muss aber den Körper als den sich bewegenden nehmen. Warum? Der Körper ist höchste Abstraktion. Den  Körper an sich gibt es nicht in der empirischen Welt, denn der Körper "tut" immer etwas: er läuft, er sitzt, er liegt, er steht, er steht und arbeitet mit den Händen, er trägt leicht oder schwer, er steigt Treppen, er springt, er ist in Spannung usw. Natürlich gibt es eine Dialektik zwischen Körper und Bewegung, aber die riesige Menge  von Bewegungsformen (vom Reiter über den Maler und Fußballspieler bis hin zur balinesischen  Tempeltänzerin und was noch auf uns zukommt)zeigt meiner Ansicht nach, dass von den Bewegungen ausgegangen werden muss.
  19. Das Konzept "Körper" akzentuiert zu stark den subjektiven Pol, ist zudem zu statisch, läuft Gefahr, die kulturelle Prägekraft zu unterschätzen.  In der Eigenbewegung entsteht eine einzigartige Welt: "Performative Bewegungen zwischen Subjekt und Objekt sind so zu verstehen, dass beide Seiten in der Verbindung erst zu dem werden, was sie sind" (Eva Schürmann, Autorin des Buches "Theorie des Sehens").  
  20. Flanieren ist  eine Form der Eigenbewegung, die sehr stark den Objektpol akzentuiert. Der Flaneur ist ein Mensch, der im Spazierengehen schaut, genießt und schweigt.
  21. Lichtblick: "Ich habe keinen Führerschein. Mit dem Fahrrad bin ich mobil genug". Paul Biedermann, Doppelweltmeister im Schwimmen.
  22. Eigenbewegung überzeugt am tiefsten, wenn sie primär funktional mit der  Fähigkeit, Ortsveränderungen durchzuführen und während dieses Vorgangs Erfahrungs zu sammeln,  begründet wird, d. h. nicht den subjektiven Pol  in den Mittelpunkt stellt.
  23. Die Fähigkeit zur eigenständigen Ortsveränderung ist wie Stoffwechsel, Fortpflanzung, Reize beantworten ein Kennzeichen von Lebewesen und damit auch des Menschen. Wir sind nun in der Lage, die Eigenbewegung durch  technische Apparate wie Autos und Motorräder zu ersetzen - und tun es kategorisch. Da aber bei einigen Menschen noch ein Bedürfnis nach Eigenbewegung besteht, wird dies in einer besonderen Form, des regulierten Sports, befriedigt. Der Sport ist heute die einzig praktizierte anerkannte Form der ortsverändernden Eigenbewegung.   
  24. Eigenbewegung war in der menschlichen Entwicklung immer auf die jeweilige Umwelt ausgerichtet, um dort etwas zu erreichen, nicht auf den eigenen Körper (Sport) und Psyche (Psychosomatik). 
  25. Wenn ich ein Problem habe, z. B von gesundheitlicher Art, muss ich zuerst versuchen, es selbst zu lösen, auch wenn es länger dauert. Und erst, wenn ich es nicht schaffe, darf ich Fremdhilfe anrufen. Aber zunehmend wird sofort nach Hilfe gerufen, was m. A. n. oft die Folge der Aufgabe von Eigenbewegung ist.
  26. From Locomotion to Cognition (aus Pfeifer/Bongard: how the body shapes the way we think).
  27. Nur durch Eigenbewegungen entstehen Primärerfahrungen.
  28. Kritik der gegenwärtigen theoretischen und praktischen Behandlung der Bewegung:  Die Sprache liegt noch zu sehr auf Körper und nicht auf Bewegung, denn die Bewegung ist das Fundamentale. Man sollte eher von  verkörperten Bewegungen statt von bewegten Körpern sprechen.  Bewegung ist eine Synthese von Subjekt und Objekt (= Umwelt), beide sind gleichwertig, so dass die Qualität der jeweiligen Umwelt die halbe Miete ist. Damit hängt meine relative Ablehnung des Individualsports zusammen, der letztlich die Umwelt nur als ein Hindernis zur Steigerung der persönlichen Fähigkeiten sieht. Warum diese Hartnäckigkeit? Ich behaupte, ein Sportplatz bildet drastisch weniger als die bevölkerten Straßen einer Altstadt. Ich denke, die Aufmerksamkeit  in der Eigenbewegung muss sich gleichermaßen auf den eigenen Körper UND auf die jeweilige natürliche, soziale und kulturelle Umwelt beziehen. Mit dieser Ausrichtung bekommt die Eigenbewegung u. a. auch einen großen politischen Impuls, für mich ist sie eine genuine politische Kategorie.
  29. Wer ja zu lebendigen Städten sagt, muß auch ja zur Eigenbewegung sagen. 
  30. Verzicht auf Eigenbewegung ist real Verzicht auf Leben.
  31. Eigenbewegung ist ein Vollzug, durch den  gleichzeitig (Lebens-)Welt entsteht. In der Fremdbewegung findet für den Menschen nur Vollzug statt, es entsteht keine eigene, selbst erfahrene Welt. 
  32. In der Eigenbewegung verschmelzen das Ich und die Welt zu einer dritten Form der Existenz, die jenseits von Subjekt und Objekt besteht.
  33. In der Regel erkennen selbst Grünen-Politiker nicht das kritische und zukunftsweisende Potential einer Kultur der Eigenbewegung.
  34. Wenn in der Bewegungsdiskussion der sportliche und Fitnessspekt dominiert, handelt es sich  um einen defizienten Ansatz. Warum? Weil die Qualität des objektiven Pols, der jeweiligen Umwelt  ausgeklammert wird. Ziel muss die Eigenbewegung in interessanten natürlichen, sozialen und kulturellen Umwelten sein - um diese Ganzheit, um die Aufhebung des Subjekt-Objekt-Dualismus geht es. 
  35. Die jeweilige Umwelt, in der ich mich bewege, bildet mich: der  Sportlplatz  anders als die belebten Straßen der Altstadt.
  36. Eine mehrtägige Wanderung ist auch ein Gesundungsprozess.
  37. Schafft bewegungsfreundliche Quartiere, d. h. gestank- und lärmfreie Wege, die die wichtigen Zentren des Alltagslebens miteinander verbinden. 
  38. Trittfestigkeit und begriffliche Kompetenz  entsprechen einander. 
  39. Eine Ahnung vom Sein entsteht erst am dritten oder vierten Tag einer Wanderung, wobei diese Ahnung  sich von selbst einstellt.
  40. Barfuß gehen ist ein wichtige Dimension der Eigenbewegung, das  ich noch zu wenig reflektiert habe.
  41. Natürlich gibt es auf längeren Wanderungen Phasen, wo Geist, Seele oder Körper revoltieren. 
  42. "Wo man nicht zu Fuß war, ist man nie gewesen" (aus einem Prospekt).
  43. Ein fünfjähriges Mädchen schlägt Rad, sie hat einen schönen, ja stolzen Gang - das hat sie nicht im Auto gelernt.
  44. Jedes Sinnesorgan erkennt eine je spezifische Schönheit. So gibt es neben der visuellen auch eine olfaktorische Schönheit. 
  45. Warum haben Pflanzen kein Gehirn? Weil sie sich nicht bewegen. 
  46. Wenn zwei Menschen im Modus des Gehens sich begegnen, haben sie Zeit und Gelegenheit, voneinander zu lernen.
  47. Muskeln, die nicht bewegt werden, verkümmern - und mit ihnen der Mensch.
  48. Lichtblick: "Am Tiber gehört Rom den Radlern" (FAZ, 16. 7. 09)
  49. Begreift es doch endlich: Abends noch schnell mit dem Rad zum Kaufmann, nicht mit dem Auto! Das ist Lebensqualität.
  50. Eigenbewegung im Alltag enthält eine gesellschaftsverändernde Dimension.
  51. Die Gleichsetzung von Bewegung und Sport ist irreführend und hat fatale Folgen, denn  Eigenbewegung geht nicht in sportlichen Aktivitäten auf. Sport ist eine (1!) Form der Eigenbewegung. Erklären sich Sport bzw. Sportwissenschaftler  implizit oder gar explizit selbst  als das Ganze, leisten sich selbst einen Bärendienst (auch wenn diese Auffassung von anderen Einrichtungen oder Personen an sie herangetragen werden). Sport und Sportwissenschaft  müssen  sich in diesem Fall einer Selbstkritik, ja Ideologiekritik (im Sinne von krinein = unterscheiden) unterziehen  und  exakt bestimmen,  was der Sport  leistet und was nicht. 
    Im Gegensatz zur Theorie und insbesondere zur Praxis des Sports sehe ich die Mensch-Umwelt-Einheit als die „Vollform“ der Eigenbewegung an, wobei beide Pole, Mensch und Umwelt,  gleichwertig sind.
  52. Empirischer Befund: Aus einem habituellen Autofahrer einen habituellen Fernsehkonsumenten bzw. aus einem habituellen Fernsehkonsumenten einen habituellen Autofahrer zu machen ist, wenn sie es nicht schon längst sind,  problemlos, aber aus ihnen Fußgänger oder Radfahrer zu machen, ist nahezu unmöglich.
  53. Im Modus der Eigenbewegung stärke ich gleichzeitig den Subjektpol und den Objektpol. Es findet also ein Nullsummenspiel  statt, so dass beide Pole gewinnen.
  54. Wer die Fähigkeit zur Eigenbewegung verliert oder nicht mehr in Anspruch nimmt, verliert Autonomie in elementarem Sinn. 
  55. Geht jemand zu Fuß oder fährt mit dem Rad, entsteht die notwendige Bedingung der Möglichkeit spontaner Kommunikation. Wenn Autos aneinander vorbeifahren, entsteht zwar Krach und Gestank, aber kein Gespräch.
  56. Meine Erfahrungen in eine Empfehlung gemünzt: Vor einer Prüfung lerne nicht bis zur letzten Minute, sondern mache relativ schnell einen  Spaziergang von mittlerer Länge, ruhe Dich dann fünf Minuten konzentriert aus und gehe danach direkt ins Prüfungszimmer.
  57. Wer ohne Not auf seine Eigenbewegung verzichtet, reduziert sein Menschsein:  Eigenbewegung bewirkt viel mehr als allein  eine Ortsveränderung. 
  58. Wiesbaden wirbt mit dem Slogan "Stadt in Bewegung", aber damit ist nicht gemeint, dass Kinder und  Erwachsenen, Einheimische und Gäste die Straßen und Plätze bevölkern, indem sie sich selbst bewegen, sondern die Förderung von Profi- und Breitensport.  Wann kapiert man endlich, dass Bewegung nicht in Sport aufgeht, dass Sport nur  eine (1!)  besondere Form der (Eigen-)Bewegung ist. 
  59. Im Modus  der Eigenbewegung werden "externe Bedürfnisse" radikal zurückgedrängt, nur noch die unmittelbaren Bedürfnisse des Körpers und der Seele in dieser Situation zählen. Man kann diesen Zustand sehr gut bei intensiv spielenden Kindern auf dem Spielplatz beobachten. Keines sagt: Ich will ins Kino oder ein Überraschungsei kaufen.  
  60. In Österreich ist der Radverkehr um 25 Prozent im Vergleich zum April des Vorjahres gestiegen.
  61. Robert Walser hat  sich in seinem Werk mehrfach  zum Spaziergehen geäußert. Davon einige Sentenzen:  Spazieren muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten. Ohne Spazieren wäre ich tot. Ohne Spazieren würde ich ja gar keine Beobachtung und gar keine Studien machen können. Zu Hause eingeschlossen, würde ich elendiglich verkommen und verdorren. Ein Spaziergang ist immer voll sehenswerter und fühlenswerter bedeutender Erscheinungen. Höchst liebevoll  und aufmerksam muß der, der spaziert, jedes kleinste lebendige Ding, sei es ein Kind, ein Hund, eine Mücke, ein Schmetterling, ein Spatz, ein Wurm, eine Blume, ein Mann, ein Haus, ein Baum, eine Hecke, eine Schnecke, eine Maus, eine Wolke, ein Berg, ein Blatt studieren und betrachten. Uneigennützig und unegoistisch muß er seinen sorgsamen Blick überallhin schweifen und herstreifen lassen. Der Spaziergänger heißt alle sonderbaren, eigentümlichen Erscheinungen willkommen, befreundet und verbrüdert sich mit ihnen, weil sie ihn entzücken, macht sie zu gestalthaften wesensvollen Körpern, gibt ihnen Bildung und See, wie sie ihrerseits ihn beseelen und bilden (aus: Der Spaziergang, 1985, S. 50 -54).
  62. Zumindest aus evolutionärer Sicht kann man die Füße als die anderen zwei Hände bezeichnen. Es gilt: Mit den zwei Händen und "den anderen zwei Händen" entstehen die direktesten und intensivsten Kontakte mit der jeweiligen Welt. 
  63. Für die reale Lebensbewältigung wurden in den letzten hundert Jahren die Füße zunehmend wert- und bedeutungslos, heute sind die Hände "dran". Was bleibt nach? Ein Mensch mit einem überflüssigen Leib.
  64. Für die Nomaden, die wir einst auch waren, sind die Füße sicherlich entscheidend für ihr Überleben. Was heißt das eigentlich für unser Bewusstsein und unsere Identität, dass die Füße tendenziell zur Bedeutungslosigkeit absinken, dass die eigenen Füße durch fremde, motorenangetriebene Räder zunehmend ersetzt werden? 
  65. Oft fördert langes und schnelles Gehen neue Gedanken.
  66. Natürlich bin ich beim Spazierengehen nicht immer intensiv mit allen Sinnen und Gedanken in der jeweiligen unmittelbaren Umwelt, was aber nicht heißt, sie wirke nicht. Natürlich wirkt und bewirkt sie dann auch.
  67. "Himmlisch schön und gut und uralt einfach ist es ja, zu Fuß zu gehen" (Robert Walser).
  68. Das Gehen ist einfacher, wenn man ohne Schuhe läuft. Ich spüre den Boden intensiv. Nicht  mehr schmerzhaft, sondern als eine Art Streicheln. Die Fußflächen berühren die  Dinge  der Erde mit Neugier. Gräser streifen meine Beine. Ich ahne, was das ist: Gehen. Ein zärtlicher Kontakt mit dem Grund (Klaus Modick: Die Klugheit der Füße). 
  69. Die geistig-seelischen Funktionen des Menschen wie Wahrnehmen Fühlen, Denken und Wollen sind untrennbar mit seinem Leib, der im Wesen ein sich selbst bewegender ist, verbunden. Die Reichweiten und Intensitäten der jeweiligen Eigenbewegungen können und müssen sehr unterschiedlich sein, von der Gestik bis zum Marathonlauf.  Bewegungen im Mikrobereich sind nicht weniger wichtig als die im Makrobereich. das Wie nicht weniger als das Was, also wie ich aus dem Bett komme (=das Was), die Treppe hinuntergehe, die Schranktüre öffne, den Spaziergang oder die Wanderung durchführe.  
  70. Nur in der Eigenbewegung sind Körper, Herz und Kopf als eine Einheit ernsthaft gefordert.   
  71. Die Art und Weise des Gehens eines Menschen sagt viel über dessen Lebensweise aus. 
  72. Wenn  Lebensstil die milieuspezifischen ästhetischen Präferenzen der Selbst- und Alltagsinszenierung ist, und man die Eigenbewegung verstärkt in den Alltag integrieren will, muss man vielleicht verstärkt auf der Ebene dieser Inszenierungen ansetzen. Aber wie? Mir stehen nur  Vorbild und Aufklärung zur Verfügung. 
  73. In der Eigenbewegung dominiert nicht allein der Sehsinn, sondern auch die anderen Sinnesorgane können sehr wohl aktiviert werden.  Die Sehtätigkeit steht nicht unter den Vorzeichen einer herrschaftsförmigen Präsenzmetaphysik, sondern ist eine Weise sehenden und sichtbaren In-der-Welt-Seins (Merleau-Ponty nach Eva Schürmann "Sehen als Praxis). In der Eigenbewegung kommen die anderen Sinnesorgane zur Geltung, so dass oft Ganzheitlich vor Präzision kommt.  
  74. Aus einem Wanderbuch "Toscana - Latium von Christopf  Henning: "Der Wanderer wird entdecken, dass sein Zugang sich auch im geistigen Sinn verändert, wenn er zu Fuß zu Kirchen und Klöstern, Palästen und Gräberstädten gelangt. Er nähert sich ihnen in angemessener Weise. Solche Bauten sind ja in einer Welt ohne Motoren errichtet worden; Jahrhundertelang gelangt man zu ihnen zu Fuß oder zu Pferde. Wie ihre Orte gewählt wurden, in welcher Beziehung zur Landschaft sie stehen - das erfaßt der Fußgänger mit allen Sinnen. ...Das Beispiel Latiums zeigt, wie eine ganze Region, welche den Fußwanderern vergangener Jahrhunderte als eine der schönsten - wenn nicht die schönste - Italiens galt, aus der Perspektive des Autofahrers als uninteressant erscheint."  Eigenbewegungserfahrungen sind gegenüber Fremdbewegungserfahrungen unvergleichlich reicher, da sich in ersterer das Subjekt mit einbringt, ja einbringen muss. Im Auto werden die körperlichen und geistigen Fähigkeiten nahezu gegen Null in Anspruch genommen. Zugespitzt: Die Erfahrung beim Laufen und die Erfahrungen beim Autofahren sind derart verschieden, dass man von zwei verschiedenen Subjekten ausgehen kann, deren Identität faktisch für diese Zeit nicht vorhanden ist.   
  75. Nur die Eigenbewegung bietet die Möglichkeit, sich eine Landschaft oder  eine Stadt  "wirklich" anzueignen
  76. Nur in  und durch Eigenbewegungen können reale Erfahrungen entstehen, nicht durch Zeichen, Bilder und passive Weltdurchquerungen in  Autos, Zügen  und Flugzeugen. "Reale Erfahrungen" heißt, dass die subjektiven Anteile nicht eliminiert werden, sondern in ihrer lebendigen Ganzheit akzeptiert und gefördert werden. Landschaft wird erlebt und nicht durch Navigatoren vermittelt zur Kenntnis genommen.  
  77. Wer zu Fuß geht oder mit dem Rad fährt ist als Mensch und nicht als Maschine sichtbar. Ich jedenfalls sehe mir lieber Menschen  statt Porsches an.
  78. Der Leib bewegt sich immer mit Hilfe von Muskeln und seien es nur die inneren Organe. Aber auch Sehen ist ohne Bewegung der Augäpfel, die ja durch einen Muskel bewegt werden, nicht möglich. Von Krankheitsfällen abgesehen kommt bis  dahin wohl kein Mensch auf die Idee, diese Muskeltätigkeiten zu reduzieren oder durch Maschinen zu ersetzen. Nach dieser gewissermaßen pyhsiologischen Grenze setzt die Passivizierung der Muskeltätigkeit und damit der Eigenbewegung massiv ein. Jede neu erworbene motorenangetriebene Maschine wird enthusiastisch begrüßt.   
  79. Die Dominanz der vermittelten Welt insbesondere durch Bilder und Auto "machen das leibliche Vertrautsein mit der Welt als einem vortheoretischen, bedeutungsvollen Kontext" (E. Schürmann) zunehmend überflüssig - aber dafür wird ein  hoher Preis bezahlt, den der sich bewegende Leib ist nicht nur ein Gegenstand neben anderen, sondern die Bedingung dafür, dass etwas anderes originaler Gegenstand für mich werden kann. 
  80. Die Wahrnehmung des eigenen sich bewegenden Leibes ( = Eigenbewegung) erfordert eine unteilbare Erste-Person-Perspektive. Auf dieser Erfahrungsbasis entsteht Selbstbewusstsein im doppelten Sinne: a) sich seiner selbst als Primärerfahrung bewusst werden und b) dieser Basis vertrauen und auf ihr aufbauen zu können.  
  81. Durch Fremdbewegung wird die materielle und geistige Welt radikal geändert, in der Eigenbewegung primär nur der eigene Körper und das Bewusstsein.
  82. Gestern habe ich abends noch etwas am anderen Ende der Stadt abgeben müssen; auf dem zehn Kilometer langen Weg war ich körperlich nicht immer souverän, aber heute bin ich wirklich "gut drauf".   
  83. Eigenbewegung kann entweder instrumentellen Charakter haben (...., um nach x zu kommen, dann bin ich im Modus des Körper-Habens) oder selbstzweckhaften Charakter (spazieren gehen oder joggen, dann bin ich im Modus des Leib-Seins). Anzustreben ist  die Synthese
  84. In der Eigenbewegung ist der Mensch mit seinem ganzen Selbst, mit seiner ganzen Leiblichkeit und mit seiner ganzen Sozialisation "dabei".  In dieser Tätigkeit erfährt der Mensch sehr viel über sich selbst, Positives, aber auch Negatives.
  85. Das Sichtbarsein unter den Augen der Öffentlichkeit macht die Eigenbewegung zu einer praktischen Angelegenheit von sozialwirksamer Tragweite. Natürlich gilt das auch, mit entgegen gesetzten Folgen, für den "unsichtbaren" Autofahrer.
  86. "Laufen tut den Augen gut" (Lawrence National Laboratory, Berkeley). "Kinder, die viel im Freien spielen,  sind seltener kurzsichtig. Zwei bis drei Stunden natürliches Licht senken das Risiko für die Sehschwäche" (Australian National University). Beide Angaben sind der der ApothekenUmschau entnommen. 
  87. Gehen kann ein Ereignis sein, in dem Anmut erscheint, nicht als Metapher, sondern in den Effekten (nach Hans Ulrich Gombrecht). 
  88. Jedes Handeln, selbst das Sprechen und Sehen sind im Leib fundiert und der Leib wiederum in Geschichte, Gesellschaft, in Welt. Es ist ein fundamentaler Irrtum zu meinen, man könne vom Leib abstrahieren. Auch der nahezu unbewegte bleibt immer Leib, wenn auch ein defizitärer. Erläuterung: Insbesondere transitive Verben können zu falschen Wahrnehmungen und Schlüssen zwingen. Wenn ich sage "Ich fahre einen BMW", dann fährt - real gesehen - der BMW auch mich. Letzteres blendet aber die Aussage "Ich fahren einen BMW" aus. 
  89. Man kann die Eigenbewegung in instrumentelle und selbzweckhafte Eigenbewegung unterscheiden. Zweifellos ist die Einsicht in den Wert der selbstzweckhafte Eigenbewegung auch außerhalb sportlicher Tätigkeiten in den letzten Jahren gewachsen, während ihr instrumenteller Wert in der Überwindung von Distanzen im Makrobereich, sagen wir ab 100  Meter, immer weniger gesehen wird. Idealiter sollte man  Eigenbewegung nicht in instrumentelle und selbzweckhafte trennen, sondern als Einheit in  nicht plan- und prognostizierbaren  unterschiedlichen  Mischungsverhältnissen sehen: Ich hole mit dem Rad Brötchen, plötzlich stellt sich ein hoher Genuss ein.  Oder: Ich fahre nonstop  mit dem Auto über Autobahnen von Hamburg nach Mailand und lediglich an der Tankstelle huscht an mir eine hübsche Frau vorbei.   
  90. Eine Langzeitstudie der Universität Pittsburgh zum Fernsehkonsum kommt zu dem Ergebnis "Je mehr sich Jugendliche vom Fernsehen berieseln lassen, desto wahrscheinlicher entwickeln sie später eine Depression." Warum? Es fehlt meiner Ansicht nach die Eigenbewegung im weitesten Sinne als aktive, ganzheitlich geführte Auseinandersetzung mit dem realen Leben. Ein Leben im Modus des Als-Ob ist langfristig schlecht oder gar nicht durchzuhalten.
  91. "Nur durch sein eigenes  Bild hindurch hat das Ich ein Bild von Welt und Wirklichkeit und damit ein Weltbild" (J. G. Fichte in Eva Schürmanns lesenswerte Habilitationsschrift "Sehen als Praxis"). Dazu meine Überzeugung: Ein Selbstbild, das auf wesentliche Erfahrungen der Eigenbewegung beruht, ist resistenter gegenüber Fremdbestimmungen.
  92. In der Eigenbewegung sind ein Leib und ein Köper  gegenwärtig und wirksam: a) der Leib des Sich-Bewegenden und b) die  dreidimensionale Umwelt, die mit  organischen und anorganischen Körpern gefüllt ist. 
  93. Äußere und innere Eigenbewegungen, die immer  ungeschiedene Ganzheiten bilden, sind nicht nur ein Merkmal des Lebens,  sondern   Lebensäußerungen schlechthin. Die Urformen der Eigenbewegung zeigen sich als körperliche Veränderungen insbesondere in Tätigkeiten  be- und zugreifenden Hand und der ständig in eine Richtung des Raumes sich setzenden Füße, so dass eine Ortsveränderung  stattfindet. Werden diese Bewegungen nicht erlernt, ist Reduktion vorhanden, werden sie nicht praktiziert, verkümmern sie. Die Maxime unter gegenwärtigen Lebensbedingungen kann nur lauten:  Mensch, mache selbst Gegenstände und Situationen  und  bewege Dich mehr. Kaufe nicht nur  Fertiges  und sitze weniger!.    
  94. In den allermeisten Fällen stärkt sich die Eigenbewegung psychisch und physisch selbst im Vollzug, um dann am Ende des Prozesses natürlicherweise schwächer zu werden.  
  95. In der Eigenbewegung entsteht kein Krach.
  96. Beim Gehen kann ich die Natur ganzheitlich mit allen Sinnen erfahren: Ich sehe Details, ich rieche den Duft des Weißdorns, ich höre das Glucksen des Baches, ich fühle  die Glätte des Buchenstammes, ich schmecke die Walderdbeere, ich intensiviere den Gleichgewichtssinn beim Übersteigen des Walls und bei fast all diesen Tätigkeiten ist der kinästhetische Sinn beteiligt. Dagegen ist die  Natur, die das Autofahren in irgendeiner Weise behindert, eliminiert: Auf der Autostraße wachsen keine Blumen, natürliche Höhenunterschiede sind eingeebnet, gehende Menschen auf kleinste periphere Bereiche zurückgedrängt.   
  97. In der Eigenbewegung drückt sich auch Unsagbares aus, es sind oft nicht kommunizierbare Erfahrungen, zu denen nur ich Zugang habe.
  98. Unter "qualia" versteht man  subjektive Erlebnisgehalte von mentalen Zuständen. In der Eigenbewegung entstehen  spezifische Qualia, die  es nur in dieser  Tätigkeit gibt und die für die Entwicklung eines Menschen von größter Bedeutung sind.
  99. Die modernen Wander- und Pilgerbewegungen haben tiefe Einsichten über das Gehen gewonnen. Es gilt nun, Wandern und Pilgern aus dem Status eines speziellen Raum- und Zeitevents (Spanien und Urlaub) zu befreien und ihre Einsichten in den Alltag zu übertragen, d. h. zu universalisieren. Denn diese Erfahrungen, Erkenntnisse, Gefühle über sich, über die Natur und Gott lassen sich natürlich auch tagtäglich mit dem Rad zur Arbeit, zu Fuß zum Einkaufsladen, auf dem gemeinsamen Spaziergang zu Freunden oder nachts von einer Feier durch leere Straßen laufen ebenso gewinnen, ja hier bieten sich noch mehr "Lernsituationen" des Lebens an - das sind zumindest meine Er-fahrungen.
  100. Hoffnungsschimmer bzw. späte Einsicht: Vor kurzem sagte ein  Bekannter zu mir, den ich immer als prinzipiellen und offensiv bekennenden Autofahrer wahrgenommen hatte: "Ich habe inzwischen begriffen, dass Du mit Deiner Eigenbewegungs-Arie recht hast."  Allerdings muss man wissen, dass er vor zwei Monaten einen Herzinfarkt hatte.  Ich frage mich, ob denn Einsicht erst über Schmerzen entstehen muss, der Mensch ist doch ein Vernunftwesen.
  101. "Welt- und Selbstbezug gehören wirklich unabdingbar zusammen und beides wird "sich-bewegend" und zugleich entwickelt" (Prof. Ehrenhard Skiera). ´
  102. Warum trauen wir unserem Körper nichts mehr zu? Warum sind wir bloß so dumm-stolz, wenn wir seine Bewegungen durch Motoren ersetzen?
  103. Der Mensch  kann nicht nicht handeln. In jedem Handeln steckt Eigenbewegung, aber in unterschiedlicher  Quantität und Qualität. Auf diese Differenz kommt alles an.
  104. Wer meint, er sei klug, weil er alle elementaren Bewegungen durch Motoren ersetzt, schadet sich selbst.
  105. Die vollkommen unbekannte und wuchtige Schönheit, morgens um fünf mit dem Rad durch die leere Stadt zu fahren. 
  106. Wenn man davon ausgeht, dass innere Bilder unabgeschlossenen und offenen Prozesscharakter haben, dann wäre es pure Ideologie zu behaupten, in der Eigenbewegung entständen immer klare und deutliche Bilder. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie intensiver sind, ist groß.
  107. Die jeweilige Methode bestimmt bekanntlich das Ergebnis wesentlich mit.  Eigenbewegung bzw. Fremdbewegung sind ebenfalls Methoden (übrigens enthält Methode gr. hodos = Weg), die zu gänzlich verschiedenen Ergebnisse, hier Wahrnehmungen führen.
  108. Maxime: So viel Eigenbewegung wie möglich.
  109. Eigenbewegung ist ein Vollzug, der etwas stiftet, d. h. es entsteht ein Mehr an Stärke, Behändigkeit, Festigkeit, Offenheit, Zuversicht, Einsichten.  Dieses Mehr entsteht in der Regel nicht sofort beim Laufen oder Fahrrad fahren, sondern oft erst später nach einer Ruhepause oder am nächsten Tag. 
  110. Das Wie der Ortsveränderung, ob ich also mit dem Auto fahre oder zu Fuß gehe, und die jeweilige Umgebung (Autobahn, Sportplatz, Wald, Altstadt) sind  entscheidend für das, was im Kopf entsteht.
  111. Es ist gar nicht so selten, dass ich mich morgens beim Aufstehen schwer tue: alles ist irgendwie steif, die Gedanken, wenn überhaupt, fließen spärlich. Da gibt es nur ein Gegenmittel: sich bewegen. Je intensiver, desto reichhaltiger wird die Welt.  
  112. Geht man davon aus, dass das Sehen weder  subjektive Konstruktion noch objektive Abbildung, sondern eine Tätigkeit sei,  dann bekommt die Eigenbewegung als Praxisdimension eine große konstitutive Bedeutung - und zwar nicht nur für das Gesehene, sondern für alle sinnlichen Wahrnehmungen. Auf Basis dieser erkenntnistheoretischen Position wird erklärbar, dass z. B. eine mit dem Auto erfahrene Landschaft keine Erfahrung im eigentlichen Sinne sein kann. 
  113. These: Nur in der Eigenbewegung entsteht lebendiger Kontakt mit der jeweiligen Umwelt.
  114. Man sollte Kindern viel mehr Platz lassen zum Gestalten und dafür sorgen, dass im Hausgarten ein Stück Rasen zum Kinder-Beet wird -  so lange die Kinder noch verführbar sind. Verführbar zu Liebe zur Natur, zur Pflanze, zum Gestalten (John Langley). Mit Gestalten  wird hier eine Hochform der Eigenbewegung angesprochen.
  115. Im Gegensatz zur anschwellenden Thematisierung der  Bewegung, in der eindeutig die  Bewegung selbst in den Mittelpunkt gestellt  und  in ihr selbstreferentiell einen Wert an sich gesehen wird, akzentuiere ich die unverzichtbare Funktion der Eigenbewegung für intensive und authentische Begegnungen - insbesondere im Alltag.  Eigenbewegung ist eine Relation.
  116. Offenheit: "Ich muss nicht bis Santiago wandern, um den Pilgersegen zu erhalten. Was auch immer ich suchte, eines war eindeutig: Gott war mit mir diesen Tag, wie jeden Tag, aber hier hatte ich offene Augen und ein offenes Herz dafür" (Pastor Friedemann Magaard).
  117. Eigenbewegung verbraucht zwar Energie, schafft aber gleichzeitig neue, auch zukünftige in From von Motivation.
  118. Ein großes Problem, das auch zentral die Darstellung der Eigenbewegung betrifft, besteht darin, dass es kein einfaches und prägnantes Wort für die unaufhebbare  Einheit von Eigenbewegung und der jeweils erfahrenen Umwelt gibt, beide Dimensionen  sind zwei Seiten derselben Medaille Jede sprachliche Darstellung  betont oder akzentuiert  - schau man genauer hin - entweder den Subjektpol oder eben den Objektpol. . Entweder - wie bei den vielen "Bewegungsbüchern"  -  liegt explizit das   Schwergewicht der Argumente auf  dem sich bewegenden Menschen oder wie , bei den vielen "Umweltbüchern" auf  der jeweiligen ökologischen, architektonischen, sozialen Umwelt. Ausdrücke wie "bewegte Grundschule" oder "Bewegung im Alltag" sind  Versuche,  diesem Dualismus zu entrinnen, was aber nie ganz gelingt. Selbst der Begriff "Phänomen" kippt je nach Betrachtungsperspektive entweder auf die Seite des Subjekts oder die Seite des Objekts. 
  119. Geistige Flexibilität und Eigenbewegung stärken sich wechselseitig.
  120. Eigenbewegung korrespondiert auf eine schöne Weise mit "Eigen-Sinn". Und das wurde ja nach 68 hervorragend von Habermas, Negt und Kluge hervorragend nobilitiert (diesen Hinweis verdanke ich Ulrich Grober).
  121. "Eigentlich wird mir die Fahrerei heute zu lang, .....Wir genehmigen uns einen Imbiß nahe der Autobahn. Wenn ich den Mut aufbrächte und einfach loswanderte, querfeldein, mit einem Brotbeutel über der Schulter, ...., dann bräuchte ich mir keine Sogen mehr zu machen, was war und was sein wird, weil sich eine grundlegende Bedeutung in mich gesenkt hätte, von der ich mein restliches Leben lang, zehren könnte" (Sibylle Lewitscharoff, Apostoloff, S. 218).

  122. Die Eigenbewegung ist ein Merkmal des Lebens und dient der Selbsterhaltung. Im weitesten Sinne ist  Eigenbewegung die Haltung, möglichst viel selbst zu machen, sie ist eine Abwehr gegenüber einer Welt der universellen Herrschaft der  Fertigprodukte. Das Verhältnis zwischen Eigenbewegung ( = Leben) und Fremdbewegung ( = Technik) ist aus den Fugen geraten. Deshalb muss heute die Devise sein: Möglichst selbst laufen, Instrumente spielen, kochen, sich unterhalten, lieben. So ist der Einkauf per ebay -  zumindest sinnlich und kommunikativ  gesehen  - kein Einkauf im eigentlichen Vollsinne. 
  123. Man mache sich aber keine Illusionen: Auch die Eigenbewegung ist kein Garant für die permanente Einheit von Körper, Geist und Welt Auch in der Eigenbewegungen treten unweigerlich Brüche auf, aber sie werden in der Regel minimalisiert und ggf. erträglicher.
  124. Bisher hatte ich Vorbehalte gegenüber der neuen Bewegung des  Pilgerwanderns. Dachte, sie wäre eine Art Marketing-Werbung, die für ganz andere Ziele stände. Nun habe ich selbst eine (kleine) mitgemacht und bin nun der Meinung, dass die Pilgerwanderung eine hohe Form der Eigenbewegung darstellt.  Sie ermöglicht viele Seinszustände: bei sich sein, mit anderen sprechen,  sich auf die Natur einlassen, sich für Höheres öffnen.
  125. Geht man davon aus, dass das Subjekt zumindest geschwächt ist, bekommt die Eigenbewegung höchsten Wert, denn sie heilt und stärkt das Subjekt.
  126. Ich habe für mich ein neues Gebiet der Eigenbewegung entdeckt, nämlich den  Einsatz eines  Handrasenmähers: Kein Krach, kein Gestank,  kein schlechtes Gewissen. Der Schnitt entspricht nicht ganz den Vorgaben der Werbeplakate, d. h. er ist naturnaher und damit - so meine ich - auch schöner anzusehen. Obwohl auch mit diesem Verfahren Lebewesen umgebracht werden, herrscht bei dieser Arbeit - zumindest aus meiner Sicht -  eine Art Stille und Frieden, denn das Klappern dieses Gerätes hat nichts Aggressives an sich. 
  127. In diesem Abschnitt geht es um die entscheidende Differenz von Eigen- und Fremdbewegung: In der Eigenbewegung findet eine ichdurchtränkte Wahrnehmung , im Sitzen, sei es im Auto oder vor dem Fernsehapparat, findet eine ichlose Wahrnehmung statt. Im Folgenden sollen unsystematisch,  „stakkatoartig“ einige Merkmale dieser im Resultat grundverschiedenen Wahrnehmungen aufgezählt werden, um eine Annäherung dieser nicht endgültig auf den Begriff zu bringenden Unterschiede zu erreichen:

    Merkmale der  ichdurchtränkten Wahrnehmung: Das Bewusstsein, zumindest das Gefühl des Eigenen dieser Wahrnehmung  ist durch meine Aktivität entstanden, sie ist lebendig, sie ist, wenn ich will,  veränderbar, ich bestimme die Perspektive, Dauer, Intensität. Sie ist qua Wahrnehmung nichts Fremdes. Mein Ich und das Wahrgenommene sind eine untrennbare Einheit. Sie ist kein Traum, sondern hat höchst möglichen Realitätsgrad. Sie ist potentiell ganzheitlich. Übrigens gut zu beobachten beim wachen Handwerker, wie er zupackt. Im Begreifen ist Zielgerichtetheit. Alles Wahrgenommene hat positive oder negative Wertigkeit. Alle Begriffe und Dinge werden tendenziell in Kontexte, in Geschichten  gestellt, sie lösen Assoziationen aus. Der eigentliche Anfang ist bei und in mir, ebenfalls alle Entscheidungen. Sie hat viel vom dionysischer Ton und viel mit Kinästhetik zu tun. 

    Merkmale der  ichlosen Wahrnehmung. Eine filmartige Abfolge, die, abgesehen davon, dass der Film registriert wird, nichts mit dem wahrnehmenden Ich zu tun hat. Es ist eine ichlose Wahrnehmung, was nicht ausschließt, dass sie sehr intensiv sein kann wie beim Actionfilm. Hier bin ich eine willenslose Substanz, die Eindrücke empfängt und je nach deren Stärke reagiert. Aufregung ist nicht intensive Wahrnehmung. Der Weg der Aufregung geht von außen nach innen. Die ichlose Wahrnehmung hat scheinartigen Charakter, der mich letztlich nicht existenziell  berührt, sie hat keine realen Konsequenzen für mich, sie ist virtuell. Es entsteht für mich keine  Verantwortung. Sie ist ein Mittelding zwischen Traum und Film, sie kennt keine Mühen, kein Scheitern, keinen innerer Kampf, keinen Willen, kein eigentliches Leben. Man selbst ist körperlich mehr oder weniger passiv, der Körper und der Geist sind eigentlich funktionslos; das passive Bewusstsein lässt sich schnell durch andere Bewusstseinsinhalte ersetzen. Der Gegenstand der Wahrnehmung ist blass, konturenlos, dringt nicht in mich hinein, Tendenziell hat das Gehirn die Aufgabe der einfachsten Bestimmung wie „Ja, das ist eine Kuh“, d. h. die Bestimmung und Bejahung des Vorhandenen. Das vollzieht sich im Modus der Gleichgültigkeit. Die Dinge und Begriffe verkapseln und isolieren sich. Das Innen ist dann eine Art Spiegel, eine  Projektionsfläche, die keine Subjektivität, keine eigene freie Entscheidung kennt. Die ichlose Wahrnehmung hat viel mit dem apollinisches Bild und viel mit dem Fernsinn „Sehen“ zu tun.

  128. Langsamere Ortsveränderung ist die Bedingung dafür, dass bestimmte Wahrnehmungen erst möglich werden. Schnelle und schnellste Ortsveränderungen verringern zunehmend die Gegenstände der äußeren Wahrnehmungen bis nahezu Null. 

    Es macht aber  aber einen entscheidenden Unterschied, ob die Ortsveränderung mit eigener Körperkraft vollzogen wird oder ob sie passiv geschieht, indem man z. B. mit dem Auto fährt. Dadurch  entstehen zwei verschiedene Qualitäten der Wahrnehmung: a) eine ichdurchdrungene Wahrnehmung und eine ichlose Wahrnehmung, die man mit einer erlebnishaften Originalbegegnung und einem Filmabend vergleichen könnte. 

  129. „Mit großer Freude und Zustimmung  habe ich (BM) den Leitartikel "Nicht einmal Ostereier" von Franz Josef Görtz (F.A.Z.) vom 11. April)  genossen. Obwohl nicht zu toppen, hätte ich für interessierte Leser noch einige ergänzende Gedanken in meiner Homepage zum Thema Eigenbewegung. Ich lege den Akzent auf Eigenbewegung im Alltag, um eine größtmögliche Nähe zu sich selbst sowie zur  Umwelt herzustellen und um diese gleichzeitig zu entlasten. Man kann die Bedeutung der Eigenbewegung gar nicht hoch genug einschätzen, denn Leben ist Eigenbewegung. Wer nicht lebt, wird höchstens noch bewegt, das heißt er befindet sich im Zustand der Fremdbewegung. Die erste Eigenbewegung des Neugeborenen oder des Schwerkranken zeugt von seinem Leben. Erst durch Eigenbewegungen entstehen Bedeutungen zur Welt und zu sich selbst.  Es also kein menschlicher Fortschritt, wenn immer mehr Eigenbewegungen durch Fremdbewegungen ersetzt werden. Der Begriff „Eigenbewegung“ bündelt wie kein anderer die notwendigen Alternativen, um Welt und Mensch zu retten. Eigenbewegung steht für den notwendigen Paradigmawechsel“ (dieser Leserbrief erschien am 17. 4. 09 in der F.A.Z.). 
  130. Unsere erwachsenen Kinder kommen von einer ganztägigen Fahrradtour zurück und hören gar nicht auf, von ihren Erlebnissen  zu erzählen. Vorgestern dagegen kamen sie aus Berlin mit einem müden "Auf der Autobahn war nichts los" bei uns an. Ich schließe daraus verallgemeinernd: Der Mensch befindet sich immer in einem bestimmten Raum zu einer bestimmten Zeit, d. h. Mensch und jeweilige Umwelt (Subjekt und Objekt) bilden immer eine untrennbare Einheit.  Die Intensität dieser Einheit wird allein von der Stärke der körperlichen und geistig-seelischen Aktivität, sprich Eigenbewegung, des jeweiligen Menschen bestimmt. Der  Intensitätsgrad des erlebenden Menschen bestimmt also auch die "Intensität der von ihm erfahrenen Welt.  Beim Wandern wird die Landschaft, beim Gehen wird die Straße, beim Tanzen wird der Tanzpartner  deswegen intensive, lebendige Wirklichkeit, weil das Ich aktiv ist.  Umgekehrt werden während der Autofahrt und beim oberflächlichen  Medienkonsum das Ich und  das, was ihm begegnet, unlebendig, uneigentlich, schattig, fade. Das gilt grundsätzlich für alle Aktivitäten: Wenn nicht Gehirn und Körper von dem Gelesenen oder Bearbeiteten ergriffen werden - vergisst Du es. Es findet also ein wechselseitiger  Rückzug statt: Das Ich zieht sich aus der Welt zurück und die Welt aus dem Ich. Das Ich wird tendenziell zu einem Wahrnehmungspunkt reduziert.    
  131. In der Eigenbewegung in Alltagssituationen gewinnen Mensch und wahrgenommene Welt gleichermaßen, d. h. beide steigern ihre Intensität, Umfang und Authentizität. Die Eigenbewegung ist eben kein Nullsummenspiel, wo entweder der eine oder andere Pol gestärkt wird, sondern beide.
  132. Intensive Bewegungen schaffen  gleichzeitig Ich-Stärke und klare Vorstellungen von dem jeweils Wahrgenommenen. Der biegsame und sich bewegende Körper ermöglicht  große Nähe zur jeweiligen Umwelt. 

  133. In  dem Konzept der Eigenbewegung steckt auch das Potential für Autonomie, eine Fähigkeit, die in Zukunft von lebenserhaltender  Wichtigkeit sein wird. 

  134. These: Das Wollen ist  primär im sich bewegenden Leib "verkörpert".  Wenn der Körper still gestellt ist, verlieren Wollen, Bedürfnisse und Ziele ihr Fundament und werden widerstandslos durch externe Werte ersetzbar.  
  135. Welche Differenzierungsmöglichkeiten an Annäherungen bestehen, wenn zwei junge Menschen "miteinander gehen",  statt "miteinander zu fahren".
  136. Wenn keine Primärerfahrungen da sind, ist auch nicht die Welt vorhanden.
  137. Die Eigenbewegung ist meiner Ansicht nach wesentlich eingebettet in die Einsichten der Lebensphilosophie, die auch vehement auf der Einheit von Subjekt und Objekt besteht: Die Welt ist im Subjekt eingehüllt, und das Subjekt interagiert mit der Welt. Es gibt "objektiv" keine Objektivität. Objektivität ist ist reines Gedankenkonstrukt und ermöglicht den Irrtum, Herrschaft über die Welt ohne Verantwortung zu übernehmen zu können.  In der Fremdbewegung unterwirft sich das Subjekt einseitig den gesetzten, scheinbar objektiven Prozessen und  nähert sich damit in seinem Verhalten dem eines  Objekts an.
  138. "Der Gang zu Fuß muss wieder zu Ansehen, wenn nicht zu Ehren kommen. Es wäre doch buchstäblich sein Untergang, wenn ihm zu ungezwungener Entfaltung nur solche Reservate übrig blieben, die man nicht ohne den kurzatmigen Stolz von Kleinstädtern landläufig einschmeichelnd als Fußgänger-Zonen bezeichnet" (Franz Josef Görtz in der FAZ).
  139. Eigenbewegung ist ein Merkmal des Lebens. Wer lebendig ist, bewegt sich. In der Eigenbewegung entsteht höchst mögliche Selbstgewißheit, sie ist die Urwahrnehmung und die körperlich-geistig-seelische Basis der Persönlichkeit.
  140. Der effektivste und sinnvollste Weg, sein Übergewicht zu reduzieren, ist  sich bewegen - bei jeder Gelegenheit: Gehe zum Kaufmann, besuche Deine Freunde zu Fuß oder mit dem Rad. Meide aber vielbefahrene Straßen, sonst belastest Du Deine Bronchien mit gesundheitsschädigenden Emissionen. 
  141. In dieser Homepage findest Du viele Argumente für die Eigenbewegung, aber in die Gänge kommen musst Du selbst, das kann Dir keiner abnehmen. 
  142. Das entscheidend Neue besteht in der Eigenbewegung im Alltag,  Alltag, und noch einmal Alltag.
  143. Zuerst geht man nicht mehr, dann unterlässt man auch das Denken. Vielleicht gilt auch das Umgekehrte.
  144. Notwendige Bedingung für Autonomie besteht darin, die Lebenskraft zu stärken.
  145. Jede Eigenbewegung im Alltag entlastet die durch Verkehrsinfarkte lebensbedrohte Stadt.
  146. Die Eigenbewegung (Ich bewege mich) ist aus erkenntnistheoretischer Sicht gegenüber dem Sehen (Ich sehe) täuschungsfrei. Die bekannte Unsicherheit über die Frage, ob mein Zug oder der gegenüberstehende Zug fährt, entsteht nur bei der visuellen Wahrnehmung.  Dagegen bin ich absolut sicher,  ob ich mich bewege oder der neben mir sitzende Mitfahrer.
  147. Eigenbewegung steht für Leben, Fremdbewegung für das Anorganische, für das Leblose, für den Tod. Aber auch hier geht es nicht um einen zu überwindenden Dualismus auf Kosten der einen oder der anderen Seite, sondern um für den Menschen angemessene Proportionen. Die Verabsolutierung des Pols Eigenbewegung hieße, Möglichkeiten des Menschseins zu verhindern, die Verabsolutierung des Pols Fremdbewegung, auf die die Gegenwart setzt, heißt ebenfalls, die Möglichkeiten des Menschseins zu verunmöglichen. 
  148. "Keine Metapher bildet unser Leben überzeugender ab als das Gehen...In keiner anderen Tätigkeit ist man auch mehr bei sich selbst" (Freddy Langer).
  149. Wenn Identität und Wissen wesentlich durch Handlungen entstehen, ist es absolut nicht nachvollziehbar, wenn immer mehr Menschen auf Eigenbewegung verzichten.
  150. Durch ständige  Eigenbewegung verändert man sich physisch und psychisch nachhaltig positiv. Eigenbewegung ist die aktive Umgestaltung des Menschen durch sich selbst. Es geht um die Tiefe und Breite des Menschen und Fülle der Lebenswelt und  gegen seine zunehmende Reduzierung auf bloße Erfüllung von Impulsen der Bewusstseinsindustrie. Aber "Reduzierung" ist immer eine aktuelle Reduzierung, denn der Mensch  kann nicht grundsätzlich und auf Dauer auf Konsum, Nationalismus, Fanatismus, d. h.  auf eine bestimmte Verengung konditioniert werden.   
  151. Eigenbewegung ist Bedingung und Teil der Humanität
  152. Eigenbewegung, auch die im Alltag,  kann Poesie sein, Fremdbewegung ist immer Prosa und grundsätzlich Entfremdung. 
  153. Wenn ich mich bewege, weiß ich wegen des kinästhetischen Sinns, dass ich es bin, der sich bewegt. Diese Sicherheit scheint mir noch sicherer zu sein als die des allgemeinen Cogitos. 
  154. Wenn der Mensch sich aus der Wirklichkeit herauszieht, erstarrt diese, wird kalt und leblos. Langfristig hilft da auch nicht der Schein von Wirklichkeit, denn das Leben bemerkt diese Täuschung.
  155. Warum ist es nicht eine Selbstverständlichkeit, dass Berufstätige innerhalb einer zumutbaren Distanz mit größter Selbstverständlichkeit mit dem Rad zu ihrem Arbeitsplatz fahren?
  156. Eigenbewegung ist eine Quelle der physischen und psychischen Gesundheit. Sie ist die einzige Bewegungsart, die das Immunsystem stärkt. 
  157. Wir müssen sehr oft den Menschen von vier Rädern auf die Füße stellen.
  158. Lebendiges ist in Bewegung, nur als isolierte geistige Tätigkeit darf es sitzen oder liegen.
  159. Aus dem gewohnheitsmäßigen Autofahrer muss ein "gelegentlicher" Fahrer werden, aus dem "gelegentlichen" Radfahrer muss ein gewohnheitsmäßiger Radfahrer werden. Gleiches gilt für den Fußgänger. 
  160. In der Eigenbewegung äußert sich ein Ich, das nicht nur auf Wahrnehmung und Rezeption reduziert ist, sondern lebendig-produktiv wirkt.  
  161. Beim Gehen hat man wesentlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten wie beim Autofahren.
  162. Tiefe Gedanken entsteht oft nach einem mehrstündigen Fußmarsch und anschließender Ruhepause.
  163. Man setzt die Gesundheit aufs Spiel, wenn man sie nicht aufs Spiel setzt. 
  164. Der junge Tieck macht auf seinen Gang zur Schule Umwege, um die Wahrscheinlichkeit von Begegnungen zu erhöhen. Und wir?
  165. Wer in der Ortsveränderung nur noch ein technisches Problem sieht, nämlich  die Überlegung "Wie komme ich von A so schnell und bequem nach B", hat keinen Zugang zu meinem  Ansatz der Eigenbewegung. 
  166. "Nach Eigenbewegung kann man süchtig werden", eine Nachbarin, die die falschen Versprechungen durchschaut hat.   Übirgens entsteht diese Sucht nicht sofort, sondern bedarf  - wie  alles Gute - der Zeit.
  167. Die Lebenskraft eines Menschen ist in seiem Körper gespeichert und wird erst in der Eigenbewegung befreit. Deshalb: Bewegt Euch im Alltag. Es geht (wortwörtlich genommen).  Das Auto geht nicht, es rollt. Verzichtet auf es, denn wir könen gehen. So haben wir beispielsweise unser Auto sechs Wochen lang nicht bewegt, obwohl wir im Urlaub waren,  das Theater besucht haben, unsere täglichen Einkäufe tätigten, zum Arbeitsplatz fuhren und auch spazieren gingen. 
  168. Wer geht, lebt intensiver. In der Eigenbewegung zeigt sich zwar kein ewiges Glück, aber momentanes. 
  169. In der Eigenbewegung erfährt und erlent man zweierlei: a)  Seine aktuellen physischen und psychischen Grenzen und b), dass diese Grenzen veränderbar sind. Und man erfährt und lernt,  dass man nur das von der Welt aufnimmt, was man sich anverwandeln,  d. h. aneignen kann.  Alles andere rauscht vorbei, vergeht im Kurzzeitgedächtnis. 
  170. In der Eigenbewegung bestehen im Vergleich zum Autofahren viel mehr Möglichkeiten, sich  frei auszudrücken.  Diese Freiheit bezieht sich auch auf  die Gegenstände, auf die man sich konzentrieren will - so auf  Inneres, auf dieses Haus oder jenen Menschen. 
  171. In der Eigenbewegung drückt sich der Mensch aus, wobei er sich gleichzeitig selbst erkennt, d. h. er erlangt Selbst-Bewusstsein. In diesem Vorgang  bestimmt der Ausdruck auch das Innere, das ausgedrückt wird.  
  172. Bei der Eigenbewegung geht es um einen intensiven und umfangreichen Austausch mit der Umgebung.
  173. Man könnte sich auch bei der Eigenbewegung  in die Person des Schmids versetzen und „fühlen, wie die Dinge der lebendigen Kraft, die man auf sie verwendet, Widerstand entgegensetzen auf ihre Art und dass diese Hineinversetzung nötig ist, um die Eigenschaft der Dinge zu erfassen“ (S. 25). Aber Schapp zieht das genaue Hinsehen vor, also zwei Zugänge. Aber das klappt nur bei der Veränderung (Bearbeitung“), beim Betrachten eines Berges schon weniger.
  174. Wir kommen abends von einem Familienbesuch nach Hause: mit  der Fähre von Finkenwerder nach Hamburg-Landungsbrücke, von dort mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof und dann mit der Bahn nach Flensburg. Viel Bewegung im Mikrobereich, Interessante Beobachtungen gemacht, zwei gehaltvolle Gespräche geführt, einen schwierigen Text gelesen und verstanden!, einige Takte geschlafen. Wie hätte die Alternative mit dem Auto ausgesehen? Am Haus der Familie eingestiegen, von dort ohne Unterbrechung in der regnerischen Nacht bis vor die Haustür. Einfach und schrecklich!
  175. Wenn vom Leib oder Körper die Rede ist, sollte man immer mitbedenken, dass die Körper von Lebewesen  sich immer bewegen, so auch der menschliche Leib. Tun sie es nicht, sind sie tot.
  176. Die Unterscheidung von Leib und Körper ist für die Eigenbewegung von größter Wichtigkeit. Dazu folgende Erläuterungen: Körper gibt es nur in der Außenperspektive, den Leib nur in der Binnenperspektive. Dazu ein Beispiel: Wenn ich meinen rechten Daumen  wie ein Mediziner aus der Außenperspektive betrachte , ist er Teil eines Körpers, betrachte ich ihn aus der Binnenperspektive, ist er Teil meines Leibes.  Im  Leib  bilden Körper und Geist eine unaufhebbare Einheit, beim  Körper sind Geist und Körper getrennt.  Die  Einheit  von Körper und Geist im  Leib ist physiologisch begründet im Nervensystem, wobei das Gehirn auch ein Teil des Leibes ist.  Der ganze Leib ist durch-geistigt. In diesem Zusammenhang - so meine These - macht es keinen Sinn, das Gehirn, auch wenn es wesentlich komplexer ist als die Fingernerven, besonders hervorzuheben, ihm eine besondere Qualität zuzuschreiben, denn Gehirn und Fingernerven bilden einen notwendigen Systemzusammenhang, wobei das Gehirn nicht ohne Fingernerven - um bei dem gewählten Beispiel zu bleiben - auskommt und umgekehrt natürlich die  Fingernerven nicht ohne das Gehirn auskommen. Die Eigenbewegung als Erkenntnisorgan ist nur im Modus des Leibes möglich. 
  177. Meine physiologischen Aussagen können und sollen nicht dazu dienen, zu belegen, dass Geist letztlich auf Materie zurückzuführen ist, sondern diese Aussagen sollen das Verhältnis von Geist und Materie ein Stück plausibler und damit verständlicher machen.
  178. Arbeiten ist eine Teilmenge der Eigenbewegung. 
  179. In der Konsumgesellschaft dominieren das Visuelle und Auditive, die  kinästhetischen Sinne werden im Alltag nur  minimal betätigt - vom Sport abgesehen.
  180. Wenn man zu Fuß geht oder mit dem Fahrrad fährt, fühlt man, "wie die Dinge der lebendigen Kraft, die man auf sie verwendet,  Widerstand entgegensetzen auf ihre Art und dass diese Hineinversetzung nötig ist, um die Eigenschaft der Dinge zu erfassen“ (Wilhelm Schapp, Beiträge zur Phänomenologie der Wahrnehmung, S. 25). 
  181. Bewegungsmangel und intensive Autonutzung bedingen einander und bilden eine untrennbare Einheit. Aber selbst die einschlägige Literatur und Gesundheitsengagierte verdrängen diese elementare unbestreitbare Wahrheit. Hier Ross und Reiter ungeschminkt zu nennen, gilt als taktlos und grobschlächtig. Indirekte und verniedlichende Begriffe verdecken oft hier mehr als sie offenlegen. 
  182. Gehen ist rational. Es ist eine der frühesten und elementaren Form rationaler Tätigkeit. 
  183. Eigenbewegung im Alltag (!)  und im Spiel sind elementare und einfachste Formen  des Willentrainings.
  184. Der Geist ist verkörpert, fehlt der Körper, entsteht Wahnsinn, weil alles möglich wird, denn es fehlt die Haftung.  Das stimmt, aber nach meinem Verständnis verpasst der Begriff "Körper" das Wesentliche, denn es geht um den sich bewegenden Körper, nicht den still gestellten. Kurz: "Körper" ist nur eine Abkürzung für "sich bewegender Leib"
  185. Durch Gehen entsteht höchst mögliche Wirklichkeit. Nur in der lebendigen Eigenbewegung ist  Begegnung mit der Welt wirksam.
  186. Hoher Arbeitsdruck, Konkurrenzkampf oder Angst vor dem Jobverlust läßt die Zahl seelischer Erkrankungen bei Arbeitnehmern nach Aussagen der Krankenkassen dramatisch zunehmen. Durch mehrstündigen Fernsehkonsum und ständiges Autofahren werden diese Symptome noch verschärft. Ich bin fest davon überzeugt, dass intensive Eigenbewegung im Alltag die Widerstandskraft kräftigt, was nicht heißt, dass die Situation nicht geändert werden muss. Übrigens habe ich einen Beruf, keinen Job, auch dieser Unterschied ist auf das Problem bezogen nicht unerheblich.   
  187. Was bei Descartes die Zirbeldrüse leistet, leisten in meiner Theorie die kinästhetischen Sinneszellen, denn beide vermitteln zwischen Geist und Körper. Bei Descartes allerdings nur in eine Richtung, nämlich vom Geist  zum Körper, ich gehe von einer Wechselwirkung aus mit einer leichten Tendenz zur stärkeren Stellung des Körpers. Hier liegen Sinne und Sinn sehr nahe beieinander bzw, treffen aufeinander.
  188. In der Theorie der Eigenbewegung ist der kinästhetische Sinn der primäre und bedeutendste. 
  189. Nietzsche: Wenn jemand  "zugrunde geht, physiologisch degeneriert, so folgen daraus Laster und Luxus (das heißt das Bedürfnis nach immer stärkeren und häufigeren Reizen, wie sie jede erschöpfte Natur kennt)." Gegen physiologische Degenerierung  hilft nur Eigenbewegung. An einer anderen Stelle: "die leichten Füße (sind) das erste Attribut der Göttlichkeit."
  190. Die Bräune, die man durch Eigenbewegung in der Sonne bekommt, ist gesunde Bräune
  191. Wer nicht geht, lebt zwangsläufig ein Leben im Schein.
  192. Wir gehen zu jedem Treffen in unserer Stadt zu Fuß. Das wirkt auf die anderen absurd und hinterwäldlerisch. Manchmal sagen sie es auch. 
  193. Der moderne Mensch ist, obwohl er es nicht wahrhaben will, zutiefst leibfeindlich, und das heißt immer der sich selbst bewegende Leib.
  194. Nietzsche entwickelte seine Gedanken auf langen Spaziergängen und immer hatte er Schreibwerkzeug bei sich. Es ging ihm  um lebendige Vergeistigung, wobei Leben immer Eigenbewegung impliziert: Wahr ist, was erlebt wird. Er wußte die Landschaft in sich, er verkörperte sie - und das geht nur durch Eigenbewegung. 
  195. Die Metapher "Er hat noch nicht Fuß gefaßt" verweist auf die elementare Bedeutung der Bewegung.
  196. Äußere Bewegung ist immer auf  Denken, zumindest auf habituell gewordenes Denken angewiesen. Dieses "Bewegungsdenken" ist die Basis allen Denkens. 
  197.  "Ich schreibe nicht mit der Hand allein, der Fuß will stets mein Schreiber sein" (Friedrich Nietzsche).
  198. Zwischen innerer und äußerer Bewegung besteht ein gegenseitiger Wirkungseinfluss, der aber zeitlich auseinander liegen kann. 
  199. "Körperliches mit geistigem Unterwegseins zu verbinden - dies ist die Grundidee der von uns angebotenen Kulturwanderungen" (KUBUS - Kulturbüro Sils/Segl).
  200. "Ich habe gehen gelernt; Seitdem lasse ich mich laufen" (Friedrich Nietzsche).
  201. Es lohnt sich, eine Situation, ein Problem, einen Bericht  nachzugehen.
  202. Beobachtung in Bozen: Je größer die Fußgängerzone, desto mehr akzeptieren die Menschen  die Eigenbewegung, sei es zu Fuß oder mit dem Rad.
  203. Lebendes will und muss sich bewegen. Warum halten so viele Menschen denn die Bewegungslosigkeit aus? Liegt es daran, dass sie sich bewegen und bewegt werden fälschlicher Weise gleich setzen?
  204. Wer am oder auf dem Berg wohnen will, muss zu Fuß hinaufgehen, sonst wohnt er nicht dort. 
  205. Bäume haben Wurzeln, Menschen hatten Beine, d. h. sie haben ihre Beine durch Räder ersetzt. 
  206. Die Position der Eigenbewegung, die ich ja vertrete, ist  aus der Sicht der Autofahrer sicherlich  eine nicht zeitgemäße, ja böse  Position - aber das kann sich bereits in der nahen Zukunft ändern.
  207. Gehen und Weg bilden eine unaufhebbare Einheit, wobei der  Weg wiederum mehr oder weniger fließend in die Umwelt führt. "Mehr" bei Feldwegen, "weniger" bzw. gar nicht bei Autobahnen. 
  208. Ein  Ich entsteht nur in der Eigenbewegung. Die Eigenbewegung stellt eine reale Beziehung zwischen Ich und äußerer Wirklichkeit her. 
  209. Es gibt jetzt elektronische Spiele, die reale Bewegungen verlangen, wenn z. B. Boxen oder  Tennis simuliert werden. Ist das der endgültige, überzeugendste  Weg in die virtuelle Welt?
  210. Gehe oder fahre mit dem Auto in die Stadt.  Nur das Letzteres erzeugt massiv schädliche Emissionen.
  211. Nach Maturana und Varela wird Wirklichkeit durch die verkörperte Erfahrung eine Organismus hervorgebracht. In  dieser Aussage muss man "verkörpert" sehr ernst nehmen, denn Verkörpern ist kein passiver, sondern ein aktiver Prozess: Wenn man ein Buch liest, vor dem Fernsehapparat sitzt oder mit dem Auto durch die Gegend fährt, findet keinerlei Verkörperung statt.
  212. Entscheidend ist der kinästhetische Sinn, er ist die conditio sine qua non der Eigenbewegung, er ist ihr Fundament. Der kinästhetische  Sinn konstituiert die Differenz zwischen Primär- und Sekundärerfahrungen, zwischen Erfahrung und Vorstellung. 
  213. Sucht Eure Gesundheit in der Eigenbewegung im Alltag - die Chance ist sehr hoch, dass Ihr sie dort findet.
  214. In bestimmten Bewegungsabläufen bemerke ich sehr intensiv eine unhinterfragbare  Einheit mit meinem verstorbenen Vater.
  215. Heute richtig hart zwei Stunden im Garten gearbeitet, dann zehn Minuten auf dem Sofa gelegen, nun sehr wach und gut gestimmt.
  216. "Die Bevölkerung zieht die Einnahme von Tabletten einer unbequemen Änderung des gewohnten Lebensstils vor" (Dr. Henning Schmidt, Neurochirurg).
  217. Es schneit leicht. Wir machen  gegen 19 Uhr  unseren fast obligatorischen Abendspaziergang. Nach einer Stunde kehren wir  in unsere Straße zurück. Die Fußabdrücke im Schnee sind die unserigen, neue sind nicht hinzugekommen.  
  218. Nach Schopenhauer entsteht das primäre Weltverhältnis nicht durch Wahrnehmungen, die  Vorstellungen erzeugen, sondern indem Gegenstände als Ziele oder Hindernisse menschlichen Tuns erfahren werden. Diese Erfahrungen  werden in der bewegungslosen Auto- und Knopfdruckgesellschaft nicht mehr gemacht. Die Einheit von Mensch und seiner Umwelt löst sich auf, so dass die Welt zum Schein wird. 
  219. Erst der sich bewegende Leib macht das Subjekt zu einem Teil der Welt, zum In-der-Welt-Sein. Man beobachte sich nur selbst in zwei verschiedenen Situationen: a) man fährt mit dem Auto in die Stadt und b) man geht zu Fuß in die Stadt. Alles klar?
  220. Ich denke auch, dass Wille und Eigenbewegung sehr nah beeinander sind, wenn sie auch nicht identisch sind, so beeinflussen sie sich aber sehr stark gegenseitig.  Man mache bei kaltem Wetter einen längeren Spaziergang. Welch´ Kraft spürt man nach einer kurzen Ruhepause danach in sich aufsteigen.  
  221. Ich denke, dass der Wille immer im Zustand der Selbstbewegung sich befindet. In Analogie dazu konstituiert nicht der Leib, sondern erst der sich bewegende Leib Welt, die immer eine Lebenswelt ist. Dieser Aspekt des sich bewegenden Leibes ist - so weit ich es sehe -  von Schopenhauer nicht deutlich genug herausgearbeitet worden. 
  222. Es klappt letztlich doch nicht, Alter, Krankheit, Häßlichkeit, Schwäche mit Hilfe des Autos, möglichtst einem teuren,  zu kaschieren: In dem Moment, wenn man aussteigt, wird die Wirklichkeit offenbar.
  223. Momentan gibt es sehr viele Artikel, Aktionen, direkte und indirekte Hinweise zum Gehen, zum Wandern, zur Eigenbewegung, die sich vielleicht in näherer Zukunft zu einer größeren, zusammenhängenden Bewegung verdichten.
  224. Die Biologin Dr. Heidi Lehnmal führt momentan ein hochinteressantes Projekt durch, um u. a. auf die Beziehung zwischen Gehen und Gesundheit hinzuweisen. Man kann sich an diesem Projekt beteiligen. Genaueres unter:  http://www.10000000schritte.de/
  225. Wie alles, ist auch die  Eigenbewegung ambivalent, zumindest von verschiedenen Wertigkeiten. Wenn äußere und/oder innere Eigenbewegung fremdbestimmt wird, kann sie  problematisch werden.
  226. Auf  Eigenbewegung setzen ist auch eine Haltung, eine Lebenseinstellung..
  227. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand krank und dümmer wird, wenn er sich nicht selbst bewegt, ist sehr groß. Und wenn man sich selbst bewegt, sollte man es gleich in anregenden Umgebungen tun.
  228. Muskelkraft ist eine  erneuerbare Energie (Ulrich Grober).  Sie sollten wir wieder revitalisieren,  denn die Muskelkraft ist aus äußeren und inneren Gründen nicht obsolet.
  229. Schopenhauer unterscheidet ja bekanntlich Welt als Vorstellung und Welt als Wille, wobei der Wille dafür "sorgt", dass die vorgestellt Welt meine Welt wird. Der Wille drückt sich als Leben aus und ist im sich bewegenden Körper "beheimatet".  Die Frage ist nun: Was passiert mit dem Menschen, der sich (fast) nicht mehr körperlich bewegt? Ich denke, dass zuallerst die Vorstellungen zunehmend nicht mehr an den eigenen Körper gebunden sind, sondern frei flotierend  sich bewegen bzw. bewegt werden. Letzteres wird von den jeweiligen gesellschaftlich dominierenden Mächten, heute die Konsumwirtschaft, bestimmt. Der Mensch wird also zunehmend manipulierbar. Gegen diese Auffassung spricht, dass die wahnsinnige Ideologie der Nazis sich durchsetzen konnte, obwohl die Menschen sich damals relativ viel bewegten. Hier muss das Denken weiter fortschreiten.
  230. Ein Wesensgesetz des Reisens: Je größer des mitgenommene  Gepäck, desto geringer der Sind und Wert einer  Reise. Das Auto oder gar das Wohnmobil sind denkbar größte Gepäckstücke, denn es ist letztlich das mitgenommene eigene   Haus, von dem man sich nicht lösen kann, für das man ständig Verantwortung trägt, das bindet. Es ist deswegen ein entscheidender Unterschied, ob ich, um in das Reisegebiet zu gelangen,  den Zug, Bus, Flugzeug, ein Taxi  benutze oder ob ich mit  dem eigenen Wagen losfahre. Reisen ist materiell und auch geistig  Loslassen. Pointiert: Wer im  Auto verreist oder im Urlaub seine Fernsehprogramme sieht, verreist  im eigentlichen Sinne nicht. Auf diesem begrifflichen Hintergrund verstehe ich übrigens meinen  Genuss, den ich habe, wenn ich zu Beginn der Reise auf dem Bahnhof stehe und in einen Zugwaggon trete. Es ist gleich zu Beginn eine neue Welt, die sich vor mir öffnet.
  231. In der Eigenbewegung sind innere und äußere Bewegung eine unaufhebbare Einheit, wobei der Akzent entweder mehr auf dem einen oder auf dem anderen Pol liegt. Das hier nicht im Mittelpunkt stehende autonome Lernen ist deshalb auch eine Form der Eigenbewegung. 
  232. Welche Freude, einen neuen Weg zu entdecken und damit sich neue Möglichkeiten zu erschließen. Das kann z. b. ganz banal ein Weg in die Stadt sein.
  233. In der Eigenbewegung sind grundsätzlich alle Sinnesaktivitäten mehr oder wenig aktiv beteiligt: Man spürt die Muskeln, muss  ständig sein Gleichgewicht finden, aufmerksam sehen, da man ständig seinen Standpunkt ändert, oft tasten, sei es mit den Händen oder Füßen  z. B. bei unebenem Untergrund, zumindest außergewöhnliche Geräusche wahrnehmen, ggf. schmecken und riechen.
  234. Ich beschreibe primär materiell-physiologischen Grundlagen der Eigenbewegungen. Eigenbewegungen lösen "reale" Empfindungen aus, die zu Gefühlen und Erkenntnissen im  Bewusststein weiterverarbeitet werden können.  Diese Gefühle und Erkenntnisse können die Wirklichkeit angemessen wiedergeben oder eben nicht, so, wenn die Fahrt mit dem Auto als Autowandern empfunden und bezeichnet wird.
  235. "Selbsterfahrung ist ein Vorgang, der Bewegung in unser Leben bringt" (Ferdinand Fellmann).
  236. Wohl wissend, dass jede Unterscheidung immer auch mit Willkür verbunden ist, führe ich folgende zwei Trennungen durch, so dass meiner Ansicht nach einige  theoretische und praktische Vorteile entstehen. Die erste Trennung unterscheidet menschlichen Körper und menschlichen Geist, wobei der Geist in den folgenden Überlegungen unberücksichtigt  bleibt. Der menschliche Körper befindet sich entweder im Zustand der Eigenbewegung oder im Zustand der Ruhe (Stehen, Sitzen,  Liegen). Deswegen gehört beispielsweise auch das Autofahren zur Bewegungslosigkeit des menschlichen Körpers. Den Zustand der Eigenbewegung fasse ich  auf als "in der eigenen Natur" oder "in einem natürlichen Zustand"  sein. Kurz: Der Körper in Eigenbewegung ist Natur und Leben.  Die zweite Trennung unterscheidet Naturräume  von Zivilisationsräumen (Siedlungen bis hin zu Wohnräumen).  Wenn der Mensch sich in Naturräumen zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewegt, sind die körperliche eigene Natur und die Naturräume als optimale Einheit verwirklicht. Wenn er sich in Zivilisationsräumen bewegt, ist das Ganze nur eine "halbe" Natur. Wenn er im Auto sitzend durch die Natur fährt, ist keine Natur vorhanden (weil nur noch höchste Reduktion, die Scheinhaftigkeit  erzeugt). Wenn er im Auto durch Zivilisationsräumen bewegt wird, ist er im Minusbereich. Um es zu wiederholen: Der Geist und damit die Einbildungskraft bleiben in dieser analytischen Bestimmung ganz außen vor, so dass z. B. eine sogenannte "Autowanderung"  nur aus dieser materiellen Perspektive kritisiert werden kann, denn subjektiv kann der Betreffende  tatsächlich glauben, er wandere. Warum diese komplizierte Analyse? Sie dient eminent praktischen Zielen: Wenn ich also zum Kaufmann laufe, bin ich selbst Natur, wenn ich mit dem Auto dorthin fahre eben nicht.
  237. Eigenbewegung ist intensives Leben, Fremdbewegung ist Leben  auf  kleinster Sparflamme.
  238. Schillers Satz "Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raum stoßen sich die Sachen"  kann auch als Beschreibung des Dualismus von Fremdbewegung und Eigenbewegung  interpretiert werden - aber positiver, dann das "hart stoßen" macht gerade das Wachstum, die Überwindung von Schwierigkeiten und die Schönheit der Eigenbewegung aus. 
  239. Gegenstand und Auslöser des  Bewegungssinns (der kinästhetische Sinn)  sind die Muskeln. Die Muskeln bilden direkt ihren Tätigkeitsbereich, z. B. die begangene Treppe, eins zu eins ab. Die Muskeltätigkeiten sind so real wie die entsprechenden äußeren Gegenstände. Die Muskeln täuschen nicht. Zwar kann auch der  kinästhetische Sinn täuschen, aber diese Möglichkeit ist sehr gering. Dieser Sinn verbindet Mensch und Umwelt am dichtesten, am intensivsten, am "realsten". 
  240. Gehe  eine große Strecke, sagen wir fünfzehn Kilometer, und Du merkst, dass Du nach innen und außen wirkend lebst.
  241. Michael Rensing, Torwart bei Bayern München, in einem Gespräch: "Der Jacobsweg war eine tolle Erfahrung. ...Man hat nichts dabei außer einem Rucksack, kein Handy und pilgert durch die pralle Sonne. Irgendwann liegt alles hinter einem, und man macht sich über die wichtigen Themen im Leben Gedanken. Man braucht ja nicht viel, um glücklich zu sein." Kommentar: Es muss ja nicht immer gleich der Jacobsweg sein und diese Einsicht lässt sich verallgemeinern.
  242. Ein Hausschwein, das im  LKW  in einen anderen Schweinestall gefahren wird wird, würde nie  sagen "Ich bewege mich". 
  243. Bewegungslosigkeit  ist nicht nur ein Merkmal der Erwachsenenwelt, sondern auch Normalität im Kinderleben.
  244. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Gänge in Gebäuden und in Zügen mit Laufbändern ausgestattet werden, um den Zustand der Bewegungslosigkeit perfekt zu machen.  
  245. Der Fortschritt besteht heute wesentlich darin, dass das Schreiten, also die Schritte durch Maschinen ersetzt wird. Bewegungslosigkeit und gleichmäßige Raumwärme sind die Erfolgsmerkmale von Tiermästereien. Nicht gewollt, aber gleiche Effekte erzeugt der Fortschritt, dessen Motor die Bequemlichkeit ist.  
  246. Eigenbewegung =  Leben; Fremdbewegung = Pseudoleben, Leben als Täuschung.
  247. Intensives Leben entsteht erst, wenn zwei Lebewesen sich begegnen, ja eins werden, sei es im Gespräch, im Augen-blick, im Tanz oder im Spiel mit einem Tier. 
  248. "Heilen" enthält Ganzheit. Deshalb: Bewegt Euch ganzheitlich, mit dem Körper, Herz und Kopf. Zum Körper gehören die Füße.
  249. Ersetzt die Fremdbewegung durch Eigenbewegung. Das heißt:  Brötchen an einem kalten Wintermorgen mit dem Fahrrad holen. Mit dem Rucksack von Wyk auf Föhr nach Oldsum laufen (14 km).  
  250. Muskelveränderungen sind die Folge der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt. Sie bietet das relativ sicherste Wissen von der Umwelt. 
  251. "Wir tasten nicht Oberflächen von einem Ding, sondern wir ertasten das Ding mit seinem Stoff. Das Tasten besteht auch nicht in einem bloßen Handauflegen auf das Ding, sondern es enthält in sich ein Drücken, wenn auch in vorsichtigster Weise, ein Gleiten, ein Greifen, ein Anfassen" (Schapp, W.: In Geschichten verstrickt. Zum Sein von Mensch und Ding).  Diese differenzierte Betrachtungsweise kann man auch auf das Gehen anwenden - und diese Tätigkeit gewinnt an  Wert und Tiefe.
  252. Nach Hegel zeichnet Knechte gegenüber Herren aus, dass sie sich an der Welt zu schaffen machen. Sie setzen sich mit den  Dingen auseinander,  überwinden auch die eigenen Widerstände und  erweitern somit ihre Fähigkeiten und ihr Wissen. Wer sich für die die  Bequemlichkeit entscheidet, auf Eigenbewegung verzichtet, wird weder Herr noch Knecht im obigen Sinne, sondern ein hilfloses Objekt, das immer hilfloser wird.  
  253.  Eine Konditionierung fand nicht statt: Ich kenne  viele Hundehalter, die, als noch ihr Liebling lebte, oft mehrmals am Tag über größere Zeitabstände liefen. Ab dem Moment, als ihr Hund verstarb, stellten sie diese Tätigkeit vollkommen ein und wurden über Nacht zu absoluten Autofahrern.
  254. Die Fähigkeit zur Eigenbewegung bleibt nur bestehen und wird nur gestärkt, wenn sie ständig ausgeübt wird. Je weniger sie ausgeübt wird, desto schwieriger wird es, sie zu aktivieren.
  255. Man vergleiche die Eigenbewegungsanteile: a) Die Fahrt mit dem Bus in die Stadt besteht aus 200 Metern zur Haltestelle gehen, zwei Minuten in der frischen Luft stehen, 300 Meter von der Haltestelle zum Ziel laufen und b) die gleiche Tour mit dem Auto besteht aus vier Metern in die Garage laufen, zehn Meter von der Tiefgarage zum Fahrstuhl und sechs Meter vom Fahrstuhl zum Ziel. Also 5OO Meter gegen 20 Meter. Und das jeden Tag.
  256. Ein gravierender Mangel in der gegenwärtigen Bewegungsdiskussion besteht darin, dass die subjektive Sinnhaftigkeit bei weitem nicht genug berücksichtigt wird. Damit ist gemeint, dass die Eigenbewegung nicht nur um ihrer selbst willen, sondern mit einer Funktion oder  mit einer Aufgabe zusammenfallen sollte, die sich aus der jeweiligen Lebenswelt  ergeben, also mit dem Rad zur Arbeit fahren, zu Fuß zum Einkaufen oder ins Theater gehen (diese Aktivitäten wiederholen sich in diesen Notaten, weil sie aus meiner Praxis entspringen).  Sportliche Bewegungen laufen Gefahr, dass ihre Ziele (u. U. auch der Weg) nicht in sich selbst sinnenvoll  sind, weil  das Ziel  oft zu einer  Zahl geworden ist. Beim Wandern dagegen ist es ein sinnlich wahrzunehmendes Ziel, z. B. eine Stadt. 
  257. Die Macht der der bunten Bilder über uns erklärt sich auch daraus, dass Umwelterfahrungen zunehmend nicht mehr im Modus der Eigenbewegung stattfinden. Die dadurch entstehende Leere wird eben durch diese Bilder ausgefüllt. 
  258. Man mache sich keine Illusionen, auch der Urlaub ohne Eigenbewegung nimmt bildhaften Charakter an. 
  259. Der Verzicht auf Eigenbewegung ist immer ein Verlust. Ein Verzicht ist nur dann gerechtfertigt, wenn die Eigenbewegung die Kräfte wesentlich überfordert, so in der harten Arbeit oder in der Überwindung großer Distanzen. Letztere sollte besser kollektiv durchgeführt werden, damit man am sozialem Potential der Gruppe teilnimmt, also mit dem Zug fährt statt mit dem Auto. 
  260. Holz hacken ist eine elementare sinnvolle Art der Eigenbewegung. Ich vermisse die Kommunikation zwischen Holzstück und mir, und ich vermisse den Geruch des Holzes.
  261. An einem windigen, grauen Dezembertag auf dem Gendarmenweg einen Spaziergang gemacht, der noch heute in seiner Schönheit nachklingt. Der Gendarmenweg befindet sich auf dänischer Seite der Flensburger Förde. Er ist unbefestigt. Von dort sieht man entweder auf das Wasser oder auf Landschaft mit weniger oder mehr verstreuten Häusern, im Hintergrund eine nicht wenig befahrene Autostraße.  Natürlich ist das keine reine Natur, aber man fühlt sich durch und durch  in ihr geborgen. Ein wesentlicher Grund für dieses Gefühl liegt darin, dass der Weg ein Weg ist und  direkt den Formen der jeweiligen Landschaftsteilen folgt und selbst die unterschiedlichsten Formen annimmt: Enger und breiter, trocken und matschig, mit Kräutern unregelmäßig bewachsen, über Stege und kleine Brücken, manchmal direkt am Wasser, manchmal durch einen Buchenwald oder kleinen Siedungen  führt. Die These lautet also: Der Weg ist der Grund, der wesentlich den Gesamteindruck mitbestimmt - man ersetze in Gedanken diesen sich schlängelnden Weg durch eine schnurgerade asphaltierte Straße und man weiß, was in diesem Notat  gemeint ist.  Das moderne Straßensystem ist vielleicht das Grundmodell der Geometrisierung unserer Gedanken und der Welt. 
  262. Der portugiesische Regisseur Manoel de Oliveira wird hundert Jahre alt - und dreht schon wieder. Vor zwei Jahren, nach einem Interview, bestand er darauf, allein durch die frische Winterluft Lissabons nach Hause zu laufen (FAZ v. 11. 12. 08). Dieser Mann weiß um die  Schönheit und Anregungskraft der Eigenbewegung in Alltagswelten. 
  263. Eine Vermutung nach einer Werbewirkungsbefragung : Sport hat eine derartig große Akzeptanz von Seiten der Wirtschaft, weil der Sport  die lukrative Ersetzung durch technische Prozesse nicht nur nicht stört, sondern oft fördert, sei es durch die Beachtung der Trikotwerbung oder durch die Autofahrt zum Fitnesscenter.
  264. Eigenbewegungen im Alltag sind keine Belastung für die Umwelt und nützen dem Mensch zumindest in drei Bereichen:  a) seinem Körper, Seele und Geist und  b) zur Bewältigung von Aufgaben wie Einkaufen, die Arbeitsstätte erreichen, Veranstaltungen besuchen usw. und c) Eigenbewegung kostet nichts (ein Argument, das doch heute verhaltensändernd wirken müsste).
  265. Eine Haupteigenschaft des Lebens ist die Fähigkeit zur  und die Realisierung (!) von Eigenbewegung.
  266. Eigenbewegung ist auch permanentes Training des Willens, denn man muss ständig, also nicht nur am Anfang, Eigenenergie aktivieren und die Entscheidung aufrecht erhalten - bis zum Ziel muss man sich ohne Unterbrechung mit Körper, Seele und Geist  einsetzen.
  267. Die elementare Logik der Freiheit lernt man in der Eigenbewegung - nicht umsonst wird in Gefängnissen die Bewegungsfreiheit eingeschränkt.
  268. Alle Lebewesen wandern durch sinnlichen Welten oder befinden sich in ihnen. So auch der Mensch, aber warum hält er sich so gerne in hässlichen und reizlosen Umwelten auf, d. h. auf Autobahnen, Einkaufszentren und vor den Fernsehschirmen. Es gibt immer mehr Menschen, die sich am Tage nicht eine Minute in natürlichen oder naturnahen Gebieten  aufhalten. Wohlgemerkt, wer mit dem Auto durch einen Wald fährt, hält sich nicht im Wald, sondern im Auto auf.  
  269. "Vita activa" meint zuallererst Eigenbewegung im elementaren Bereich. Hier wäre eine sitzende Lebensweise widersprüchlich.
  270. "Wellness" radikalisiert die Bewegungslosigkeit auf einem hohen ästhetischen und energieaufwendigen Niveau. 
  271. Håndens vœrk er åndens spor ("Der Hände Werk ist des Geistes Spur", eine dänische Redeweise, die ich durch Herrn Prof. Winkler kennengelernt habe).  Von meinem Ansatz aus ist es sinnvoll, "der Hände Werk" durch "Eigenbewegung" zu ersetzen: Jede Eigenbewegung erzeugt ein geistiges und/oder materielles Werk. 

  272. Es gibt innere Eigenbewegungen (Denken, Fühlen, Wahrnehmen) und äußere Eigenbewegungen (Gehen, Fahrradfahren). Beide Bewegungsarten sind immer mehr oder weniger bewusst von einem "Ich bin es, der sich bewegt" begleitet. Über diese "Fähigkeit" verfügt z. B. ein Auto oder Zug nicht.  Das ist ein sehr wichtiger Unterschied.
  273.  Mit dem Zug fahren enthält noch relativ viel Eigenbewegung: Zum Bahnhof und durch ihn laufen, in den Zug einsteigen, im Zug einen Kaffee holen, aussteigen, durch den Zielbahnhof laufen, Menschen aus dem Weg gehen, eine Zeitung kaufen usw. In einem Bahnhof gibt es viel Bewegung, und ich bin ein Teil davon. Das ist schön.
  274. Wer soll sich bewegen? Du selbst! Wer sonst?
  275. Eigenbewegung stärken ist keine Selbstbeschneidung, sondern Selbsthilfe, Stärkung des Ichs.
  276. Im Alltag der Eigenbewegung trauen ist gleichzeitig eine fundamentale  Gegenmaßnahme, sich ständig als Opfer zu betrachten. Ein Opfer ist  nicht in der Lage, sich selbst zu bewegen und zu wehren, als ein Objekt wird es bewegt. So gesehen ist der Autofahrer ein Opfer bzw. macht sich selbst zu einem Opfer. Anders argumentiert: Wer jede Ortsveränderung im Alltag mit dem Auto zurücklegt und jeden Tag durchschnittlich drei Stunden vor dem Fernsehapparat verbringt, bringt sich in eine selbstverschuldete Unmündigkeit.  
  277.  Es geht um Vermehrung von aktiver Bewegung ( = Selbstbewegung) und um Verminderung von passiver Bewegung ( = Fremdbewegung). Nur die Eigenbewegung ist eine echte Bewegung. 
  278. Wenn Gedanken und Gefühle geäußert werden, müssten  a) die dahinter stehenden inneren Prozesse, aber auch b) die noch dahinter liegenden äußeren Bewegungen  in Mimik, Gestik und Körperbewegungen idealiter sichtbar werden. 
  279. Wer lange geht, weiß auf elementarer Ebene viel von Grenzen und vom Maß. Vielleicht zu heutiger Zeit gar nicht so unwesentlich.
  280. Vielleicht ist der Tanz die intensivste Form des Gehens. In dem Dokumentarfilm "Rhythm Is It" kann man viel über die Eigenbewegung im Tanz viel erfahren. 
  281. "Wieder ein paar Schritte gehen, würde mir schon reichen" (eine 43-jährige Frau, die plötzlich gelähmt war und  nun an einen Rollstuhl gefesselt ist).
  282. Gehen und Musik haben sehr viel Ähnlichkeit: Wie ein Musikstück verglichen mit anderen Stücken und in sich einzigartig ist und sich ständig verändert, aber auch wiederholt, so auch das Gehen. Beim Fahrradfahren sind diese Möglichkeiten schon eingeschränkt und erst recht beim Autofahren. Und auch in der Musik wie beim Gehen gibt es anspruchsvollere und weniger anspruchsvolle  Formen. 
  283. Beim Gehen teilt man sich dem Mitmenschen direkt mit, dagegen  beim Autofahren nur indirekt und  hinter Eisen und Glas verborgen - , während die Autoinsassen meinen, mitten in der Welt zu sein. Dass das eine Illusion ist, wird ihnen klar, wenn sie merken, dass nicht sie selbst, sondern nur ihr Auto Reaktionen bei den Menschen außerhalb des Autos hervorrufen.  
  284. Sebastian Kneip sagte: "Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages viel Zeit für die Krankheit opfern."  Sich selbst bewegen, aber nicht nur etwas, wäre ein Beitrag für die Gesundheit.
  285. Im Ausdruck "vom Begreifen zum Begriff" kann Begreifen auch durch Gehen ersetzt werden, also "vom Gehen zum Begriff". 
  286. Nach Georg Kerschensteiner wird durch die Arbeit induktiv-praktisch Logik gelernt. Gleiches kann das Gehen für sich beanspruchen.  
  287. In der Eigenbewegung ist auch viel implizites Wissen vorhanden und wird auch gewissermaßen unbemerkt erzeugt.
  288. Solange der Mensch lebt, hat er eine Umwelt. Das ist banal, deswegen kommt alles darauf an, sich in einer guten, d. h. anregenden, gesundheitsfördernden, vielfältigen Umwelt aufzuhalten  und sich möglichst  in Modus der Eigenbewegung zu bewegen.
  289. Bei sportlichen Bewegungen liegt der Fokus auf  dem Sporttreibenden, die jeweilige Umwelt ist uninteressant, man hat an ihr kein Inter- esse (dazwischen sein).  
  290. Keine Erkenntnis ohne ein Subjekt und keine Erkenntnis ohne ein Objekt.  Zum Subjekt gehören Verstand und Vernunft sowie der sich mit Muskeln bewegende Körper, der auch  mit Sinnesorganen ausgestattet ist, die Welt abbilden bzw. dem Verstand und der Vernunft Material zum Bearbeiten anbieten. Alle diese "Teile" konstituieren im Zusammenspiel eine  Erkenntnis. Wird ein Teil nicht aktiviert, z. B. die Muskeln, wird die Erkenntnis reduziert, d. h. beschädigt.
  291. Fähigkeiten kann man nicht kaufen, sie entstehen nur durch innere und äußere Eigenbewegung.
  292. Gehen und ein Leben haben die gleiche lineare Struktur, und man kann nur immer einen (1) Weg gehen.  Übrigens gilt Gleiches für das Schreiben.
  293. Eigenbewegung ist immer auch Einsparung von Fremdenergie. Das wäre in Zeiten steigender Energiepreise auch ein Argument für die Eigenbewegung.
  294. Es gibt eine besondere Stille in Straßen und in Landschaften, die man nur im Gehen erfahren kann.
  295. Einsicht nach einer zwanzigminütigen Fahrradfahrt bei kaltem, aber sonnigem Wetter: Die Bewegungen der Natur, insbesondere  des Windes, vereinen sich mit den durch das Fahrradfahren initiierten Eigenbewegungen zu einer lebensbejahenden Einheit.
  296. Fernsehkonsum ist äußere und innere, also doppelte Bewegungslosigkeit: Man sitzt vor dem Apparat und man ist  kognitiv nahezu  bewegungslos.
  297. Ich suche immer noch nach einem Begriffspaar, das den Dualismus Eigenbewegung versus Fremdbewegung griffiger ausdrückt. Einige Vorschläge: Bewegte Menschen vs. unbewegte Menschen, Bewegte vs. Motorisierte, sich bewegende vs. sitzende Menschen. Hast Du einen besseren Vorschlag? Dann schreibe mir. 
  298. Sportlehrer, die buchstäblich jede Ortsveränderung mit dem Auto durchführen, sind  von der Bewegungsfreude der Schüler her gesehen kein Vorbild - im Gegenteil.
  299. Ich werde mich mit einem Fachmann für Bewegung treffen, um mich mit ihm auszutauschen. Er wohnt in einem dreißig Kilometer von mir entfernten Ort. Wir treffen uns in der Mitte, wohin wir beide mit dem Rad hinfahren.  Das ist eine Alternative im Kleinen. 
  300. Sehr oft spricht  man vom Pilgern statt Wandern. Wie soll man sich das erklären?
  301. Eigenbewegungen werden durch angemessene Strukturen erleichtert und unterstützt: Fahrradwege, verkehrsberuhigte Straßen, Läden, ein Stadtpark im eigenen Stadtviertel gehören dazu.
  302. Aus mir unerfindlichen Gründen scheint die Überzeugung zu bestehen, dass die Ankunft am Arbeitsplatz oder  zu einem gesellschaftlichen Ereignis zu Fuß bzw. mit dem Rad  anstatt mit dem Auto als stigmatisierend betrachtet wird: Wer zu Fuß kommt, fühlt sich metaphorisch gesprochen als nackt und wird auch als nackt angesehen. .
  303. Mein Credo: Ich will mich, wenn irgendwie möglich und zumutbar, selbst bewegen und selbst an meiner  natürlichen, kulturellen und sozialen Umwelt wahrnehmend teilnehmen, Welt nicht im Bilde, sondern so weit wie möglich im Original  begegnen.
  304. Beim Wandern und Spazierengehen ist das Verhältnis zur Umwelt, sei  sie mehr natürlich oder kulturell geprägt, potentiell am innigsten und  intensivsten, was wohl auch daran liegt, dass dieses Verhältnis zweckfrei ist.
  305. Eigenbewegung verleiht Festigkeit.
  306. Wege selbst und was an den Wegen sich befindet und was vom Weg aus sichtbar ist, werden erst im Begehen bemerkt und interessant.  Autostraßen sind in der Regel entleert, was der Autofahrer allerdings nicht als Verlust, sondern als Gewinn einstuft.
  307. Äußere und innere Bewegungen stehen in Wechselverhältnissen. Idealtypisch verabsolutiert ergeben sich drei verschiedene Welten: die des Sportlers, die des Philosophen und die des reflektiert Beobachtenden und Handelnden.
  308. Wissensvermittlung geschieht durch Begriffe und Bilder, dazu werden Verstand und Sinnlichkeit aktiviert. Verstand und Sinnlichkeit sind neuronal gestützte Tätigkeiten. Ob beim Wissenserwerb  muskuläre Tätigkeiten stattfinden oder nicht, spielt hier  keine Rolle.  Der  moderne Mensch, der fast nur sitzt, universalisiert  ein Leben (nahezu) ohne muskuläre Tätigkeit.  Aber muskuläre Tätigkeiten sind wesentlicher Grund für die Entwicklung geistiger Fähigkeiten (Piaget). Wie mag wohl dieser grundlose  Geist in Zukunft aussehen, was vermag er, was eben nicht. Das sollten wir bedenken, bevor wir uns endgültig von den Muskeln verabschieden  bzw. wo sie  in bzw. als hoch bezahlte Spezialleben allein in Sportarenen überleben.
  309. Entweder hat man bisher die Muskeln nur als passive "Helfer" oder als reine Mittler  von Antriebskräften gesehen, aber nicht als notwendige, mitkonstituierende Faktoren im Erkenntnisprozess und in der Persönlichkeitsentwicklung. 
  310. Einen Weg begehen heißt, Teil von ihm werden, heißt Aneignung. Ein  Austausch zwischen materieller Umwelt und  Körper findet immer statt, sicherlich immer auch eine unbewusste Wahrnehmung der Umgebung, während die bewusste Wahrnehmung Offenheit, Gestimmtheit  und Hinwendung verlangen. 
  311. Eigenbewegung aktiviert den lebendigen Grund des Menschen. Wenn dieser still gestellt wird, verringert sich aktives  Potential - übrigens für beides, für gutes oder für schlechtes Tun. Kraft und Lebendigkeit bedürfen  immer einer ethischen Reflexion und einer  eventuellen Korrektur. 
  312. Ist erst einmal der Zustand der  vollständigen Automation erreicht, ist Eigenbewegung (und damit der Mensch im humanistischen Sinne) überflüssig.
  313. Das Fundament der Freiheit ist Bewegungsfreiheit des Körpers.
  314. "Der Appell der Sportlehrer, dass sich die Schulkinder mehr bewegen sollen, ist aus mehreren Gründen nur zu unterstützen.  Als Ursache für den Bewegungsmangel wird die zu lange Aufenthaltsdauer vor den Bildschirmen gesehen.  Das stimmt, ist aber nur die Teilwahrheit. Der empirisch belegbare, direkte  Hauptgrund für den Bewegungsmangel ist die nahezu komplette Ersetzung der Eigenbewegung  im Alltag durch das Auto. Die Erwachsenen sind hier das Gegenteil von Vorbildern. Der Sport ist übrigens  maßlos überfordert, wenn er den durch das Auto verursachten Bewegungsmangel kompensieren soll. Nein, wir müssen endlich  lernen, vernünftig mit dem  Auto umzugehen und das heißt,  mehr zu Fuß oder mit dem Rad zu fahren" (ein Leserbrief zu einem entsprechenden Zeitungsartikel).
  315. Eine Entwicklung: Für Strecken bis zu ca. zehn Kilometer gehe ich zu Fuß oder nehme das Rad ohne innere Zwänge, ja ich freue mich auf diese Touren, längere Strecken fahre ich mit dem Zug, auch darauf freue ich mich. Innere Schwierigkeiten habe ich noch, wenn ich mir  Aufenthalte an Seen, Wälder oder Moore verkneife, weil sie nur mit dem Auto erreichbar sind.
  316. Nach dem Essen gehen wir in unserer unmittelbaren Umgebung spazieren: Wir sehen einen badenden Dompfaff und am Himmel Gänse auf dem Heimflug.
  317. Wenn ich atme, gehe oder  körperlich tätig bin, bin ich zuallererst Seele, wenn ich  mir das vorstelle und bedenke, bin ich Geist. Das heißt, ohne Eigenbewegung keine Erfahrung der eigenen Seele. 
  318. Nach Charlotte Selver sind es vier  Fähigkeiten, die sich der Mensch in der Auseinandersetzung mit der Schwerkraft erobert: Liegen, Sitzen, Stehen und Gehen.  Das Gehen ist also die letzte und höchste Fähigkeit, wobei zu bedenken ist: "Ich gehe nicht nur, jetzt weiß ich auch, was dabei geschieht und in mir vorgeht, ich spüre den Gang, weiß, wie sich das anfühlt."
  319. Nur Lebewesen verfügen über die Fähigkeit der Eigenbewegung. Der Mensch verzichtet zunehmend freiwillig  auf Ortsveränderungen im Modus der Eigenbewegung -  mit entsprechenden negativen Folgen auf ihn und auf seine Umwelt. 
  320. Wenn man Saussures Zeichentheorie auf die Bewegung projiziert, also die Muskeln als Signifikanten und die geistige Anteile  als Signifikate betrachtet,  bekommt man ein tieferes Verständnis von der relativen Eigenständigkeit der Muskeln. 
  321. Es ist schon merkwürdig, ja widersprüchlich, wenn Leute, die im Namen von Verantwortlichkeit  für das eigene Leben und Selbsterhaltung gegen Sozialismus und Sozialstaat argumentieren bzw. polemisieren, aber gleichzeitig dieses Selbsttun auf elementarer Ebene gar nicht mehr denken können bzw. vehement theoretisch und praktisch ablehnen:  Der universelle Einsatz von Motoren und damit die Ersetzung von Eigenbewegung durch Fremdbewegung ist für diese Leute  ein unhinterfragbares Ziel  des Fortschritts, dessen Herz das Automobil ist.  
  322. ich denke, dass das asketische Moment der protestantischen Ethik nur eine Teilwahrheit ist, da sie den anderen Teil, den nach der Arbeit verdienten Genuss,  ablehnt. Apollinische und dionysische Phasen im Wechsel  sind das Geheimnis eines guten Lebens. Wellness ohne vorherige intensive Eigenbewegung  ist eine Ruine des Genusses.
  323. Paradoxe Therapie: Wenn Du wegen einer Sache stark emotionalisiert bist,  laufe mehrere Kilometer, sei es in die Stadt oder in den Wald, und deine Unruhe fällt von Dir. "Paradox" deswegen, weil sowohl in Emotionen als auch in Mobilität das lateinische Verb movere enthalten ist. (Innere) Bewegung wird also mit (äußerer) Bewegung geheilt
  324. In die Stadt hinunterlaufen oder eine Wanderung machen ist auch die Erde liebkosen.
  325. Wissen und Bildung beginnt und gründet auf  Muskel- und Sinnestätigkeiten. 
  326. Eigenbewegung verbraucht zwar auch Energie, ist aber gleichzeitig ein Kraftgenerator. 
  327. Ich behaupte, dass es spezifische Erfahrungen und Zustände gibt, die eine Nähe zu sich selbst erzeugen, die nur in der Eigenbewegung entstehen können. 
  328. Ich fahre mit dem Rad in die Stadt und sehe die Türen eines "Armaturenschranks" der Stadtwerke offen im 'Winde auf- und zugehen. Ich rufe an, damit kein Schaden entsteht. Im Auto hätte ich diesen Zustand nicht gesehen. 
  329. Ich gehe zu Fuß und fahre mit dem Rad. Ich sehe und erlebe vieles.
  330. Aus mehreren Gründen hat es der moderne Mensch schwer, über längere Zeit intensiv bei den Dingen und bei sich zu verbleiben. Wandern hilft, diesen Zustand ein Stück zu überwinden.
  331. Beim Wandern  muss man aufpassen, muss eine Art der funktionalen Neugierde haben, muss die Sinne schärfen, sonst verläuft man sich schnell. 
  332. Wenn in der Eigenbewegung im Bewusstsein das Ziel dominiert, verliert die Eigenbewegung an Wert.  Die Eigenbewegung ist  strukturell in der Gegenwart und in der Nähe.
  333. Zwei Anmerkungen zum Weg: a) Der Weg ermöglicht, einen Ort zu erreichen, an dem man momentan nicht ist.  Lebewesen verfügen über die Fähigkeit der Eigenbewegung, um Ziele zu erreichen, die im weitesten Sinne der Selbsterhaltung dienen:  Lebewesen sind existenziell auf Wege angewiesen.  Der jeweilige Modus der Bewegung bestimmt die Ausprägung des Weges. Wege sind Eingriffe von Lebewesen, insbesondere von Menschen in die Natur - als Feld- und Waldweg oder Gasse gering, als Autobahn umfangreich.  Hier ist zu entscheiden, ob die großen Versionen notwendig und gerechtfertigt sind. Und man kann b)  den Weg auch als eine Aneinanderreihung von Standpunkten (hier wortwörtlich) verstehen, der ständig neue Ausblicke auf die jeweilige Umwelt erlaubt. Wer auf dem Weg ist, verändert ständig seine Wahrnehmungen - bewusst oder unbewusst. Geht er zu Fuß oder fährt mit dem Rad sind die Wahrnehmungsmöglichkeiten qualitativ und quantitativ ungleich größer, als wenn man  mit dem Auto, Zug oder Flugzeug Im Modus der Fremdbewegung transportiert wird. Der Weg ist grundsätzlich also nicht nur ein Mittel, um räumliche Ziele zu erreichen, sondern auch eine Möglichkeit,  Erfahrungen  (auch im Alltag) zu machen.  Aber diese Möglichkeit wird zunehmend weniger in Anspruch genommen. 
  334. Ein bekannter Vertrieb von Kaffee bietet auch "außergewöhnliche Rad- und Wandererlebnisreisen" an.  Ich frage mich, warum diese Touren "außergewöhnlich" und so entfernt von uns sein müssen, nämlich von Sizilien bis China. Und ich frage mich weiter, ob diese Angebote dem Wandern mehr nützen oder schaden. 
  335. Die Eigenbewegung ist in dem Sinne ganzheitlich, weil sie das Phänomen ungeschieden in seinen essenziellen (allgemeinen) und akzidenziellen (besonderen)  erfasst. Aus dieser Ganzheitlichkeit können dann die allgemeinen Begriffe herausgefiltert werden.
  336. Breite und Zustand der Bürgersteige sagt etwas über die Stadt und über die physische und  psychische Gesundheit seiner Bürger aus.
  337. Bei mir stellt sich erst dann ein durchgehendes Wanderfeeling ein, wenn  wir mit leichtem Gepäck von Ort zu Ort wandern - und seien es nur einige Tage.
  338. In der Eigenbewegung bin ich real  mit allen Sinnen und allen Muskeln im Wald, in der Stadt, am See, was aber nicht heißt, dass der jeweilige Wald, Stadt oder See vollkommen in meinem Bewusstsein vorhanden ist. Das hängt ganz von meiner seelischen und geistigen Offenheit und Ausgerichtetsein ab. Die jeweilige Umwelt wirkt immer, auch wenn ich es nicht bemerke.
  339. Zumindest die materielle Welt wird allein über die Sinne vermittelt, wobei der Lagesinn, Kraftsinn und Bewegungssinn (kinästhetischer Sinn) im Erkenntnisprozess eigentlich die größte Bedeutung haben sollten, weil sie mit Abstand am wenigstens täuschungsanfällig sind. Zwar kommen die Informationen  zuallererst aus dem Körper, aber sie sind  das Ergebnis von körperlichen Auseinandersetzungen mit der äußeren  materiellen Umwelt.  Die Umwelt wird direkt in dem  sich bewegenden Körper abgebildet: Eigenbewegung vermittelt in der tiefstmöglichen Bedeutung  materielle Wirklichkeit.
  340. Aus der hier vertretenen Sicht ist die Eigenbewegung das Fundamentum der Begegnung mit  der jeweiligen Umwelt. Im Modus der Eigenbewegung werden Mensch und Umwelt  im Idealfall mit allen Sinnen und Muskeln  vermittelt. Sinne und Muskeln sind nie reine Sinne und reine Muskeln, sondern immer bereits von Geistigem in Form von Wissen, Können, Wünschen, Wollen durchdrungen, die wiederum von den durchgeführten Eigenbewegungen beeinflusst, ja neu entstehen können. Fazit: Ein Leben ohne Eigenbewegung ist ein reduziertes.  Und: von Motoren angetriebene Bewegungen sind keine Eigenbewegungen des Menschen, sondern Verhinderung seiner Eigenbewegung.
  341. Wer geht, respektiert  den Untergrund und kommuniziert mit ihm, wer fährt, ignoriert ihn und sorgt dafür, dass er im Zustand der Zerstörung verbleibt.
  342. Er hat während der olympischen Spiele zu lange  vor dem Fernsehapparat gesessen, so dass er jetzt heftige Rückenprobleme bekommen hat. Wäre er doch nur selbst ein Stück gelaufen.
  343. Es gilt, es zur Selbstverständlichkeit, zur Gewohnheit  werden zu lassen,  Strecken unter vier Kilometer "ohne inneren Dialog", gewissermaßen automatisiert, zu Fuß oder mit dem Rad, also im Modus der Eigenbewegung zurückzulegen.  Nach einer Zeit wird diese Art der Fortbewegung zu einer Quelle der Lebensqualität.
  344. Zwischen zwanzig Kilometer pro Tag Laufen, um den Energiebedarf der Sippe zu decken,   und durchgängig sitzender Lebensweise, sei es auf dem Autositz, Schreibtischstuhl oder Wohnsofa, gibt es eine dritte Position: fünf Kilometer zu  Fuß in der Alltagswelt zurücklegen (oder in Analogie dazu mit dem Rad).
  345. Innere und äußere Eigenbewegungen bilden eine Einheit, die je nach Tätigkeit verschieden akzentuiert ist.  Eigenbewegungen sind anspruchsvoller als Fremdbewegungen. Es gibt Anzeichen, dass die Eigenbewegung eine Renaissance erlebt, sei es als Akzentuierung Wandern oder als Akzentuierung anspruchsvoller, geistiger  Bildung.  Die populistische Forderung eines politischen Beamten aus meiner Region,  auf den Bau einige Radwege zugunsten von Investitionen in  Bildungseinrichtungen  zu verzichten, verkennt vollkommen diesen Zusammenhang.  
  346. Ein zehnjähriger Junge quält sich offensichtlich mit dem Rad, ohne abzusteigen,  den Berg hinaufzufahren und schafft es. Das war nicht umsonst. 
  347. Wenn das Rad erst einmal ganz selbstverständlich auf den alltäglichen Kurzstrecken genutzt wird, fühlt man sich fitter und wohler - und will auf diese Fahrten kaum noch verzichten" (aus einer Fahrradzeitung des ADFC). Das ist genau meine Erfahrung: Man muss aus seiner Eigenbewegung eine Gewohnheit machen. Seit Jahren gehe ich Strecken unter vier Kilometer prinzipiell zu Fuß und fahre mit dem Rad. Nicht für Geld würde ich in ein Auto steigen.
  348. In der technologisch geprägten Konsumwelt ist die Eigenbewegung das Fremde. Nur in der Form des Sports ist sie anerkannt. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass der Sport für Betreiber und Verwender große finanzielle Möglichkeiten bietet.  
  349. In der Philosophie wird Eigenbewegung oft als ein Existenzial bestimmt. Was passiert, wenn dieses Existenzial nicht mehr existiert?
  350. Eigenbewegung und "wirkliche" Wirklichkeit bilden eine untrennbare Einheit.
  351. In der lebendigen Natur bewegt sich alles. In der Eigenbewegung befinde ich mich zumindest körperlich in einem Naturzustand. Die Chance, dass Seele und Geist folgen, ist groß. 
  352. Der große Einwand: Er wurde 1911 geboren. Seine Kindheit und frühe Jugend verlebte er tobend, spielend, mit vielen anderen Kindern zusammen in einem beschaulichen Dorf.  Er sah alles und hat sich vieles von den Erwachsenen abgeschaut, denn nahezu alles war sichtbar. Eine ideale Kindheit? Oder waren da doch Verrenkungen und Schmerzen? Jedenfalls wurde er bereits in frühen Jahren Nazi.
  353. In der Eigenbewegung bin ich in der Endlichkeit, in der Begrenzung, darüber kann ich  mich  hier nicht täuschen.
  354. Eigenbewegung stärkt im doppelten Sinn das Selbstbewusstsein: Einmal "Das kann ich wirklich selbst, das kann mir keiner nehmen, da bin ich zufrieden mit mir", andererseits kenne ich dadurch meine Möglichkeiten und meine Grenzen.
  355. In technologischen Lebenswelten (ist das überhaupt noch eine Lebenswelt?) ist die Eigenbewegung in weiten Bevölkerungskreisen nur noch in  Form sportlicher Bewegung  anerkannt. 
  356. Bewegungen im Alltag ist ein realer Beitrag zur Nachhaltigkeit.
  357. Natürlich kann der Mensch nicht 16 Stunden am Tage auf den Füßen stehen, was auch ungesund wäre, er kann aber (und tut es immer häufiger)  16 Stunden am Tage sitzen, was übrigens auch ungesund ist.
  358. Auf dem Europäischen Kardiologenkongress in München fordern die Mediziner, die Bewegung in den Alltag zu integrieren, und empfehlen Treppensteigen statt Fahrstuhlfahren. Die naheliegende Aufforderung, zu Fuß gehen statt Autofahren, steht offensichtlich unter einem Tabu. 
  359. Seit einem Monat haben wir einen Handrasenmäher. Es dauert zwar etwas länger, aber es bringt schlicht Spaß: Kein Krach, kein Gestank, dafür die Schönheit der körperlichen Bewegung.
  360. Eine neue Situation  entsteht wesentlich nur durch die Eigenbewegung. "Wesentlich" deshalb, weil Körper und Geist aktiv sind. 
  361. Der Weeeeeeeg ist das Ziel. Die Länge des Wortes soll die entscheidende Bedeutung des Weges  spiegeln. 
  362. Die Insel Porquerolle vor Toulon ist be-wegt, nicht be-straßt, d. h. viele nur zu Fuß begehbare bzw. mit dem Rad befahrbare schmale Wege durchziehen die Insel. Deshalb sieht man nur aktive Menschen, sie suchen eben nicht die absolute Bequemlichkeit - und das ist gerade kein Verlust an Lebensqualität. Es geht also. 
  363. Innere und äußere Bewegungen kann man trennen, aber intensiv und effektiv sind sie meistens als eine Einheit. Sie befruchten und "helfen" sich dann gegenseitig.
  364. Du gehst zu Fuß und siehst von Gesamtlandschaft wenig, fährst du  Auto,  siehst du real gar nichts. 
  365. Man kann nur denken und fühlen, was man ist. Ein Leben im  Modus der Eigenbewegung oder im Modus der Fremdbewegung zeitigt zwei verschiedene Bewusstseine, so auch zwei verschiedene Bedürfnisstrukturen oder zwei verschiedene Problemlösungsstrategien. 
  366. In der Eigenbewegung kann man von der jeweiligen Umwelt viel explizit und implizit erfahren (man ist in der Welt), im Modus der Fremdbewegung erfährt man sehr wenig, es sei denn die  Erfahrung, dass man nichts lernt. Übrigens war es ein folgenschwerer Fehler der sprachlichen Entwicklung, die Ortsveränderung mit dem Auto als Fahren zu bezeichnen, ursprünglich war das Fahren ja ein Gehen (fahrende Studenten). Wenn diese ursprüngliche Bedeutung nicht wieder durchgesetzt werden kann, sollte man zumindest den Begriff "erfahren" durch  "er-gehen" ersetzen.
  367. Wenn man mit der Phänomenologie der Meinung ist, dass der unhinterfragbare und nicht analysierbare Anfang aller Erkenntnis das Phänomen und damit auch die Wahrnehmung ist, dann bekommt die Eigenbewegung auch entscheidenden erkenntnistheoretischen Wert. Warum? Weil das Phänomen erst in der Bewegung entsteht, nicht aus der Position der Statik. Zwar werden auch Phänomene in der Fremdbewegung  (z. B. während der Autofahrt) erzeugt, aber sie sind grundsätzlich von niederer Qualität.
  368. Der lebendige Körper und der lebendige Geist  bilden mit der Eigenbewegung eine untrennbare Einheit.  Fremdbewegung ist kein essentieller Teil des lebendigen Körpers und des lebendigen Geistes.
  369. In der Eigenbewegung  bin ich aus mir heraus selbst: Die aus dem sich bewegenden Leib aufsteigende Freude, Anstrengung,  Schmerz, Hinwendungen, aber auch Widerstände sind keine Täuschungen oder Ideologien.
  370. Nur der sich innerlich und äußerlich bewegende Körper hat Ausstrahlung, der Körper ist dann Leib.
  371. Ahme nicht den Zustand einer Leiche nach, indem Du Dich ständig bewegungslos transportieren läßt oder auf dem Stuhl vor irgendwelchen Geräten sitzt. Auch noch so teure Outfits  und Autos können nicht lange den Zustand des körperlichen und geistigen Verfalls kaschieren. Nein, Ausstrahlung, Wachstum, Fülle, Freude, Zufriedenheit entstehen nur in der Eigenbewegung. 
  372. Ich wußte nicht genau, was "Dinkel" ist, wollte es aber seit einer Woche wissen. Heute morgen habe ich mich endlich im Lexikon  informiert, d. h. ich mußte in Bewegung kommen, nämlich meine  Neugierde zu einem Entschluß formen und diesen umsetzen. Diese Aktivitäten bestehen alle aus inneren und äußeren Eigenbewegungen, die nur ICH, also kein Stellvertreter durchführen kann.
  373. Natürlich ist jede Eigenbewegung eine Einschränkung in Raum und Zeit. Geht man aber davon aus, dass jegliche Form von Leben und Erkenntnis überhaupt erst durch Grenzen, Ein- und Beschränkungen ermöglich wird, dann gewinnt Eigenbewegung einen unbestreitbaren Eigenwert. Um hier gleich einem berechtigten Einwand entgegenzutreten: Konkrete Grenzen dürfen  nur auf Zeit gelten, denn es ist ein Merkmal des Lebens, Grenzen zu verschieben. Insbesondere beim Gehen gibt es prinzipiell keine objektiven festen Grenzen, sondern hier sind sie ständig Setzungen des Gehenden. 
  374. Man muss wohl dem Konsummenschen die Schönheit der Eigenbewegung und der Naturbegegnung mit den Wörtern der Werbung wie "Schnäppchen", "Sonderangebot"  oder " kostenlos" schmackhaft machen, denn nur noch so sind sie ansprechbar.
  375. "Tankst du noch? Oder fährst du schon" oder "Ride against Global Warming - Mehr Fahrrad, weniger C02" (Initiativen vom ADFC  zusammengestellt).
  376. Der menschliche Leib ist die absolute Bedingung, mit der Welt in Kontakt zu treten. Aber der Leib ist immer ein sich bewegender, auch wenn das nicht immer explizit gesagt wird: Es gibt keinen bewegungslosen Leib. Das Transportiertwerden ist ein Hin zur Bewegungslosigkeit. 
  377. Körperliche und geistige Bewegungen bedingen einander.
  378. Es gibt eine Phase, in der man den Muskeln mißtrauen sollte, nämlich vor einer anstrengenden Tour im Modus der Eigenbewegung, sei es zu Fuß oder mit dem Rad. Fragt man sie nämlich, ob sie dazu Lust haben, antworten sie oft negativ, allerdings nach der Tour befragt, fällt die Antwort immer (!) positiv aus. Auch scheinen die Muskeln ihre Meinung zu ändern: Wenn ich jetzt - ganz im Gegensatz zu früher - ins Auto steige,  stöhnen und murren sie, weil ich ihnen nichts zutraue; ja sie sprechen sogar von Vergewaltigung. 
  379. Nur Subjekte sind zur Eigen- bzw. Selbstbewegung fähig.  Wer seine Subjekthaftigkeit bejaht, minimiert sein Bewegtwerden.  Abwesenheit von Selbstbewegung = Verlust des Subjektseins und damit unter fremder Kontrolle stehend. 
  380. Bezüglich der Eigenbewegung liegt heute eindeutig eine Unterforderung vor.
  381. Es lässt sich doch etwas bewegen in Richtung Selbstbewegung: Das Pariser Leihfahrrad "Velib" ist ein voller Erfolg. Etwa 3,6 Millionen Nutzer haben die robusten grauen Leihfahrräder per Tageskarte ausgeliehen, 200 000 Nutzer haben ein Jahres-Abonnement.
  382. "Spaß an der Bewegung ist Lebensfreude" (Reinhard Husen, Organisator des OstseeMan).
  383. Eigenbewegung ist eine Form des Dichtens: Subjektivität, Zweckfreiheit, Verdichtung der Gefühle und oft des Denkens wären einige Gemeinsamkeiten.
  384. Eine Situation ist eine Sinn-Konstruktion eines Subjekts, die von anderen Subjekten geteilt werden kann: Bestimmte äußere Elemente werden zu einer Sinneinheit integriert.  Ein Stadtviertel wäre beispielsweise eine Sinneinheit, wenn sie denn durch Eigenbewegung erschlossen und durch mannigfache Geschichten geistig fundiert wäre. Die bloße Straßenkarte und  das bloße Durchfahren schaffen noch keine Situation im lebendigen Sinn. 
  385. Vita activa heißt auch - und vielleicht zuallererst - Eigenbewegung.
  386. Ich denke, dass man jedes Wollen auch als eine  Sucht auffassen kann, so dass man eine niedere Sucht wie Autofahren nur durch  eine höhere, weiterbringende, stärkere  Sucht wie Eigenbewegung  zum Verschwinden bringen kann.
  387. "Energiesparen wird zur Pflicht" (Überschrift eines Zeitungsartikels): Eigenbewegung im Alltag wäre dazu ein Beitrag.
  388. Der Unterschied zwischen Gehen und Auto fahren verhält sich wie Struktur/Ziel zu Nuance/Vielfalt: ".....die Dinge sind, wie wir wissen, technisiert, rationalisiert, und das Besondere findet sich heute nur noch in den Nuancen" (Walter Benjamin nach Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans 2008, S. 93)). Und an gleicher  Stelle  Barthes selbst: "Die Nuance wird von  der heutigen Herdenzivilisation zensiert, verdrängt. Man kann sagen, dass sich die Medienzivilisation durch die (aggressive) Ablehnung aller Zwischentöne (nuances) definieren lässt."  Auch deswegen hat es die Eigenbewegung so schwer. 
  389. Um was geht es konkret? Dazu noch einmal Roland  Barthes: "Den morgendlichen Gang (zum Krämer, zum Bäcker, während das Dorf noch fast menschenleer ist) würde ich um nichts in der Welt  versäumen."  Eigenbewegung  ist gelebte Poesie. Erklärender Zusatz: Wenn hier von dem Besonderen gesprochen wird, sind damit  Eigenschaften von  primär alltäglichen Dingen gemeint, also nicht im Sinne von einmalig oder selten, Knappheit,  Event, ausgefallen, inszenierte Herausstellung usw. 
  390. "Von der eigenen Haustür (!,bm)  losgehen" ist das Motto einer Pilgerfahrt durch Schleswig-Holstein.  
  391. "Erst die Fußgänger verwandeln die von der Stadtplanung  als Ort definierte Straße in einen Raum" (aus einem kritischen Artikel zum Auto).
  392. Flensburgs Fußgängerstraße ist sehr schön neu gestaltet worden. Es  ist ein Genuß, in ihr einzukaufen. Wer noch ein Rest an Ästhetik in sich hat und noch ein Gespür für das besitzt, was man gemeinhin als Urbanität bezeichnet, müßte eigentlich jedes Motiv verloren haben,  in Zukunft die sterilen Einkaufzentren auf der grünen Wiese zu frequentieren.
  393. Die erneute Hinwendung in der Erkenntnistheorie und in der Literatur zum Subjekt entspricht der körperlichen Hinwendung zur Eigenbewegung. Auf eine Formel gebracht: Eigenbewegung ist die Rückgewinnung von Subjektivität. Autofahren wäre aus dieser Perspektive eine objektivierte Form der Fortbewegung, d. h. eine Fortbewegung, in der das Subjekt bis auf die Zielbestimmung keine konstituierende Funktion hat. 
  394. In dem Konzept der Eigenbewegung geht es um  das Selbstmachen  in dem Sinne, wie kleine Kinder es von den Eltern verlangen: "selber machen".  Heute hat die Technik die Eigenbewegung weitgehend ersetzt. 
  395. Ich fahre nicht selbst, sondern mein Auto fährt selbst. Aber ich selbst gehe. Vielleicht sind  das Gehen und das Radfahren  die zwei letzten Domänen der Selbstbestimmung.  Das Denken kann, muss aber nicht autonom sein.
  396. Es muss in Analogie zum Schauen Goethes auch eine spezifische, nichtintentionale Form  der Eigenbewegung geben. Eine Bewegung, die nicht vom Wollen des Subjekts, sondern von der Situation geleitet wird, um sie zu vernehmen.
  397. Aus der Eigenbewegung ist der menschliche Geist entstanden und wird von ihr ständig gespeist - wenn man sich überhaupt noch selbst bewegt.
  398. Gehen und mit dem Rad fahren verursachen keinen Lärm - übrigens auch Lesen nicht. 
  399. Eigenbewegung (in Grenzen natürlich) macht den Menschen nicht nur zufrieden, sondern auch schön (wobei diese Art von Schönheit nicht unbedingt die eins Models sein muss, sondern von anderer Art ist).
  400. Vieles, was man kauft, ist lebenswichtig, aber inzwischen kauft man vieles, was eigentlich nicht kaufbar ist, sondern nur durch eigenes Tun angeeignet werden kann. So kann beispielsweise Eigenbewegung nicht gekauft werden. Selbst die frechste und das Blaue vom Himmel versprechende Werbung hat sich bisher noch nicht erdreist, Eigenbewegung als Ware anzubieten. Übrigens ist Bildung auch nicht kaufbar.
  401. In Kultur stecken etymologisch  Landbau und  Pflege des Körpers und Geistes, also aktive Prozesse und nicht auf Knöpfe drücken oder ins Auto steigen.
  402. Zukunft für die  Menschen  und für die Erde ist nur dann möglich, wenn wir eine Kultur der Eigenbewegung entwickeln.
  403. Eigenbewegung gibt Festigkeit.
  404. Die Attraktivität des habituellen Fernsehens und Autofahrens besteht  neben der geistigen Anspruchslosigkeit auch darin, dass  diesen Tätigkeiten nahezu ohne muskuläre Betätigungen auskommen.
  405. Bei langandauerndem Gehen oder Fahrradfahren lernt man, mit Momenten der Schwäche umzugehen und eintretende Faulheit relativ leicht zu überwinden, so dass ein Transfer auf andere Situationen (oft, aber nicht immer) stattfindet.
  406. Beim Gehen entsteht die möglichst tiefste und intensivste  Aneignung der jeweiligen Umwelt. 
  407. Es kann gar nicht deutlich genug betont werden: Die Muskeln sind notwendig, aber nicht hinreichend für Eigenbewegung. Die Eigenbewegung reicht weit in die geistige Sphäre hinein. Wenn in den hier vorliegenden Gedanken sehr häufig, ja überproportional  die Muskeln thematisiert werden, dann allein nur deswegen, weil sie in der Praxis und Theorie  der Eigenbewegung als Einheit von Geist und Muskeln stark vernachlässigt werden. Die einseitige Konzentration auf die Muskeln lehne ich ab. 
  408. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die beim Betrachten eines Vorgangs innere Prozesse auslösen, der denen entsprechen, die aktiviert werden, wenn dieser Vorgang real abliefe. Die Spiegelneuronen   scheinen eine bedeutende Rolle für das Erlernen von Bewegungsabläufen zu spielen. d. h. Vorbilder werden wichtig und unverzichtbar. Die überwiegend sitzenden Erwachsenen sind ein schlechtes Vorbild.
  409. Mehrere Tage Wandern mit wenig Gepäck lehrt auch, zwischen wahren und falschen bzw. notwendigen und überflüssigen Bedürfnissen zu unterscheiden.
  410. "Den Körper vermittels einer rhythmischen Formel zu erregen oder zu beruhigen heißt, ihn in eine Natur einzubetten, ihn zu versöhnen, seine Abgetrenntheit aufzuheben, ihn zu ent-entwöhnen" (Roland Barthes). Das ist hier auf Literatur gemünzt, gilt aber gleichermaßen für längere Perioden der Eigenbewegung wie des Wanderns. Es dauert, bis diese "Internalisierung des Rhythmus" sich ereignet.
  411. Intensive und länger andauernde Eigenbewegung ist zumindest die beste Körpertherapie.
  412. In der Regel, soweit mir bekannt, thematisieren Körpertherapien von Carl Rogers bis Eugene Gendlin primär körperliche Beschwerden, hinter denen  unerkannte belastende Gefühle und seelische Blockaden stehen. Aber auch kann meiner Erfahrung nach schlicht Bewegungslosigkeit  die Ursache sein.  Wie auch immer, ich denke, dass es an der Zeit ist, sich nicht nur den  negativen, sondern auch den positiven Körpergefühlen zuzuwenden: Warum diese Leichtigkeit beim Laufen, warum so ruhig und tief atmen, warum sich im Sinne Nietzsches so behände fühlen, woher die Sicherheit, mit diesem Weg eine Einheit zu sein?
  413. "Das Wichtigste ist der Weg (Tao), das Fortschreiten auf dem Weg, nicht das, was man am Ende findet."  Wie kann man das bloß den habituellen Autofahrern plausibel machen?
  414. Der Strukturalismus hat die Einheit von Subjekt und Objekt auseinandergerissen und die so gewonnenen Objekte allein zum Gegenstand der Erkenntnisgewinnung gemacht. So wenn man beispielsweise die Wörter (die materiellen Zeichen) eines Textes alphabetisch. unabhängig von den Bedeutungen des Textautoren, neu ordnet.  Dazu schreibt Roland Barthes, einer der Väter des Strukturalismus, in seiner letzten Arbeit "Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität". Statt Subjektivität und Objektivität könnte man auch Eigenbewegung und Fremdbewegung einsetzen. 
  415. Durch intensive Eigenbewegung wird der Willen nachhaltig gestärkt, der auch in der geistigen Arbeit wirksam werden kann. Es bestehen also Transfermöglichkeiten.
  416. Ich schlage folgendes kleines Eigenexperiment vor: Du fährst den ganzen Auto, oder Du fährst den ganzen Tag mit dem Rad bzw. wanderst.  Am Abend bist Du in beiden Situationen total müde. Aber es sind zwei verschiedene Arten von Müdigkeiten, eine ausgelaugte und eine, die das Wissen um zukünftige Stärke enthält.
  417. Schlappheit, Bequemlichkeit und Fettleibigkeit sind bekanntlich nicht nur ein Problem von Kindern und Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen. Abhilfe von diesem Notstand durch Sport zu erhoffen, hat sich in der Vergangenheit nicht erfüllt und wird es auch nicht in der Zukunft.  Der Schwerpunkt der Gegenmaßnahmen kann und muss in der Eigenbewegung in Alltagswelten liegen, der Sport kann dabei flankierend in dem einen oder anderen Fall hilfreich sein, mehr nicht.
  418. Angesichts der hohen technologischen Ausstattung der Privathaushalte und der Arbeitsstätten wird es Zeit, dass zumindest achtzig Prozent der Bürger das Wort "Bequemlichkeit" als Handlungsbegründung aus ihrem Wortschatz streichen. Bequemlichkeit wird zunehmend kontraproduktiv.
  419. Jeder Akt des Willens ist nach Schopenhauer unaufhebbar auch eine Bewegung des Leibes. Was ist, wenn der Leib sich nicht bewegen kann, weil er wie im Auto gefesselt wird?
  420. Ich hatte drei relativ leichte Operationen hinter mir, war danach trotz Gegenmaßnahmen körperlich geschwächt und vor allem verunsichert. Sind nun eine Woche von Ort zu Ort jeden Tag etwas über zwanzig Kilometer gewandert. Es entstand eine partielle Einheit von Mensch und Natur in der Bewegung.  Das hat geholfen. 
  421. Die  Fortbewegungsmittel der Stadt sind Fuß und Rad, gegebenenfalls öffentliche Verkehrsmittel. Das Auto zerstört die Stadt. 
  422. Vielleicht vermittelt  intensive Eigenbewegung das tiefste und sicherste Gefühl und Wissen von sich selbst.
  423. Es geht um ein sinnvolles Verhältnis von Eigenbewegung und (technischer) Fremdbewegung.
  424. Die muskuläre und geistige Antiquiertheit des Menschen ist mit der Zerstörung der Erde direkt kausal verknüpft.
  425. In Zeiten hoher Ölpreise sollte man lieber Kräfte und Energien statt in sportliche Aktivitäten sinnvoller in Alltagsbewegungen investieren.
  426. Der Mensch ist die Summe seines Handelns (eine Form des Handelns ist die Eigenbewegung).  Man kann übrigens nicht nicht handeln, d. h. solange ein Mensch lebt, handelt er. Deshalb kommt alles auf die Qualität (und Quantität) des Handelns an, so, ob der Mensch ständig Auto fährt, vor dem Fernsehapparat sitzt, im Garten arbeitet, Kataloge wälzt, schwierige Texte liest, anderen Menschen  hilft, ......, all das macht den Unterschied aus. Zusammengefasst: Der Mensch schafft sich selbst. Zu dieser Selbstschaffung gehören auch, negative Bestimmungen und Einflüsse so weit es geht abzuwehren.
  427. Eigenbewegung ist  nicht ein abgeschlossenes Anfangsstadium oder einmaliger Anstoß, sondern sie muss ständig da sein, so dass sie zu einem Grund wird, der ständig auf den ganzen Menschen wirkt. Eigenbewegung ist ein Lebensprinzip, sie zu vernachlässigen heißt, das Leben beschädigen.
  428. Die Rückbesinnung auf Eigenbewegung ist auch eine Revolte gegen die gewaltsame Reduzierung der Welt und des Menschen auf ein vermeintlich rein Vernünftiges. Es geht um "die Wiederherstellung der dreifach-einheitlichen Welterschlossenheit aufgrund unseres noetisch-pragmatischen, poetisch-mythischen, numinos-religiösen Existierens  im ´Angang` der Dinge und Begebenheiten" (Wolfgang Janke).  Es geht um das menschliche Wohnen auf dieser Erde.  So gesehen ist Eigenbewegung i. e. S. notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für Überschreitungen. 
  429. Ein Ehepaar in mittleren Jahren erzählen wir in  einer Pension beim Frühstück, dass wir eine mehrtägige Wanderung von Ort zu Ort  machen. "Das stelle ich mir toll vor, aber das könnte ich nicht", bemerkt die Ehefrau, und er nickt zustimmend.  Welche innere Schere wirkt in ihren Köpfen und wer hat sie implantiert?
  430. Frühmorgens ruhig im Garten stehen oder mit dem Rad durch Schrebergärten zur Arbeit fahren - nur so finden Naturbegegnungen statt. Wer sich stattdessen ins Auto setzt, um eine kurze Strecke zu fahren, verzichtet auf Naturbegegnung und auf die Begegnung mit seiner eigenen Natur, er wird zu einem isolierten Objekt. 
  431. "Spazierengehen ist die einzig angemessene Fortbewegungsart, um eine Stadt zu erkunden. Besonders schön ist es auf der ´Traversee de Paris` - zwanzig Kilometer quer durch Frankreichs Hauptstadt" (FAZ v. 15. 5. 08).  Eine solche Route (oder mehrere)  mit entsprechenden Kennzeichen  müßte es in jeder Stadt geben, die sich auf Vieles  in ihren Mauern einbildet.
  432. Auf Eigenbewegung zu verzichten, heißt Aufgabe von Subjektsein und Autonomie.
  433. Beziehungen entstehen durch Handeln im weitesten Sinne. Oft liegen Handlungen, die eine bestimmte Beziehung konstituieren, in der Vergangenheit  und werden nicht erinnert, was zeigt, dass die Entstehungen von Beziehungen (oft) der Zeit bedürfen.
  434. Nur in der Eigenbewegung entstehen substanzielle Beziehungen zu den Dingen der Umwelt, die Gegenstände der Liebe, der Sorge und der Verantwortung  werden (können). Beziehungen  entstehen sofort, oft aber müssen sie sich in der Zeit erst entwickeln. 
  435. Die Dinge der Umwelt bilden ein Gedächtnis-System, aber nur wenn sie im Modus der Eigenbewegung "erfahren" werden. Autos und Fernsehen schaffen Gedächtnissysteme, die nichts oder sehr wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben
  436. Mimesis lebt von der Voraussetzung, daß die jeweilige Wirklichkeit zweifellos so ist, wie sie erscheint.  Auch in der Eigenbewegung lebt man in einer solchen Wirklichkeit.
  437. Die Wechselwirkung zwischen Muskeln und Geist muss ständig stattfinden.
  438. Wenn ich mich zu Fuß oder mit dem Fahrrad in öffentlichen Räumen bewege, bin ich ein wirkender Teil dieses Raumes, leiste einen Beitrag zu seiner Lebendigkeit.
  439. Das Konzept des "Shared space"  eröffnet für Fußgänger und Fahrradfahrer vielleicht die Chance, strukturell tatsächlich gleichberechtigt zu werden.
  440. Eigenbewegung ist der Anfang und die stetige Kreativitäts- und Kraftquelle aller Kultur. Das gilt für die Individualentwicklung (Ontogenese) als auch für die Gattungsentwicklung (Phylogenese). Daraus folgt, dass eine (eigen-)bewegungslose Kultur keine lebendige Kultur sein kann.
  441. Ich fahre morgens um Sechs mit dem Fahrrad  zum vier Kilometer entfernten Krankenhaus, um mich einer Operation zu unterziehen. Die Angst ist fast verschwunden.
  442. Aus einer Rückantwort: "Wir danken für die interessanten Gedanken über "Muskuläre Tätigkeiten ...". Das ist für mich eine neue, aber einleuchtende Sicht der Fortbewegung zu Fuß und per Fahrrad. Ich betrachtete die Mobilität bisher hauptsächlich von der Umweltbelastung her. Das führt zu Forderungen nach mehr Effizienz und Suffizienz. Das letztere hat einen negativen Anstrich, weil es mit Verzicht verbunden ist. Deine Ueberlegungen zeigen, dass man einer teilweisen Abkehr von der "Technik" zugunsten des menschlichen "Könnens" erstaunlich viele positive Seiten abgewinnen kann. Begriffe wie die "2000 Watt-Gesellschaft" oder die Verringerung des Ressourcen-Verbrauchs, wie es das Konzept des ökologischen Fußabdrucks nahelegt, erscheinen dann weniger einschränkend, was ja für deren Akzeptanz sehr erwünscht wäre."
  443. Zwei Kulturen: Der erste schöne Frühlingstag. Wir sind mit dem Rad ins Angeliter Land gefahren, der Freund hat seinen Wohnwagen aus dem Winterquartier geholt. 
  444. In den sich bewegenden Muskeln bilden die Muskeln die materielle, die Bewegung die geistige Dimension. Beide bilden eine untrennbare Einheit. 
  445. Stehenbleiben, zurückblicken, sich hochrecken oder sich bücken - diese Weltzuwendungen sind nur im Modus der Eigenbewegung möglich. 
  446. Wer auf Eigenbewegung verzichtet, trennt Seele vom Leib und Seele vom Geist bzw. umgekehrt.  In der Eigenbewegung bin ich zuallererst bei mir und in der Situation.
  447. Jeder sitzende Zustand oder jede Eigenbewegung findet in einer bestimmten Umwelt statt: Ich sitze im Auto, vor dem Fernsehapparat, im Gespräch, beim Lesen oder ich bewege mich auf dem Hometrainer im Keller, laufe im Wald oder gehe in die Stadt. Deswegen sollten wir schon  interessante und  reizvolle Umgebungen, wann immer es geht, bevorzugen.
  448. Ich gehe wie Merleau-Ponty von der Leiblichkeit des Menschen aus. Ein anderer Ausdruck dafür ist eben Eigenbewegung. Zum Leben gehört immer ein sich bewegender Körper, daraus folgt, dass man im Modus der passiven Fremdbewegung nur  noch eingeschränkt lebt.
  449. Lebendiges will sich ausdrücken, eine authentische Form des Ausdrucks ist die Eigenbewegung, in der Fremdbewegung drückt sich das gekaufte Auto aus.
  450. Im Zustand der Eigenbewegung ist der Mensch mit all seinen körperlichen, geistigen und seelischen Anlagen und Fähigkeiten ganzheitlich in der jeweiligen Umwelt, im Modus der Fremdbewegung ist er stark reduziert - Teilmensch.
  451. Eigenbewegung fördert Nachhaltigkeit, weil sie zumindest einen Teil der Ursachen des Klimawandels  und  der zunehmenden existenziellen Armut in der Welt beseitigt.  Im Bild: eine Autofahrt entspricht  einer bestimmten Menge Brot.
  452. Der sich bewegende Körper ist Ausdruck und Grundlage von Gesundheit. Oder: Wer sich nicht mehr selbst bewegen kann, ist krank, wer sich nicht mehr selbst bewegen  mag, hat ein psychisches Problem
  453. Eigenbewegung hat strukturell viel mit Natur, viel mit natürlicher Kraft  zu tun.
  454. Das etwas heruntergekommene, aber doch noch sehr schöne  Hotel aus dem vorvorigen Jahrhundert  hat im Eingangsbereich eine breite,  "herrschaftliche" Treppe, die bis in den vierten Stock führt. Es ist einfach ein Bewegungs- und Wahrnehmungsgenuss, sie zu benutzen. Aber fast alle Hotelgäste zwängen sich in den kleinen Lift, selbst diejenigen, die im ersten Stock ihr Zimmer haben.
  455. Sowohl in der Eigenbewegung als auch in der Fremdbewegung verändern sich mein Ich und mein  Körper, aber auch die Umwelt jeweils verschieden.
  456. Wir müssen die Beziehung zwischen  muskulären und geistig-seelischen Fähigkeiten uns viel  enger und aufeinander bezogener vorstellen als  bisher.
  457. Versuch eines Beleges bzw. Beweises, dass die muskuläre Tätigkeiten konstituierenden Einfluss auf Wahrnehmung, Denken, Gefühle, Werte und Wollen haben: Wenn ich denselben Weg per Fuß oder mit dem Auto - auch in der gleichen Geschwindigkeit - zurücklege, entstehen zwei verschiedene Wege bzw. Umwelten. Diese Differenz kann man nur mit Hilfe der Muskeln erklären.  Und: diese spezifischen Erfahrungen und Tönungen können durch nichts, auch  nicht durch technisch aufwendigste Simulationen, ersetzt werden. 
  458. Die Eigenbewegung ermöglichenden Muskeln sind auch eine Metapher für Leben und Lebendigkeit. 
  459. Im Modus der Eigenbewegung bemerke ich, dass die Dinge einen Eigenwert haben, die sich unserer gewissermaßen bemächtigen.
  460. Dieser tendenziell vollständige Verzicht auf Eigenbewegung heißt Aufgabe des  Menschseins. Die Muskeln sind Ursprung, Bedingung  und Vermittler  von Kultur. Es gilt, der Eigenbewegung eine wesentliche Funktion, nicht nur als Nischenfüller, im Lebensvollzug zuzugestehen.
  461. Während der Eigenbewegung will man den Dingen und sich selbst nahe sein -  und nicht Zeichen.
  462. Befindet man sich im eigentlichen Modus der Eigenbewegung, z. b. beim Wandern, ist man "in der realen Umwelt mit ihren vielfältigen Dingen und nicht in imaginierten Zahlen, Maßen und Gewichten.
  463. These: Wahrnehmen, Denken, Erinnern, Fühlen, Wollen sind zwar psychische Fähigkeiten, aber sie kommen aus dem Körper. Sie sind vom Ursprung und Können muskulär. Muskuläre und geistige Tätigkeiten  haben mehr Gemeinsames als Trennendes.  Lob den Hindernissen und Widerständen, die ich beseitigen kann. Dazu brauche ich Muskeln. Sie stehen für Aktivsein.
  464. Ich will so viel wie möglich selbst machen.
  465. Eigenbewegung ist gelebte Kultur und beruht auf Können.
  466. Durch Eigenbewegung kommen (wieder) Werte in Landschaften, Dörfer und Städte. 
  467. Für die  Eigenbewegung müssen Landschaften, Dörfer und Städte nicht verändert werden.
  468. In der Eigenbewegung entstehen rekonstruierbare Kontinua.
  469. Denken ist eine Form der Eigenbewegung.
  470. Mit der Eigenbewegung ist eine Art des Wahrnehmens und Denkens verbunden, die tief in der Menschheitsgeschichte eingelassen ist - und sich wesentlich vom Wahrnehmen und Denken beim Autofahren, Fernsehen oder Lesen unterscheidet.
  471. Nur in der Einheit von Eigenbewegung und Bildungserwerb in dieser Situation entsteht für beide Nachhaltigkeit. 
  472. Kognition ist ein sich bewegender  Prozess.
  473. Prof. Gerd Kempermann "Bewegt euch und ihr werdet klüger" in der FAZ v. 19. 3. 08: "Wenn adäquate intellektuelle Stimuli fehlen (die ein Käfiglaufrad jedenfalls nicht bietet), werden aus diesen aktivierten Stammzellen keine neuen Nervenzellen. Das Potential wird also nicht genutzt.  Man braucht mutmaßlich beides. Der Fernsehschirm vor dem Laufband im Fitness-Studio geht in die richtige Richtung, verkennt aber die Notwendigkeit der Aktivität auf kognitiver Seite."  Diese Aussagen begründen gehirnphysiologisch meine Forderung nach "Eigenbewegung in interessanten natürlichen, kulturellen und sozialen Alltagswelten", während Sport, von Mannschaftssport abgesehen, mehr der Bewegung in Käfiglaufrad nahe kommt. 
  474. Die Eigenbewegung ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung erfüllten Lebens: Hinzukommen muss eine interessante Umgebung, die geistig anregt.
  475. "Die Gehirne von Musikern sehen anders aus als die von Laien" - und  - alles spricht dafür - die von habituellen Autofahrern und Fernsehkonsumenten anders als die von Gehern oder Fahrradfahrern. Ich vermute, dass auch die jeweilige Umgebung der aktiven Fortbewegung Einfluss auf das Gehirn hat. 
  476. "Lieber jetzt anstrengen als später leiden" (aus einer Tageszeitung).
  477. Wenn es stimmt, dass die einst stummen Urmenschen für die Entwicklung der Sprache vermutlich einen Teil ihres Gehirns umgebaut haben, der die Bewegung steuerte, dann wäre meine Behauptung, dass Kognition und Gehen neurobiologisch gleiche Ursprünge haben, belegt.
  478. Eigenbewegung schafft elementare Bindungen zur natürlichen, sozialen bzw. kulturellen Umwelt und zu sich selbst.
  479. Sinngemäß sagt Thomas Hobbes (1588 - 1679), dass unser Gedankengang von Worten abhängt, die Wörter wiederum von der Einbildungskraft und diese wiederum von den Bewegungen der Körperorgane. Damit wäre eine (1!) plausible Erklärung für die von mir  vertretene Position der wechselseitigen Beziehung von Bildung und Eigenbewegung geliefert. 
  480. "Goethe reagierte geradezu allergisch auch auf die Einführung von "Apparaten", von Instrumenten, die sich zwischen den Menschen als erkennenwollenden Subjekt und Natur als Gegenstand seiner Neugier schieben. Er glaubte darin keine Erweiterung, sondern vielmehr eine Verengung der menschlichen Sinne und ihrer Wahrnehmungsfähigkeit zu sehen" (Ekkehart Krippendorf:  Goethe. Politik gegen den Zeitgeist).  Das Recht auf  und der Wunsch nach Eigenbewegung ist Ausdruck dieser Haltung.
  481. Sitzende Menschen bekommen Haltungsschäden. Ein Grund ist eine gestörte Wahrnehmung für den eigenen Körper.
  482. Bewegung mit Genuss". Noch  besser: "'Eigenbewegung ist Genuss".
  483. Der Zustand des Müdeseins entsteht entweder durch Überforderung oder durch Unterforderung. Letzteres dürfte heute die häufigere Ursache sein.
  484. Die Zeichen mehren sich, dass immer mehr Menschen und die Gesellschaft es begreifen, welche großen psychischen und körperlichen Schäden die sitzende Lebensweise mit sich bringen. Der Fernsehkonsum geht langsam zurück, hoffentlich auch der des Autogebrauchs.
  485. In funktionalen Alltagsbewegungen ist der Körper genau so wie im Sport beansprucht, aber er steht mental nicht im Mittelpunkt. Deswegen fallen hier die Eigenbewegungen leichter.
  486. In der Eigenbewegung erfahren wir auch Wirklichkeit, ohne das wir es bemerken oder vielleicht erahnen in Form von Sich-gut-Fühlen.
  487. Die Kultur beginnt mit körperlicher Arbeit, so dass  Kultur aus Natur entsteht. "Cultura" bedeutete ursprünglich Landbau. Körperliche Arbeit ist eine besondere Form der Eigenbewegung. Unser Körper bestimmt sind durch diesen Anfang bestimmt, sicherlich auch noch wesentliche Teile unseres Geistes und Seele. Das dürfen wir nicht vergessen.
  488. Ein Mensch ohne substanzielle Eigenbewegung  ist keine Ganzheit. In "whole" steckt übrigens das Moment des Heiligen.
  489. In der Eigenbewegung entsteht innere Ruhe - übrigens ist sie auch eine stille Art der Fortbewegung. Auch ist sie eine hohe Form des Selbstausdrucks.
  490. In der Eigenbewegung bin ich in (!) den Dingen, nicht vor, hinter, über oder gar jenseits von ihnen.
  491. Nerven- und Muskelgewebe konstituierend entscheidend körperliche und geistige Bewegungsabläufe, beide bedingen einander und ein optimaler Zustand ist erreicht, wenn jede von ihnen  im Zusammenspiel zu ihrem Recht kommt  (ausführlich in meinem Buch dargestellt). Nerventätigkeiten von der Wahrnehmung bis hin zum Denken können sich auf  Nahwelten, aber auch auf Fernwelten jenseits vorhandener Räume und gegenwärtiger Zeiten beziehen. Muskeltätigkeiten dagegen stehen für Gegenwart und konkrete Umwelten,  für das Realitätsprinzip, für Grenzen menschlicher Möglichkeiten, sie sind u. U. ein Korrektiv gegen wuchernde Phantasie. Beim Autofahren, Fernsehen oder Lesen sind Muskeltätigkeiten auf ein Minimum reduziert -  das ist ihr strukturell unaufhebbares Defizit.

  492. Denken ist internalisierte Eigenbewegung.
  493. In der Eigenbewegung können Selbstzweck, Fremdzweck und Zweckfreiheit zu einer guten Synthese gelangen.
  494. Beim Autofahren und  Fernsehen finden keine Verkörperung statt,  sondern Phantombewegungen laufen ab, d. h. man vermeint, sich selbst zu bewegen, tut es aber nicht.

  495. Die positiven Energien  der Eigenbewegung entfalten sich  in Alltagssituationen  und werden dort erst fruchtbar.

  496. Sich  morgens auf das Rad zu schwingen oder zur Bushaltestelle zu laufen, d. h. sich in der kühlen Morgenfrische zu bewegen, sind wunderschöne Erlebnisse. Den Abend  mit einem kleinen Spaziergang beschließen ebenfalls.

  497. Es ist ein verhängnisvoller  Fehler, Sport mit Eigenbewegung gleich zu setzen. Der Sport ist eine Teilmenge der Eigenbewegung. Der Sport ist eine Bewegung mit eigentümlichen Bedingungen und Zielen.
  498. "Bewegung in Alltagswelten fällt leichter! Amerikanische Untersuchungen sehen den Hauptgrund für Fettleibigkeit nicht in den Eßgewohnheiten, sondern im Bewegungsmangel. Um diesen Mangel zu beseitigen, wird immer zuallererst und oft allein auf die Notwendigkeit sportlicher Aktivitäten verwiesen. Das ist falsch, weil hier Eigenbewegung allein  auf Sport reduziert wird. Langfristig Sport durchzuführen, verlangt sehr große Willensanstrengungen. Viel leichter fällt es, in Alltagssituationen  entweder  zu Fuß oder mit dem Rad  zur Schule, zum Arbeitsplatz, zum Kaufmann oder ins Theater zu gelangen. Das ist ohne große Überwindung und Mühe zu verwirklichen, schont die Umwelt und dient der Gesundheit" (Leserbrief  im Flensburger Tageblatt).
  499. In der Eigenbewegung erreicht man zu sich selbst große Nähe, im Auto große Ferne.
  500. "Gehende Menschen verzweifeln nicht" (Jacques Réda)
  501. Die Sehnsucht nach Authentizität ist unbestritten da: In der Eigenbewegung ist man ihr nahe.
  502. Jede Tätigkeit kann von einer bewussten Zeitvorstellung begleitet sein, bei Alltagshandlungen dominiert die Zukunft, bei Gesprächen oft die Vergangenheit. Von der Zukunft und Vergangenheit eingeengt,  hat die Gegenwart fast kein Sein. Nur beim Gehen bzw. Radfahren ist man  gewissermaßen gezwungen, häufig in der Gegenwart zu sein, weil man aktuell auf seinen Körper und seine Umgebung reagiert. Aber man ist es auch dann freiwillig in der Gegenwart,  weil Geist, Seele und Körper vom Gefühl des Wohlseins und der Schönheit durchdrungen wird, die nur in der jeweiligen Gegenwart in ihrer ganzen Fülle wahrgenommen werden. 
  503. Eigenbewegung ist das wirksamste Mittel gegen Übergewicht. Lass das Auto stehen und gehe stattdessen. Übrigens belegen dies amerikanische Untersuchungen an ihren Landsleuten, denn durchschnittlich wird dort nicht mehr gegessen als früher, trotzdem steigt dort ständig das Körpergewicht. Manchmal hat man den Eindruck, dass dort (aber nicht nur dort) eine neue Menschenrasse entsteht.
  504. Fundamental lerne ich beim Gehen (und mit kleinen Einschränkungen auch beim  Radfahren), dass es nur auch mich ankommt, auf meinen Willen, auf meinen Körper, auf meine Freude und  nicht auf technische Ausrüstungen und Hilfen. Dieses Lernen vermittelt und stärkt das Bewusstsein von der Möglichkeit der Autonomie in der Ortsveränderung. So gesehen ist Eigenbewegung eine politische Kategorie mit der Kernaussage: Wir brauchen gar nicht so viele Sachen, wie uns tagtäglich eingeredet wird. 
  505. Eigenbewegung in Alltagssituationen ist ein Geschenk. Aber selbstverständliche Eigenbewegungen in Alltagssituationen finden weitestgehend nicht mehr statt. Sie  müssen wieder eingeübt werden. Ich schlage jedem Bürger vor, der auf das Auto konditioniert ist, in einem Selbstexperiment ein viertel Jahr auf das Auto in der Stadt zu verzichten. Ich garantiere, er wird nach vollendeter Zeit die Autosucht durch die Gehsucht ersetzt haben und aus dem Experiment wird eine lebenslange Lust.
  506. Vernachlässigt nicht den Weg, es gibt dort viel zu entdecken. Aber ihr müsst ihn gehen.
  507. Es regnet seit Tagen.  Endlich raffen wir uns auf, ziehen Regenkleidung an und laufen los. Nach zwei Stunden kommen wir zurück und unsere Stimmung ist eine helle geworden.
  508. Es ist - denke ich, der gerade Rembetiko hört - nicht angemessen, bei Musik nicht zu tanzen - wie gut auch immer. 
  509. Zuallererst ist Eigenbewegung - wie das Leben -  Selbstzweck. Sie ist an sich sinnvoll. Auf sie zu verzichten,  ist der Tod.  Menschen brauchen Eigenbewegung zum Leben wie Luft zum Atmen.  Erst sekundär darf man sie für Gesundheit, Sport, Arbeit,  Umweltschutz, Gesellschaftskritik usw. instrumentalisieren.  
  510. Eigenbewegung ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die  Stärkung des Geistes im traditionellen kulturellen Sinne.
  511. Nur in der Eigenbewegung und im (relativ) autonomen Denken kann  man zu einem selbstbestimmten Standpunkt gelangen. Hierzu  ist Freiheit vonnöten und unverzichtbar.
  512. Einige Gründe, Eigenbewegung im Alltag zu realisieren, also mit dem Rad oder zu Fuß einzukaufen, ins Theater zu gehen oder seine Bekannten zu besuchen:  a) man kann sich leichter selbst motivieren, denn die Ortsveränderung ist unmittelbar mit Sinn erfüllt (im Gegensatz zum Sport), b) es kann gleich ohne große Vorbereitungen losgehen, höchstens einen Mantel und andere Schuhe anziehen, c) man nimmt vieles mit allen Sinnen wahr, d) vielleicht gibt es auf dem Weg ein kleines Gespräch, e) es belastet die Umwelt nicht, f) es kostet nichts.
  513. Wenn man im Urlaub eine Wander- oder Fahrradtour macht, darf man nicht viel mitnehmen. Das fällt anfangs ziemlich schwer, später merkt man, dass man gar nicht mehr braucht - und trotzdem sehr glücklich sein kann. Idealiter transformiert man diese Einsicht auch auf das tägliche Leben.
  514. Die Forderung, den Körper und den Geist in anspruchsvoller Bewegung zu halten, ist auf Dauer gesehen leichter gesagt als getan. Bewegung löst Freude aus, ist aber auch mit Anstrengung verbunden. Am besten ist diese Forderung zu verwirklichen, wenn man die körperliche und die geistige Bewegung gleichzeitig (beim Spazierengehen sich Gedanken machen oder mit einem Partner angeregt unterhalten) oder zeitlich nur kurz verschoben durchführt. Wobei beide Tätigkeiten grundsätzlich die Flachheit, Oberflächlichkeit, Bequemlichkeit wie beim gewohnheitsmäßigen Autofahren oder Fernsehen meiden sollten.
  515. Geht man davon aus, dass die sogenannte objektive, messbare Zeit  letztlich eine Setzung ist, dann ist es kein Wunder, dass wir sie je nach Situation als äußerst präsent, aber auch als flüchtig, ja gar nicht wahrnehmen. Ihre Dauer ist schwer einzuschätzen, während der Arbeit mit dem PC vergeht sie schnell, im Warteraum des Arztes, wenn man sich nicht durch Lesen ablenkt, schnell. Beim Radfahren, Wandern oder Spazierengehen ist nach meinen Erfahrungen das Bewusstsein bzw. das Gefühl für Zeitdauer gewissermaßen quasiobjektiv, weil dieser Dauer  der  Zeit  mit dem sich bewegenden Körper vereint hat. In der Eigenbewegung ist man also in der Lage, die ge- und verbrauchte Zeit an seinem  Körper "abzulesen", muss sie sich also nicht nur im Bewusstsein vorzustellen.          
  516. Sich nicht bewegen heißt, einen wesentlichen Teil seines Lebens aufzugeben. Leben ist  sich bewegen. 
  517. Motorik und Kognition bedingen einander. Kognition ist eine Sonderform der Motorik. Eigenbewegungen sind das Fundament des Lernens. Eigenbewegungen  beeinflussen wesentlich nicht nur die Funktion, sondern auch die Struktur des Gehirns bezüglich seiner synaptischen Verknüpfungen. Mit anderen Worten: Eigenbewegung dient der Verbesserung der Gehirnfunktionen und dessen Strukturbildung. 
  518. Das Bewusstsein ist intentional, d. h. immer Bewusstsein von etwas. Dieses Etwas ist weitestgehend der jeweiligen natürlichen und kulturellen Umwelt entnommen. Das kann, muss aber nicht eine 1:1-Abbildung sein, da der Mensch sich auf Grund seiner Reflexionsfähigkeit zur Umwelt bejahend oder verneinend verhalten kann. Grundsätzlich wird das Wahrgenommene aber in der Mehrzahl bejaht. 
  519. Wenn es stimmt, dass die Inhalte des  Bewusstseins intentional sind und eine neurophysiologische Entsprechung haben, dann wird die jeweilige Umwelt zu einem wichtigen Faktor der neuronalen und geistigen Bildung. Konkret: Ob  ich auf dem Sportplatz allein meine Runden drehe oder ich gehe durch reizvolle Landschaften und Siedlungen, macht  die Differenz aus. Die Frage ist, ob die durch körperliche Bewegungen entstandenen synaptischen Verknüpfungen mit denen, die durch kognitive Leistungen entstanden sind, identisch oder teilidentisch sind. Die vollkommene Trennung des kognitiven vom motorischen   System ist offensichtlich von den Befunden nicht mehr zu begründen.       
  520. Historisch und global gesehen hat es niemals eine Zeit gegeben, in der so viele Menschen eine sitzende Lebensweise verwirklichten, in der Regel nicht erzwungen, sondern gewollt und bejaht, so dass der Körper tendenziell keine gesellschaftliche sinnvolle Funktion mehr hat. Er wird unnötig, funktionslos, überflüssig, hinderlich, verfettet  und kann nur noch halbwegs als Objekt großer sportlicher und ästhetischer Anstrengungen existieren. Die vielfältigen negativen Folgen dieser  Antiquiertheit des Körpers insbesondere im psychischen Bereich sind meines Erachtens erschreckend, werden aber weitestgehend in der wissenschaftlichen bzw.  öffentlichen Diskussion und in der Selbstreflexion ausgeblendet.   
  521. Der sich bewegende Leib ist eine wesentliche Quelle unserer Identität und unseres Glücks.
  522. Im Vollzug der Eigenbewegung entsteht Energie, erhöht sich das Energiepotenzial. Ob diese Energie für gute oder schlechte Zwecke (direkt oder sublimiert) genutzt wird, ist die entscheidende folgende  Aufgabe. 
  523. Ich teile nicht die neurophysiologische Position, dass das Gehirn die geistigen Leistungen (vollkommen) determiniert, denke aber, dass das Gehirn einen ungleich größeren Anteil an geistigen Leistungen hat, als die traditionellen Geisteswissenschaften behaupteten oder (wie übrigens ich auch) vermuteten.  Das Gehirn ist als Teil unseres Körpers direkt mit der jeweiligen Umwelt verbunden, ja bildet eine Einheit mit ihr. Die Umwelt bedient  idealiter alle Sinne, also nicht nur das Sehen und Hören, sondern auch das Schmecken, Riechen und Fühlen. Befindet sich der Mensch im Modus der  Eigenbewegung, kommen noch Gleichgewichtssinn und der kinästhetische (Bewegungsempfindung) Sinn hinzu. Auch gehe ich von einem Sinn für Atmosphären aus. Eigenbewegung in reizvollen Umwelten gibt dem Gehirn ein Optimum an Reizen, Sitzen in reizarmen  Umgebungen  gibt dem Gehirn ein Minimum an Reizen.  Der mögliche Einwand beispielsweise, Fernsehsendungen von Landschaften mit ihren Tieren, Pflanzen und romantischen Dörfern und Städten wäre doch ebenfalls reizvoll, sticht nicht, weil diese Bilder auf dieser Analyseebene keine Bilder, sondern  verschiedene Lichtwellen sind, die der Fernsehapparat aussendet. Die Reize, die eine Landschaft aussendet, sind  grundsätzlich von denen verschieden, die ein Bild aussendet.
  524. Fußgänger und Fahrradfahrer müssen die Fähigkeit haben, autofreie Schleichwege zu entdecken, damit die Schönheit der Eigenbewegung voll zum Tragen kommt. 
  525. Und es ist gut, auf eigenen Füßen zu laufen!! (aus einem Brief eines Freundes)
  526. Eigenbewegung in größeren Ausmaßen gibt es nur noch im Sport, im Alltag wird sie immer weiter zurückgedrängt und durch technische Apparaturen ersetzt bzw. überflüssig gemacht.
  527. Move your body not your car (eine leicht umgewandelte Aussage eines amerikanischen Freundes)
  528. Ich halte es nicht nur für falsch, sondern sogar für gefährlich, Eigenbewegung auf Sport zu reduzieren. Aber nahezu in allen Massenmedien wird Bewegung mit sportlicher Betätigung gleichgesetzt. So oder ähnlich heißt es dann: “Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass sportliche Aktivität den Alterungsprozess verlangsamt.” Die Aufforderung, täglich einen einstündigen zügigen Spaziergang zu machen, ist in jeder Hinsicht einfach (auch mental) zu realisieren und in unserer Gesellschaft eigentlich auch ein bekanntes und lang bewährtes Vorgehen. Jedenfalls bekomme ich in meiner Verwandtschaft keinen der älteren Menschen dazu, in einen Sportverein zu gehen oder im Trainingsoutfit zu joggen, dann bleiben sie garantiert zu Hause im Sessel sitzen. Aber die Aufforderung, zu Fuß zu gehen, hätte die größte Erfolgsaussicht, umgesetzt zu werden.
  529. Ich denke, dass ich mich meiner selbst aus drei verschiedene Binnenperspektiven versichern kann: a) In einem vorbegrifflichen, gefühlten, intuitiven Zustand bin ich mir sicher, das ich es bin, der dort denkt, fühlt und handelt. Diese Perspektive kann man mit intuitivem Selbstbewusstsein bezeichnen. b) Ich bin mir selbst als Objekt bewusst, d. h. ich habe Vorstellungen und Begriffe von mir, die ich durch eigene Erfahrungen mit mir selbst und durch Bedenken meiner selbst im Laufe meines Lebens angesammelt habe. Diese Perspektive kann man mit rationalem Selbstbewusstsein bezeichnen. c) Wenn ich Beschreibungen über mich von Ärzten, Prüfungen, Gesprächspartnern , also von anderen, übernehme und annehme, dann kann man diese Perspektive mit internalisierter Fremdzuschreibung bezeichnen. …. Im Zustand der Eigenbewegung stärke ich insbesondere das vorbegriffliche, gefühlte, intuitive Selbstbewusstsein (a), das auch  eine ich-stärkende, ja selbsttherapeutische Dimension hat. Zumal am Zustandekommen dieser Art von Selbstbewusstseins nicht allein Seele und Geist, sondern auch der sich bewegende Körper konstitutiv beteiligt ist, wobei dieser Körper wiederum konkret direkt und indirekt mit anderen organischen und anorganischen Körpern in Beziehung steht. Es besteht Ganzheitlichkeit.
  530. Im Modus der Eigenbewegung bilden Sinnlichkeit, Gefühl, Verstand, Vernunft und Wille eine nicht auflösbare Einheit.
  531. Bildung und Eigenbewegung bedingen einander.
  532. Amerikanische Firmen entdecken, dass es viel produktiver und angenehmer ist, die wenigen Schritte zum anderen Schreibtisch zu gehen und die Fragen direkt zu besprechen, statt sich ständig über E-Mails auszutauschen. Sind das die ersten konkreten Schritte eines Wandels in Richtung humaner Kommunikation, wo Menschen unvermittelt auf Menschen treffen?
  533. Der Weg ist für die Selbständigkeit des Menschen ambivalent einzuschätzen: einerseits gibt er Orientierung, andererseits schließt er alles aus, was nicht am Wege liegt. Ich favorisiere nicht die Weglosigkeit, sondern benutze nur in Notfällen Wege, die keine Erfahrungen ermöglichen oder die zerstörerisch wie Autobahnen sind. Letztere zerstören oft zusätzlich das Ziel, z. B. die Stadt, wohin sie führen.
  534. Im Erkenntnisprozess sind zwei verschiedene Quellen der Sinnlichkeit wirksam: a) der materielle Gegenstand und b) der materielle Leib des Erkennenden. Geht man davon aus, dass es keine Materie ohne Bewegung und keine Bewegung ohne Materie gibt, dann befindet sich auch das erkennende Subjekt immer in Bewegung - allerdings ist der Spielraum der Bewegungen sehr unterschiedlich, er reicht vom Herzschlag des Sitzenden bis zum Marathonläufer. In der Eigenbewegung werden beide Quellen der Sinnlichkeit gleichzeitig gestärkt.
  535. Unser Gast erklärte sich bereit, einige Stücke auf der Geige zu spielen. Plötzlich war der Raum festlich erfüllt und ausgefüllt. Eine Fülle, die ich nicht mit Worten angemessen treffen kann. Ähnlich verhält es sich mit der Eigenbewegung: Wenn ich laufe , bin ich von mir und der Welt erfüllt - eine Zustand, der nicht zu übertreffen ist
  536. Wir haben in unserer Nähe ein Lebensmittelgeschäft von mittlerer Größe, wie man sie immer noch in einigen Stadtteilen findet. Aber sie sind gefährdet, denn die Mehrzahl der Bewohner dieser Stadtteile kauft nur noch in Großmärkten. Wie auch immer, wir jedenfalls nicht - allein schon aus Zeitgründen: zu Fuß sind es fünf Minuten, mit dem Rad zwei. Wenn viel eingekauft wird, nehmen wir das Rad - also auch vom Tragen her keine Probleme. Zumindest unterm Strich wird es auch nicht teurer.
  537. “The average American walks less than 75 miles a year - about 1, 4 miles a week, barely 350 yards a day” (Bill Bryson in “A Sedentary Nation”). Ein yard entspricht 0,914 Meter.
  538. Das Wort “Bürgersteig” verweist auf eine Blüte der Eigenbewegung. Heute sind die Bürgersteige weitgehend unbegangen, denn die Bürger sitzen in den Autos. Wer das für übertrieben hält, gehe durch unsere Städte, insbesondere Vorstädte.
  539. Der moderne Mensch - natürlich statistisch gesehen - traut sich körperlich nicht mehr viel zu. Diese Einschätzung ist nicht nur eine Selbsteinschätzung, sondern wird von allen gesellschaftlichen Gruppierungen geteilt und zur wahren Norm erhoben.
  540. “Nur wo man zu Fuß war, war man wirklich” (Wer kennt den Autoren?)
  541. Der Mensch kann viel mehr als in der Selbst- oder Fremdzuschreibung für möglich gehalten wird, z. B. einen zwei Meter hohen Weihnachtsbaum fahrend mit dem Rad vom Markt nach Hause zu transportieren. Es entsteht übrigens aus mehreren Gründen ein gutes Gefühl.
  542. Mein sich innerlich und äußerlich bewegender Körper unterliegt ständig den Einwirkungen anderer Körper (Klima, Dinge, mit denen ich mich in direktem Kontakt befinde). Grundsätzlich gilt: Je bewegter ich bin, desto mehr Einwirkungen auf mich, die wiederum mein mentales Bild von der Welt grundieren und ständig beeinflussen.
  543. Fußgänger begegnen sich, Autofahrer fahren aneinander vorbei.
  544. Aus einer Anzeige für eine gute Sache: “Und immer gibt es noch Millionen Menschen, die nicht laufen können.” Hinzu kommt, dass es bereits Milliarden Menschen gibt, die nicht mehr laufen wollen.
  545. “Alles ist vereinzelt” (Rilke). Eigenbewegung schafft Beziehungen zu Dingen, Pflanzen, Tieren, Menschen, Kultur.
  546. Im Modus der Eigenbewegung lernt, übt und realisiert man elementar aktiv zu sein und selbstverantwortlich zu handeln.
  547. Eigenbewegung bildet das Fundament der Subjektivität. Durch Eigenbewegung versichert man sich seiner selbst. Die Eigenbewegung ist der Anfang von allem, sie ist das unhintergehbare konkrete Apriori.
  548. Recht bedacht und angewendet, ist Eigenbewegung eine politische Kategorie.
  549. Mimesis ist die Grundfähigkeit allen Lernens. Was passiert, wenn ein Kind in seiner Umgebung keine handelnden Kinder und Erwachsene mehr sieht, sonder nur noch sitzende Menschen im Auto und vor Bildschirmen? Die Gefahr, dass es lesende Menschen sieht, ist heutzutage gering.
  550. Erst stirbt die Eigenbewegung, dann die Bildung.
  551. Durch Eigenbewegung erhalten wir unseren Körper, über Eigenbewegung erhalten wir einen Teil unserer Natur, durch Eigenbewegung nehmen wir autonom wahr, über äußere Bewegung (Eigenbewegung) und innere Bewegung (Reflexion) kann man, wenn man es denn will, der jeweils dominierenden Weltanschauung entkommen. Das wäre heute der Konsumismus.
  552. Im Wort “Motivation” ist “Bewegung” enthalten. Aus der Bewegung entsteht eine Motivation. Zwischen Bewegungs- und Motivationsmangel besteht eine Korrelation. Man merkt es, wenn man “herumhängt”.
  553. “Meine Gedanken schlafen, wenn ich sie hinsetze. Mein Geist bewegt sich nicht allein, wie wenn die Beine ihn in Schwung setzen” (Montaigne).
  554. Muße ist kategorial etwas anderes als Faulheit und Bequemlichkeit. Bequemlichkeit verhindert Autonomie, Subjektentwicklung und ist ein Gegner der Eigenbewegung.
  555. Mehr Fuß- und Radwege - das wäre schon etwas.
  556. Der Mensch ist mehr als ein sitzender Wahrnehmungsapparat.
  557. Die mich umgebende Umwelt fließt unfiltriert über die Sinnesorgane in meinen sich bewegenden Körper. Nur ein Bruchteil dieser Einflüsse nehme ich bewusst wahr. Bei der Bildwahrnehmung dagegen ist der Einfluss des Bildes und der bewusssten Wahrnehmung nahezu identisch. Der Fehler besteht darin, dass man die bewusste Wahrnehmung absolut setzt und damit die nicht wahrgenommenen Einflüsse, die in der Regel sehr groß und vielfältig sind, nicht schätzt. Eigenbewegung setzt sich dieser ganzen Wirklichkeit aus und das ist einer ihrer großen Gewinne.
  558. Entscheidend ist die internalisierte Bewegungsstruktur, über die man verfügt: Eigenbewegung oder Fremdbewegung. Innerhalb der Stadt gehe ich grundsätzlich zu Fuß, fahre mit dem Rad oder nehme den Bus. Nur wenn ich krank bin, nehme ich das Auto.
  559. Sinnlich Gegebenes vermittelt objektiv bloße Unterscheidungen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Verstand ist an dieses sinnlich Gegebene gebunden. Ansonsten kann er nach eigenem Gutdünken dieses Gegebene in unterschiedlich Allgemeines, d. h. Begriffe einbetten. Dieser sinnliche Anteil verbindet den Menschen mit der Welt. Verzichtet er auf Eigenbewegung, verzichtet er auf diese Welt.
  560. Wenn Du unabgeschirmt in der natürlichen Umwelt bist, wirkt diese auf Dich objektiv ein, unabhängig davon, ob Du sie wahrnimmst oder nicht, ob Deine Gedanken in ihr oder anderswo sind. Wir müssen also streng zwischen physiologischer und psychischer Ebene unterscheiden. Aufforderung: Geh in natürlichen Umwelten spazieren, bewege Dich dort. Gleiches gilt für Kinder. Die Wahrnehmung eines Filmes vom Wald im Sessel ersetzt nicht den wirklichen Wald, den man im Modus der Eigenbewegung durchwandert. Übrigens steckt in Wirklichkeit Wirkung.
  561. Das Gemeinsame von Eigenbewegung und Bildung besteht in der Lebendigkeit, im Modus des Seins (im Sinne von Erich Fromm, Fremdbewegung wäre in diesem Kontext “Haben”).
  562. Nur in der Eigenbewegung werden Bewegungsstrukturen erlernt und modifiziert - wie Bildung immer Selbstbildung ist.
  563. Nach der Santiago-Theorie wird Wirklichkeit durch die verkörperten Erfahrungen eines Organismus hervorgebracht. Verkörperte Erfahrungen beruhen immer auf der Einheit von Sinnlichkeit und Eigenbewegung.
  564. Nur im Tode gibt es die materielle Einheit von Mensch und Umwelt. Aber es gibt verschiedene Modi der Nähe und Ferne. Hier gibt es nur zeit- und situationsabhängige Optima. Ich denke, die Eigenbewegung ermöglicht eine optimale Beziehung zwischen Mensch und Umwelt. Das ist nicht sozialromantische Authentizitätsträumerei, sondern erfülltes Leben im wortwörtlichen Sinne.
  565. In der Eigenbewegung ist der Weg, wenn ich ihn denn wahrnehme, potentiell vierdimensional, in der Fremdbewegung wird er zur Linie - genau, wie der Raum in Straßenkarten reduziert wird.
  566. In der Eigenbewegung verändere ich äußerlich meine Position, innerlich mein Bewusstsein, u. U. mein Wesen.
  567. Das Kleinkind krabbelt rückwärts die Treppe runter. Es probiert, es schaut, es denkt ständig offensichtlich nach, holt sich Bestätigung von Erwachsenen. Es befindet sich in seiner Eigenbewegung. Man vergleiche diese Situation mit der im Auto, wo er auf dem Rücksitz in einem Gestellt gefesselt ist.
  568. Eigenbewegung ist eine Quelle flexiblen Denkens und Fühlens.
  569. Schlechte Laune beruht häufig auf körperliche Verspannungen: Bewege Dich selbst, die dunklen Wolken werden verschwinden.
  570. Das Wissen von der Welt, das ein Mensch hat, ist durch sein Handeln im weitesten Sinne, nämlich durch Eigenbewegung entstanden. Ohne Eigenbewegung keine Welterfahrung.
  571. Über Eigenbewegung mache ich bestimmte Erfahrungen, die nur durch Eigenbewegung zu erlangen sind. Was ist mit bestimmten Erfahrungen gemeint? Damit sind über Eigenbewegung ermöglichende sinnliche Empfindungen gemeint, die man ausschließlich im Modus der Ersten Person Singular machen kann. Diese Empfindungen sind noch nicht vom Verstand in Form von Begriffen und Relationen bestimmt, es handelt sich um reine Sinnlichkeit, die wiederum direkt, unvermittelt das Empfundene, also Welt, “ist”. Dazu ein Beispiel: Ich nehme vorbegrifflich zwei farblich verschiedene Oberflächen wahr. Weil vorbegrifflich, kann ich sie noch nicht als weiß und schwarz identifizieren, aber ich bin ganz sicher, dass dort ein Unterschied besteht und jeder von ihnen eine unverwechselbare Qualität besitzt. Dieser Unterschied ist objektiv vorhanden. Diese vom Verstand unbearbeitete Sinnlichkeit ist Welt, sie verbindet mich zumindest mit der außer mir seienden (Um-)Welt. Diese Welt ist keine Einbildung, kein Phantasiegebilde, keine Sinnestäuschung, keine Fata Morgana. Aber wenn ich diese Sinnlichkeit bedenke, von ihr spreche, ist sie nicht mehr “rein”, sondern von meinem Verstand bestimmt. Und diese Bestimmung durch den Verstand - das ist jetzt der entscheidende Punkt - ist im allgemeinen Bewusstsein derart dominierend, dass die Sinnlichkeit zunehmend sinn- und wertloser wird. Der Beleg für diese Einschätzung ist der Siegeszug des Ersatzes, so z. B. in Form von Bildern: Es wird nicht mehr bemerkt, dass die sinnliche Empfindung, die ein Baum bewirkt, eine ganz andere ist als die eines Photos dieses Baumes. Im letzteren Fall bewirken Papier und gestaltete Farbpartikel die gedankliche Vorstellung eines Baumes. Sie sind die reale Welt. Man glaubt zunehmend, dass dieser qualitative Unterschied vernachlässigenswert sei, weil Original und Ersatz die gleiche Vorstellung bewirken.
  572. Die reine Sinnlichkeit, die durch sie vermittelte Welt, ist das grundlegende Material, das vom Verstand bearbeitet wird. Wahre Erkenntnis abstrahiert nicht von ihr, sondern nimmt sie in ihrer konstituierenden Wirkung ernst. Eigenbewegung in natürlichen, sozialen und kulturellen Umwelten ist mit Natur, Menschen und Kultur eins, Bewegung im Auto ist mit dem Auto eins.
  573. Nach Baumgarten (in seiner Metaphysica von 1739) vermag sich eine natürliche Begabung eines Menschen nicht einmal für kurze Zeit auf derselben Stufe halten. Wenn daher ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht durch fortwährende Übung gehoben werden, sinken sie um einiges ab und erlahmen (vgl. S. Majetschak, Ästhetik). Baumgarten bezieht sich hier auf Sinnvermögen, Gleiches gilt aber sicherlich auch für die Eigenbewegung.
  574. Wenn man zu Fuß durch die Straßen geht, sollte man möglichst die linke Straßenseite benutzen, so dass die Autos einem entgegenkommen. Warum? Man atmet etwas weniger Abgase ein.
  575. Zu Fuß gehen ist die fundamentale und originäre Weise der Fortbewegung des Menschen. Wir sollten unseren gesamten Bewegungsapparat so oft wie möglich nutzen - und nicht umstandslos aufgeben. Eigenbewegung ist der Urzustand des erfüllten Lebens. Fülle entsteht nur durch körperliche und geistige Eigenbewegung - nicht durch Stehenbleiben bzw. - wie im Auto - Sitzenbleiben.
  576. In der Eigenbewegung des Neugeborenen und in den folgenden Jahren wird das Fundamentum für Eigene-Wege-Gehen, einen Anfang-Setzen und Etwas-Beenden, für Wollen, für Ausdauer, für Kreativität, für Denken und Fühlen gelegt. Werden die Eigenbewegungen, von denen aus sich diese Ausprägungen entwickelt haben, nicht ständig aktiviert, verkümmern und verändern sich auch die Ausprägungen.
  577. “Ich lebe, wenn ich gehe.” Ein junger Vater mit seinem Sohn beim Spazierengehen, bekleidet mit Regenzeug und Gummistiefeln, denn es regnet leicht.
  578. Wer sich selbst bewegt, besitzt noch eine ungebrochene Neugierde.
  579. Es gibt nicht wenige Orte und Situationen, die man nur durch Eigenbewegung aufsuchen kann.
  580. Man muss Natur und Eigenbewegung gar nicht metaphysisch begründen, vielleicht überfrachten, Es genügt allein der evolutionäre Blick, der zeigt, dass unser Körper schlicht an Natur angepasst und auf Eigenbewegung angewiesen ist. Richtig ist, dass diese Anpassung und dieses Angewiesensein sich allein auf seinen “materiellen” Anteil bezieht, während er im geistigen sehr wohl frei entscheiden kann - begrenzt auch bezüglich einer natürlichen Lebensweise.
  581. Erst über Eigenbewegung erschließt sich sinnlich die Schönheit des eigenen und fremden Lebens.
  582. “Ein Wesen ist der Mensch, kein Projektil. Der Radtourismus erlebt einen Boom. Doch es ist kein modischer Trend, sondern eine Rückbesinnung der Gesellschaft auf den Reiz des Unterwegsseins - ein Loblied auf die Schönheit der Langsamkeit zum Ende der Saison” (Gerhard Fitzthum in FAZ vom 1. 11. 07).
  583. Bildung ist letztlich immer Selbstbildung. Dazu in Analogie: Echte Bewegung ist immer Eigenbewegung.
  584. Wirkliche Welt ist die dynamische Einheit von Subjekt und Welt. Also auch das Subjekt muß sich bewegen und nicht bewegt werden.
  585. Wenn die zeitliche Reihenfolge “Ich sehe einen Löwen” - “Ich laufe weg” - “Es entsteht das Gefühl der Angst” lautet, also das Gefühl eine Folge der Eigenbewegung ist und nicht umgekehrt, dann muss der moderne Mensch zunehmend gefühllos werden bzw. zunehmend über frei flottierende Gefühle verfügen.
  586. Der Anfang ist wichtig: Wenn ich mich zu Fuß auf den Weg mache, muss ich weiterlaufen, wenn ich erst einmal mich ins Auto setze, muss ich weiterfahren.
  587. Eigenbewegung erweitert die Möglichkeit von Erfahrungen: Das achtjährige Kind und die achtundachtzigjährige Dame aus unserer Straße kommen mir entgegen. Ich sage: “Mir kommen zwei Schulkinder entgegen”. Die Dame schmunzelt und fragt: “Und wohin geht das dritte Schulkind (achtundsechzig)?”.  Das ist ein Glücksfall, denn in der Regel sind die Straßen menschenleer, wenn man die in den Autos sitzenden einmal ausklammert. Eine andere Situation: Bei uns in der Nähe gibt es Äpfelbäume, keiner kennt sie, weil man dort nur zu Fuß vorbeikommt. Seine Äpfel schmecken besser als die im Supermarkt gekauften.
  588. Der Fußgänger oder der Radfahrer bewegt sich in den autodominierten Straßen von der Luft und Lärm her gesehen in einer Mülllandschaft.
  589. Ein langer Spaziergang durch eine herbstlich gestimmte Landschaft, kann von keiner Schnäppchenjagd - und sei sie noch zu erfolgreich- übertroffen werden
  590. Meine Differenz zu der großen Mehrzahl gegenwärtiger Bewegungsbefürworter auf den Punkt gebracht: Jörg Blech (und entsprechende andere Autoren) beschreiben die direkten Folgen der (Eigen-)Bewegungslosigkeit auf die Sich-nicht-Bewegenden. Ich dagegen untersuche primär in überwiegend phänomenologischer Vorgehensweise die Folgen der (Eigen-)Bewegungslosigkeit auf die soziale, kulturelle und natürliche Umwelt und dann natürlich sekundär deren negativen Auswirkungen auf die Sich-nicht-Bewegenden. Das scheint offensichtlich eine Perspektive zu sein, die im heutigen Diskurs nicht anschlussfähig ist, weil an zentrale Tabus der gegenwärtigen Gesellschaft (so das Auto) gerührt wird.
  591. Man kann wie David Hume Freiheit als Abwesenheit von äußerlichen Hindernissen bei einer Bewegung verstehen. Aber dabei ist immer Materielles im Spiel, das konstruktiv die Eigenbewegung erst ermöglicht und als positiv empfunden wird.
  592. Die Altstadt von Nafplion belegt es: Auf einem Gebiet von ca. 900 x 400 Meter können alle Grundbedürfnisse des Menschen nach Konsum und Kommunikation problemlos zu Fuß realisiert werden. Von der Peripherie gehen Busse in alle Richtungen, so alle halbe Stunde nach Athen.
  593. Der “motorenfreie” Syntagmatos-Platz in Nafplion ist eine "freie Schule" für Kinder. Zwanglos und mit großer Freude lernen sie von Jüngeren, Gleichaltrigen, Älteren, Erwachsenen. Menschen treffen auf Menschen, das reicht vollkommen. Ein einfacher Kubus im Mittelpunkt des Platzes ist Ort vielfältigster Kletterbewegungen. Jedes Kind bestimmt selbst die Intensität der Interaktion, d. h. es bestimmt in Freiheit seine Eigenbewegungen.  Die Erwachsenen sitzen auf Bänken oder in den Cafes des Platzes - so immer für jedes Kind erreichbar.
  594. Eigenbewegung ist die elementare Form von Autonomie. Du bist, was du tust.
  595. Nach Epidaurus pilgerten im Altertum viele Menschen, um Gesundheit zu erlangen. Henry Miller vermutete, dass die Pilger aufgrund ihrer Pilgerreise bereits gesund waren, ehe sie eintrafen.
  596. Welch ein Verlust stellt die Einweg-Kommunikation dar. Der Empfänger müsste rational gesehen von jeglicher Mimik, Gestik und Proxemik absehen - er müsste erstarren. Der erstarrte Mensch - der zukünftige Mensch? Körpersprache ist elementare Eigenbewegung.
  597. Es gibt nicht den Raum an sich, sondern er entsteht durch Erfahrungen oder durch Konstruktion. Ein Auto-Raum unterscheidet sich wesentlich von einem Fußgänger-Raum.
  598. Musik ist Tanz, also Bewegung.
  599. Es gibt kein Leben ohne Bewegung - und wir setzen alles daran, nicht nur die Bewegungen von Hausschweinen (Konrad Lorenz), sondern auch unsere Eigenbewegungen zu minimieren.
  600. In vielen Städten sind unterstützungswürdige Projekte gestartet worden, die Bewegung in öffentlichen Räumen zu fördern. Sie bestehen aus innovativen, alternativen, witzigen Verhaltensabläufen und neuen Infrastrukturen. Mir geht es dagegen primär um die ganz normale, nicht eventmäßige Eigenbewegung in der Stadt, sei es zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
  601. “Freiheit ist nur in der `Reibung´ mit dem Faktischen möglich” (T. Buchheim). In der Eigenbewegung findet Reibung mit der Welt und sich selbst statt - beim Autofahren reibt sich nur das Auto.
  602. Ich bin nicht der Meinung, dass Askese an sich sinnvoll sei, denn dann wäre sie sinnenfeindlich. Nein mir geht es um Askese und Genuss, beide getrennt, nicht zu einem lauen Brei vermischt.
  603. Der Täter, hier das Subjekt der Bewegung, ist nach Nietzsche dem Tun zugedichtet. Ich bin also das, was ich körperlich und geistig tue. Das Ich ist Tätigkeit. Bewegt Euch!
  604. Bismarck behauptete von den Deutschen, dass sie nicht reiten könnten, weil ihnen das nötige Gleichgewicht fehle. Ist das der Grund dafür, dass sie nicht Rad, sondern nur noch mit dem Auto fahren?
  605. Es gibt kein körper- und bewegungsloses Denken.
  606. Wandern und Rad fahren in nicht “aufgepeppten” Landschaften und Siedlungen sind für “moderne” Konsummenschen uninteressant, weil in einer bestimmten Zeitspanne relativ wenige starke Reize “geboten” werden. Für sie ist Disneyland und Fernsehen nicht zu toppen.
  607. Wer sich bewegt, weist zugleich eine höhere Hirnleistung als ein Sitzenbleiber (um zwanzig Prozent) auf.
  608. “Les Parisiens conquis par la revolution du velo” (zentraler Artikel auf der Hauptseite von Le Figaro vom 14. 8. 07).
  609. Genieße Dein Leben, indem Du es selbst lebst. Wahrer und nachhaltiger Genuss entsteht durch anspruchsvolle geistige und körperliche Tätigkeiten.
  610. Warum laufen immer weniger Menschen in den Straßen, warum wird nicht mehr Rad gefahren, warum spielen nicht viel mehr Kinder gemeinsam im Freien?
  611. “Zurück in die Stadt” ist ein kleiner, aber doch feststellbarer Trend. Die Stadt ist Lebensqualität, aber nur dann, wenn auf die direkte Verfügbarkeit des Autos verzichtet wird. Warum ist es eine Zumutung, wenn der Parkplatz 300 Meter von der Wohnung entfernt liegt? Im Gegenteil, auf dem Weg dorthin gäbe es viel zu sehen, und Gehen ist übrigens auch ein Wachmacher.
  612. Selten gehen Menschen an unserem Haus vorbei - und wenn doch, dann sind es überwiegend Frauen. Haber wir ein Männerproblem?
  613. Anklänge zur Eigenbewegung beim Lesen eines Artikels zur Literatur von Hans Ulrich Gumbrecht (in der FAZ vom 27. 6. 07): Um welche Werte und Erfahrungen geht es? - um Ebenen der Imagination und der affektiven Teilnahme,  darum, in verlorene oder auch vertraute Welten des Konkreten einzutauchen, - um Konfigurationen von Farben, Gerüchen, Formen, Klängen. Wiedergewinnung der Selbstreferenz, - um das Phänomen der Stimmung, - um die Vermittlung zwischen Sinnlichkeit und Verstand, - auch um die Reaktion auf die Entsinnlichung unseres Alltags. Immer mehr Leute verbringen ihre wache Zeit vor Computer-Bildschirmen, d. h. in einer Situation von Bewusstsein und Software, die vor alle physischen Aspekte unseres Daseins ein Vorzeichen von Dysfunktionalität und Schein setzt. Wir haben deshalb das Bedürfnis, in die Materialität der Welt einzutauchen.
  614. Beim Gehen und Fahrradfahren entsteht ein „Produkt“, so die eben zurückgelegte Strecke. Es entsteht ein ständiges positives Feedback: Das hast Du geschafft.
  615. In der Eigenbewegung entsteht auch neue Energie.
  616. Ich möchte gerne in einer Straße wohnen, wo nur Fußgänger und Fahrradfahrer an unserer Wohnung vorbeikämen und Kinder spielten. Es könnte auch ein Sandweg sein, auch hätte ich nichts gegen Pfützen.
  617. Beim Gehen bekommt der Tastsinn, der auch in den Fußsohlen vorhanden ist, eine große Funktion und erzeugt substantielle Bedeutungen.
  618. Die ständige gewohnheitsmäßige Nutzung von Fremdenergien (insbesondere das Auto) hat uns unmündig gemacht, uns unserer eigenen Kraft zu bedienen: Wir trauen uns selbst nichts mehr zu.
  619. Natürlich geprägte Landschaften sind notwendige Bedingung für Bewegungen, aber sie determinieren sie nicht.
  620. Wandern ist Selbstzweck im Sinne von Schillers Spielen.
  621. Der “rechte” Weg ist mühsam, wie rechte Wege es zu sein pflegen (Erich Auerbach).
  622. Hatte eine Bronchitis. Danach viel gelaufen: körperliche und geistige Festigkeit stellten sich wieder ein.
  623. Wirklichkeit im eigentlichen Sinne erfahren wir primär über das Gehen.
  624. Wenn Du tief atmest, ist es gut, denn Du bewegst Dich.
  625. Zum Leben gehört Eigenbewegung. Bist Du heute schon gegangen?
  626. Jede denkende Durchdringung eines Themas gleicht einer Wanderung durch unbekanntes Terrain. Auch hier gibt es Sackgassen, Unbegehbares, kurz: Irrtümer.
  627. Auf der Suche nach “Schnappschüssen” des Alltags fuhren die beiden vermögenden Aristokraten (die Gebrüder de Goncourt) Omnibus, gingen in Bordelle, besuchten Krankenhäuser und Elendsviertel (FAZ v. 23. 7.07). Nur so erlangten sie direkte Kontakte von der Welt im Modus der Eigenerfahrung.
  628. Eigenbewegung ist für mich der Inbegriff für eigene, selbstgemachte Erfahrungen und für Autonomie.
  629. Es liegt im Wesen der menschlichen Kraft, dass sie sich nur bei Anwendung vergrößert und verfeinert.
  630. Die Erkenntnis von Hans Blumenberg, dass das Weniger-wahrnehmen-Müssen ganz in den Dienst des Mehr-wahrnehmen-Könnens träte, ist allgemeingültig, trifft also auch auf die Eigenbewegung zu.
  631. Erkenntnisse über sich selbst und der Umwelt liegen bei der Eigenbewegung oft im vorbegrifflichen Bereich.
  632. Eigenbewegung ist nicht nur als Gehen und Wandern lebenswichtig, sondern auch eine fundamentale Weise realer Weltaneignung. Das wäre vielleicht das Feld einer wahrhaft konservativen Anthropologie in humanistischer Absicht.
  633. Autonomie auf elementarer Ebene konstituiert sich durch Eigenbewegung.
  634. Thomas Gottschalk will sich bald von seiner Harley-Davidson trennen. Sein Motto lautet jetzt: “Lieber langsam laufen als schnell fahren.” Wenn man bedenkt, dass Gottschalk Ausdruck und Verstärker von gesellschaftlichen Hauptströmungen ist, liegt hier eine hoffnungsvolle Aussage vor.
  635. Es geht auch um die Befreiung der Eigenbewegung aus den Fesseln des Sports und um ihre Ersetzung durch die Fremdbewegung.
  636. Eigenbewegung ermöglicht Erfahrungen mit anderen und anderem. Eigenbewegung in interessanten natürlichen, kulturellen und sozialen Umwelten erhöht wesentlich die Chance, Alterität zu erfahren.
  637. Obwohl öffentliche Verkehrsmittel Eigenbewegung im Sinne der Ortsveränderung mit Hilfe von Eigenenergie einschränken, lassen sie überraschende soziale Erfahrungen zu und sind allein aus diesem Grunde individuellen Verkehrsmitteln weit überlegen.
  638. In der Eigenbewegung ist man im Zustand der Wahrheit.
  639. Maxime: So viel Eigenbewegung wie möglich, so wenig Fremdbewegung wie nötig.
  640. Jeder Spaziergang kann, muss aber nicht zu einem „event“ werden.
  641. Es könnte sich als fruchtbar erweisen, Schopenhauers Begriff des Willens, der ursprünglichen Lebenskraft, systematisch mit der Eigenbewegung in Verbindung zu setzen. Muskeln sind nicht nur passives Transformationsmedium, sondern auch der physiologische Quellgrund der Kraft.
  642. Nur in der stillen Beobachtung und in der Eigenbewegung ist man offen für Schönheit, aber auch für die Fragilität der Natur.
  643. Eine anregende und befriedigende soziale, kulturelle und natürliche Umwelt unterstützt und erleichtert Eigenbewegung. Das Gegenteil erfährt man leicht, wenn man eine längere Strecke an einer vielbefahrenen Straße gehen muss.
  644. Eigenbewegung schont die Umwelt und verbessert den Zustand von Körper, Geist und Seele. Fremdbewegung entfremdet.
  645. Der Wunsch nach Ortswechsel ist ein legitimes Grundbedürfnis des Menschen. Aber nur im Modus der Eigenbewegung schafft er sinn- und sinnenvolle Erfahrungen, nur sie öffnet Wege und nachhaltige Erinnerungen.
  646. Ich las, dass Paul Gerhardts Sprachrhythmus viel mit dem Rhythmus des Gehens zu tun habe. Das erklärt vielleicht, dass er heute fast nicht mehr verstanden wird.
  647. Eigenbewegung ist eine Handlung. Ein spezifisches Bestimmungsmerkmal der Eigenbewegung ist die Tätigkeit und der Einsatz von Muskeln.
  648. Jede Eigenbewegung ist eine Selbstvergewisserung. Einen Schritt kann man mit einem Gedanken gleichsetzen.
  649. Im Urlaub laufen wir viel. Ernst nach ca. einer Woche gibt mein Körper seinen Widerstand auf und wird behände. Er scheint sich offensichtlich, dieses Zustandes zu erfreuen.
  650. Der Aufwand für eine mehrtätige Wanderung ist von der “materiellen” Vor- und Nachbereitung her gesehen gering. Auch eine Erleichterung.
  651. Die Chance, dass Seele, Geist und Körper eine lebendige Einheit bilden, ist beim Gehen relativ groß.
  652. Frühere “Straßenkindheit” war emotional leichter zu bewältigen, weil die Ortsbewegungen der Kinder autonom von ihnen gestaltet wurden. Auch gab es damals wesentlich mehr soziale Kombinationsmöglichkeiten, da es “draußen” immer Kinder gab.
  653. In der Eigenbewegung entstehen im Mikro- und Makrobereich Kraft und Energie, die die Verbindung zu der jeweiligen Umwelt und zu sich selbst ermöglichen. Man beobachte ein Kind auf der Straße: Es kommuniziert mit seinem ganzen Körper aktiv mit allen möglichen Elementen seiner Umwelt, sei es eine Blume, eine Pfütze, ein Stein, ein Hund oder ein anderes Kind.
  654. In der Eigenbewegung kann ich potentiell Kontakt mit jedem Element meiner Umwelt aufnehmen, in der Fremdbewegung bin ich nahezu vollkommen hermetisch von ihr getrennt.
  655. Laufen = Denken und Handeln. Eine allgemeine Renaissance der Eigenbewegung würde die Umwandlung von Naturlandschaften in ferienindustrielle Gebiete drastisch einschränken.
  656. Grundsätzlich steht die Eigenbewegung für situative Offenheit, das Auto dagegen für Abgeschlossenheit gegenüber den Dingen.
  657. Wie das Haus das größte Reservoir für Energieeinsparungen ist (vgl. Spiegel Nr. 7, 2007), so liegen entsprechende Ressourcen in der Eigenbewegung.
  658. Gehen und Autofahren erzeugen zwei verschiedene Erfahrungswelten - auch wenn die Stadt oder Landschaft identisch ist.
  659. Ich muss gehen, um Neues zu entdecken. Das gilt auch für Bewusstseinsprozesse.
  660. Eigenbewegung ermöglicht sichere Erfahrung.
  661. Wandern ist ein Kräfte”schaffer” und -bildner.
  662. Der Eigenbewegung fehlt es an Vorbildern. Die Eltern fahren ständig - was lernt das Kind? Da muss in ihm schon ein kräftiger Eigensinn vorhanden sein, wenn es sich diesen Zwängen widersetzen kann.
  663. Lebendige und wertvolle Potenzen, die in der “Tiefe” des Körpers vorhanden sind, werden teilweise erst im Modus der Eigenbewegung frei.
  664. Die vernünftige Mobilitätsregel lautet: Alle Ortsveränderungen zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchführen - nur den notwendigen Rest mit dem Auto.
  665. Meide Orte, die nur mit dem Auto erreichbar sind.
  666. “Wer im Theater nur auf Monitoren etwas sehen kann, dem wird das Ausmaß unseres Ausgeliefertseins an die mediale Reflexion der Welt erst spürbar. Aufspringen, die Perspektive wechseln, sich seines Status als Durchgangsreisender in der Welt bewusst zu werden, statt sich bequem in die Polster der Unterhaltungsindustrie fallen zu lassen, dazu forderte Forsythes Arbeit stets auf” (Wiebke Hüster in der FAZ vom 3. 2. 07).
  667. Ich bin fest davon überzeugt, dass intensive körperliche Eigenbewegung und intensive geistige Bewegung sich gegenseitig stützen. Überhaupt sollte immer ein intensives und gehaltvolles Leben angestrebt werden: Eine Mahler-Sinfonie hören und (nicht “oder”!) eine anspruchsvolle Wanderung bzw. Spaziergang heißt die Devise.
  668. Emersons Gedanke, dass Wohltun die Endabsicht der Natur sei, hat etwas Überzeugendes. Im Modus der Eigenbewegung wird diese Einsicht zur sicheren Erkenntnis.
  669. Eigenbewegung in Form des Wanderns heißt Maximum an Selbst- und Umwelterfahrung und Minimum an Umweltbelastung.
  670. Nach Schopenhauer besteht zwischen dem Willensakt und der Leibesaktion Identität, d. h. Stärkung der Eigenbewegung ist Willensstärkung wie umgekehrt die Willensstärkung die Wahrscheinlichkeit zur Eigenbewegung vergrößert - wenn die rechte Einsicht vorhanden ist.
  671. Dass wir durch bestimmte Körperhaltungen und Gestik Einfluss auf unsere Gefühlen nehmen können, wissen wir seit Pascal. Das gilt auch für Ortsveränderungen im Modus der Eigenbewegung. Es entsteht Lebensmut.
  672. Meine Musikbegegnung ist ausschließlich von konsumtiver Art - und ich leide nicht wirklich. Vielleicht kann man einen Analogieschluss ziehen: Habituelle Autofahrer und Fernsehsehkonsumenten leiden schlicht nicht am Verlust von Eigenbewegung. Konsequenz: Ich müsste endlich ein Musikinstrument spielen lernen, der Autofahrer und der Fernsehkonsument müssten sich selbst bewegen.
  673. Eine Möglichkeit, Einheit mit Welt zu stiften, bieten östliche Übungen wie Tai-Chi, wo der Subjektpol mit inneren Bildern verbunden wird.
  674. Eigenbewegung und Bildung gehören zusammen. Eigenbewegung ist Handlung und damit das Fundament der Bildung, sie ist die Lektion des Bei-der-Sache-Bleibens, des Hier-und-Jetzt. 
  675. Eigenbewegung, wenn selbst bestimmt, geschieht im Modus der Freiheit.
  676. Die Fähigkeit zur Eigenbewegung ist ein Geschenk. Jeder Kranke weiß es - und trotzdem nehmen wir dieses Geschenk nicht an.
  677. Eigenbewegung ist grundlegende Ausdrucksform der Gefühle, dient als Medium für Heilungsprozesse. ist die Sprache des Körpers und zeigt die innere Welt des Menschen. Auch dient sie zur Kontaktaufnahme zur Welt und zu anderen Menschen. Veränderte Bewegungsmuster weisen auf Veränderungen der Lebens- und Beziehungsmuster. Eigenbewegung unterstützt Menschen in ihren persönlichen und kreativen Wachstumsprozessen und öffnet den Zugang zum eigenen Lebenspotential. Bewegung hilft, innere Strukturlosigkeit zu überwinden bzw. neue Strukturen zu schaffen oder verdrängte zu revitalisieren. Die Offenheit von Eigenbewegung veranlasst dazu, sich auf die Komplexität und Dynamik von Situationen einzulassen. Die Bewegung ermöglicht  das Wahrnehmen anderer Sichtweisen, so dass gewohnte Konstruktionen aufgehoben werden und das Finden und Erfinden neuer Wirklichkeiten möglich wird. Der Mensch wird wieder handlungsfähig, um eine gesteigerte Lebenszufriedenheit zu erzielen. (Diese Sätze sind leicht verändert dem Artikel "Tanzen als Psychologie" im Flensburger Tageblatt vom 6. 1. 07 entnommen, wobei ich "Tanzen" und "Eigenbewegung" aus guten Gründen gleichgesetzt habe.)
  678. Wenn ich mich selbst nicht bewege, findet die Vernichtung "meiner" Räume statt. Mit körperlicher Bewegung ausgefüllte Räume sind auch immer geistige Räume.
  679. In der Eigenbewegung sind Körper, Geist und Seele eins. In der Fremdbewegung ist der Körper nahezu funktionslos, Geist und Seele sind reduziert.
  680. Am Sonnabend vormittag sind wir zu Fuß zum Markt in die Innenstadt gelaufen (4 km). Zurück nahmen wir den Bus, waren fünf Minuten zu früh da, hatten also Zeit zum müßigen Beobachten. Auch das gehört zur Lebensqualität. Wie reduziert dagegen dieselbe Strecke mit dem Auto. Um den Verlust durch Fremdbewegung zu erkennen, sollte man gelegentlich die Anzahl der getauschten Augen-blicke mit anderen Menschen in den verschiedenen Modi der Bewegung zählen - vielleicht führt das zu einer Veränderung der eingefahrenen (wortwörtlich!) Gewohnheiten.
  681. Eigenbewegungen ermöglichen Energieeinsparungen - und das ist heute kein unwichtiges Argument.
  682. Insbesondere die Stadt ist wesenhaft untrennbar mit der Eigenbewegung verbunden - beide stehen in einem komplementär-konstitutiven Wechselverhältnis.
  683. Provence- und Toskanafilme sind beliebt, weil in ihnen Natur, direkte menschliche Kontakte und der Mensch dominieren. Also Werte, die zunehmend in der heutigen Welt verschwinden.
  684. Heute sollte vor dem delphischen "gnothi seauton" (Erkenne Dich selbst) das "Bewege Dich selbst" stehen.
  685. Das eine Kind hüpft auf dem Bordstein rauf und runter, das andere sitzt und starrt auf den Fernsehschirm. Die Differenz? Die Schönheit der eigenen Bewegung spüren -  aber auch die der anderen genießen.
  686. Die sichtbare Wiederkehr der Nachbarin - sie hat einen kleinen Hund bekommen.
  687. "Jeder Schritt ein Gedanke und jeder Atemzug ein Gedicht" (von Robert Walser, gefunden in einem lesenswerten Essay von Brigitte Kronauer in der FAZ vom 29. 12. 06)
  688. Nur noch im Urlaub greifen die Menschen - aber auch dort immer weniger - auf die Möglichkeit der Eigenbewegung zurück. Warum?
  689. Wir müssen uns um unseren Körper bemühen, uns um sein Wohlergehen kümmern - und das heißt heute primär sich bewegen.
  690. Beim Gehen kann ich jederzeit stehen bleiben und Dinge der Umwelt betrachten, sie in Ruhe bedenken und in ein Gespräch mit ihnen eintreten.
  691. Ein Argument gegen die sitzende Lebensweise: "Körper und Geist können unmöglich elastisch werden, wo nicht starke Wechsel stattfinden" (Hippokrates).
  692. Die Eigenbewegung in sozialen Alltagswelten führt häufig zum Aufeinandertreffen mit anderen Menschen - und das ist gut so. Hier ist eben nicht alles perfekt geregelt. Heute hat Ordnung primär die  Funktion, Menschen aneinander vorbeizuführen.
  693. Erstaunte und bewundernde Ausrufe wie "Das könnten wir nie" oder "Das trauen wir uns nicht zu" hören wir auf unserer Wandertour vom Königssee zum Spitzingsee mehr als einmal. Dabei sind wir keine Sportler, keine habituellen Wanderer, sondern gehören eher in die Kategorie Spaziergänger im fortgeschrittenen Alter. Aber es stimmt, wir gehen gerne. Im Rucksack ist alles Notwendige, er ist zwar nicht ganz leicht, aber dadurch bekommt die ganze Tour einen Touch von Ernsthaftigkeit und Professionalität. Vom Norden über München kommt man problemlos mit Hilfe eines vorzüglichen Nahverkehrssystems nach Berchtesgaden. Wir sind jeden Tag nie mehr als 20 Kilometer gelaufen. Von den durchwanderten Orten hat uns Bayrischzell am stärksten angerührt. Ich habe das Ensemble von Kirche, Rathaus, Ortsgasthaus und Zellerhof noch ständig vor Augen. Beispielhaft sei der letzte Tag unserer Wanderung von Bayrischzell zum Spitzingsee etwas genauer beschrieben: Am Waldrand ca. drei Kilometer bis nach Osterhofen, von dort dann hoch zur Rotwand (1884 m) vorbei am Soinsee, ein sehr stille, und idyllisch gelegener See, in dem einige Jugendliche baden und an dessen Ufer viele Wanderer und Spaziergänger rasten. Über die Großtiefenthal-Alm der ultimative Anstieg zum Rotwandhaus. An einer Hütte bekommen wir klares Quellwasser zu trinken. Insgesamt ist der Anstieg sehr anstrengend, aber auch unbeschreiblich schön. Das Rotwandhaus ist draußen voller Menschen, alle sind offensichtlich gut drauf, viel Lachen und glückliche Gesichter. Auch junge Eltern mit Kinderwagen, überhaupt viele Kinder. Sitzen zwei Stunden bei großer September-Hitze (!) entspannt an der Hüttenwand. Dann fast wieder topfit in zweieinhalb Stunden bequem auf der Via Alpina zum Spitzingsee. Abends im Arabella-Hotel übernachtet. Kein Problem mit Übernachtungen, die Palette reicht vom Bauernhaus bis zum edlen Hotel. Die Karten sind sehr hilfreich, zumal die Strecken gut ausgeschildert sind. Es gibt keine realen Hindernisse, die bestehen offensichtlich nur in den Köpfen. Das kann jede und jeder. Auf einer solchen Tour erfährt man viel von der Welt und sich selbst. Viel mehr als in einer All-Inklusivtour nach Lanzerote oder mit dem Wagen von Hamburg nach Sizilien.
  694. Wir sind abends in ein drei Kilometer entferntes Restaurant eingeladen worden. Es regnet. Wir laufen in Regenkleidung und festen Schuhen dort hin. In einem Rucksack sind leichte Schuhe und ein Handtuch. Auf der Toilette ziehen wir uns um - und können, was Eleganz betrifft, sehr wohl mit den Anwesenden mithalten.
  695. Autos fahren aneinander vorbei, Fußgänger treffen aufeinander - tauschen Augenblicke aus, sprechen miteinander oder weichen ggf. aus. Beim Gehen entstehen kommunikative Möglichkeitsräume.
  696. Bewege Dich, und es geht Dir schon besser- zumindest meistens.
  697. Es geht hier nicht um Abkehr von Zivilisation, Kultur und Gesellschaft - im Gegenteil: um Welt- und Selbstintensivierung.
  698. Zum wirklichen Erlebnis und zur Weltbegegnung muss muskuläre Tätigkeit dabei sein. Muskeltätigkeit ist Indikator und Garant für das menschliche Maß. Aber Muskeltätigkeit muss in ,,guter" Umgebung stattfinden. Muskeltätigkeit ist Eigenes, Quelle der Freude und Selbstgewissheit.
  699. Beim Gehen und Fahrradfahren entdeckt man auch das Fremde in sich und das Fremde in den Dingen, d. h. deren Autonomie.
  700. Wenn wirkliches Merken nur muskulär geschieht, dann merkt man nicht die Bewegungslosigkeit. Die Bewegungstheoretiker verlassen nicht den Gegenstand ,,Bewegung", sie können deshalb  „Nicht-Bewegung" eigentlich nicht denken. Das können nur Mediziner.
  701. Guckt Euch die muskulären Tätigkeiten an und ihr habt eine reale Grundlage für die Bestimmung von Ideologien und Werbung.
  702. Mein Ansatz geht mit Sport zusammen, weil beide die muskulären Tätigkeiten als wichtig erachten. Folglich ist der Motorradsport kein Sport und mit Recht nicht auf der Olympiade vertreten.
  703. Laue Sommernacht: Das Geräusch des Getreidemähers eines Bauern durchdringt den Abend, dann heulen Motorräder auf und beschallen den ganzen Stadtteil. Ersteres ist in Ordnung, letzteres nicht. Die wertende Differenz liegt im Unterschied von Notwendigkeit und Nichtnotwendigkeit.  
  704. Autofahren erzwingt immergleiche Bewegungen, in diese Struktur kann auch das Denken geraten.
  705. Eigenbewegung vermittelt das Konkrete und das Materielle und nicht das Allgemeine und den Begriff.
  706. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Mensch oder Dinge bzw. Informationen transportiert werden.
  707. Ein Körper, der keinen Muskel betätigt, hat keinen Kontakt zur Umwelt und zu seinem eigenen materiellen Körper. Wer sich nicht bewegt, spürt nichts. Muskelbewegung ist notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung des Lebens.
  708. Muskellose  Tätigkeit ist nur beim Lesen, Betrachten und natürlich Schlafen sinnvoll.
  709. Mit dem sich bewegenden Körper kritisieren heißt: Unbeweglichkeit mit Beweglichkeit kritisieren, nicht mit Begriff und Reflexion; dann werden auch gespeicherte Erfahrungsspuren, Gedanken, Gefühle und Vorstellungen in Bewegung gesetzt. Das ist auch ein Sinn meines Selbstexperiments und eine Quelle und Fundament meiner Gedanken.
  710. In der Bewegung verkörpern wir das Unsichtbare, d. h. vielleicht Alles in uns, zumindest unsere Potentialität. Bewegungen haben einen aristokratischen Charakter, sie sind eine hohe Form des Menschseins, zumindest viel mehr als in der Fremdbewegung. In der Fremdbewegung ist der Mensch grundsätzlich reduziert.
  711. Erst in der taktilen Auseinandersetzung bemerke ich ein Ich, bringe ich mich ganzheitlich ein. Nicht das Cogito, sondern das Taktile gibt größte Sicherheit.
  712. Es gibt  ein anthropologisches Bedürfnis nach Eigenbewegung - wenn man nicht schon innerlich gestorben ist.
  713. Gehdiskurs ist in Praxis transformierter Aufklärungsdiskurs.
  714. Gehen ist sich selbst wahrhaftig zum Ausdruck bringen. Zur Humanität gehört unabdingbar Eigenbewegung.
  715. Unter Eigenbewegung werden hier ortsverändernde Bewegungen verstanden, die mit Hilfe körpereigener Muskeln durchgeführt werden. Das reicht von zu Fuß gehen über Rad fahren bis zum Skaten. Es geht um Eigenbewegung in interessanten natürlichen, kulturellen und sozialen Alltagswelten.
  716. Doris Bachmann-Medick beschreibt in ihrem informativen Buch ,,Cultural turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften" (Reinbek 2006) die sogenannten ,,Wenden" in den Kulturwissenschaften. Im Spatial Turn wird der Raum ,,zu einer zentralen Analysekategorie, zum Konstruktionsprinzip sozialen Verhaltens, zu einer Dimension von Materialität und Erfahrungsnähe sowie zu einer wirkungsvollen Repräsentationsstrategie" (S. 42). Eigenbewegung und der jeweilige Raum bilden eine untrennbare, sich wechselseitig beeinflussende Einheit. Achtet auf die Räume! 
  717. Eigenbewegung ist Leben, Bewegungslosigkeit ist letztlich der Tod. 
  718. Psychische Widerstände erscheinen oft als körperliche Restriktionen und Schmerzen. Es sind gewissermaßen Rationalisierungen. Sie werden am effektivsten in der Eigenbewegung aufgebrochen. 
  719. Sport ist Bewegung im Zwangsrahmen. 
  720. Ich wünsche mir eine Stadt, in der sich die Menschen in Eigenbewegung, sei es zu Fuß oder mit dem Rad, fortbewegen. Öffentliche Verkehrsmittel wären für ,,Restbewegungen" zuständig. 
  721. Im Modus des Wanderns ist die Einheit von Subjekt und Objekt wohl noch am lebhaftesten gegenwärtig. Ulrich Grober gelingt es in ,,Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst." Frankfurt am Main 2006 (Zweitausendundeins) in einzigartiger Weise, diese Einheit zu vermitteln, dass man zeitweilig sogar meint, nicht zu lesen, sondern zu wandern. 
  722. Sich in interessanten sozialen Umwelten zu bewegen, heißt auch, in Kontakt mit Menschen zu sein, auch mit solchen, die einem nicht so geheuer sind - aber auch das gehört zu einem nicht-reduzierten Leben. 
  723. Gehen ist nicht Energieverlust, sondern Energiegewinn - natürlich innerhalb von Grenzen. Wie regsam ist man während und nach einem Spaziergang. 
  724. Gehen und Fahrradfahren stärken das Soziale und die Gesellschaft, denn hier herrscht reale Öffentlichkeit im Sehen und Gesehenwerden, im Blick und antwortenden Blick, im Gewahrwerden und Intervention. 
  725. In der Eigenbewegung verringert sich Täuschung bzw. Selbsttäuschung, während die Möglichkeiten der Selbstbestimmung wachsen. 
  726. Die Angehörigen hoher und höchster Stände liefen nicht in der Stadt, sondern ritten, fuhren in der Kutsche oder ließen sich in der Sänfte tragen. Rousseau war wohl der erste, der auf die damit verbundenen Verluste hinwies. Heute ist Rousseau ,,überwunden", nahezu keiner geht mehr zu Fuß. Der aufrechte Gang im Sinne von Ernst Bloch  ist keine Option mehr. 
  727. Gehen oder Rad fahren bedeutet Wachstum und kostet nichts. Ist dieses ökonomische Argument der Grund für das tendenzielle Verschwinden dieser Fortbewegungsmöglichkeiten aus dem Alltag? 
  728. Beim Gehen sehe ich alles, was ein Mensch überhaupt sehen kann.